Wahl in Tunesien

Traum der Freiheit

Das Land ist die Wiege des Arabischen Frühlings. Wenn am Sonntag der Präsident gewählt wird, droht dem Land eine Zerreißprobe: Gelingt es, die Islamisierung zu stoppen?
  • Anhängerinnen von Abir Moussi – sie ist auf den Fähnchen abgebildet – feiern ihre Kandidatin. Foto: Katharina Eglau
Langsam erlischt das Licht. Die Gespräche im Kongresssaal des Fünf-Sterne-Hotels Laico von Tunis verstummen. Der Hauptdarsteller betritt die Bühne, umflutet von einem runden Lichtkegel, die Finger der rechten Hand zum Victory-Zeichen gespreizt. Youssef Chahed war drei Jahre Premierminister Tunesiens, der jüngste Regierungschef in der Geschichte des Landes und gleichzeitig derjenige, der sich nach dem Arabischen Frühling 2011 am längsten an der Macht halten konnte. Jetzt will der 43-Jährige ganz nach oben und in den Präsidentenpalast einziehen.

Die nächste Dreiviertelstunde folgt ihm der Scheinwerfer auf jedem Schritt. Youssef Chahed redet von seinem „pragmatischen Traum“ für ein Tunesien, in das Touristen gerne reisen, in dem die Bürger sich sicher fühlen und gut leben, eine Nation mit weniger Bürokratie und weniger rigiden Vorschriften. Doch der Weg dahin ist dornig und lang, auch unter seiner Regie ging es nur in Trippelschritten voran. Tunesien sei eine große Baustelle, für die man „Willen, Beharrlichkeit und Geduld braucht“, sagt er. Auf seinen Wahlplakaten posiert der gelernte Agraringenieur vor saftig-grünen Landschaften und einem Feld aus Sonnenpanelen. „Ich vertraue ihm, er ist jung, dynamisch und ein fähiger Mann“, quittiert ein älterer Zuhörer im Saal den Auftritt.

Wahlkampf aus der Zelle

Seit Monaten liegt der Medienmogul Nabil Karoui in den Umfragen vorn. Kurz vor Beginn des Wahlkampfes dann der Paukenschlag. Wie aus heiterem Himmel wurde Karoui verhaftet wegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche. Seine Kampagne musste er fortan aus der Gefängniszelle dirigieren. Nicht nur Karouis Anhänger sind überzeugt, dass Regierungschef Youssef Chahed hinter der dubiosen Verhaftung steckt, um seinen charismatischen Rivalen mundtot zu machen. Und so könnte diese Konfrontation zwischen der Staatsmacht und ihrem unkonventionellen Medien-Herausforderer zu einer gefährlichen Zerreißprobe für die fragile Demokratie werden. Denn der Populist Nabil Karoui hat trotz Haft und Handschellen reelle Chancen, in den Präsidentenpalast einzuziehen. Seit dem Frühjahr bereits inszenierte er sich im ganzen Land als Volkstribun, Anwalt der Vergessenen und Seelsorger der Nation. Diese Kampagne bescherte ihm eine Serie professionell gemachter Videoclips – ein visueller Fundus, mit dem der prominente Häftling nun jeden Tag per Facebook weiter punkten kann. „Sie haben einen speziellen Platz in meinem Herzen“, umgarnt er eine Gruppe Landfrauen mit gegerbten Gesichtern, bunten Kopftüchern und bestickten Roben.

Auf andere Art volksnah gibt sich Abdelfattah Mourou, indem er stets in traditioneller tunesischer Jebba-Robe und mit der weiß-roten Kopfbedeckung eines Islamgelehrten auftritt. „Wählt den Kompetentesten. Für ein besseres Tunesien“, steht auf seinen Plakaten, von denen er eines in dem ärmlichen Medina-Bezirk Bab Souika, wo er aufwuchs, eigenhändig an eine Mauer leimt. „Ich bin einer von euch, ich esse wie ihr, ich schlafe wie ihr und ich hatte das gleiche miserable Leben wie ihr“, sagt er zu Umstehenden bei einem Gang durch das heruntergekommene Trabantenviertel Ettadhamen im Norden von Tunis.

Für Abir Moussi, die eine der beiden Kandidatinnen, ist das alles Camouflage, um die Bevölkerung zu täuschen. Die ehemalige Funktionärin der 2011 aufgelösten Einheitspartei von Diktator Ben Ali setzt auf klare Kante. Die Anwältin hofft, von der Angst vor einer schleichenden Islamisierung und von einer nostalgischen Sehnsucht zurück zu straffen Verhältnissen zu profitieren. Ihr „großer Führer“ ist Staatsgründer Habib Bourguiba. „Ich bin die Enkelin von Bourguiba“, ruft sie im Sportzentrum von La Goulette, dem alten Fischer- und Hafenviertel von Tunis, in die Menge, zu der auffallend viele jüngere Frauen und ältere Männer zählen. 1200 Anhänger sind gekommen. „Abir, das Volk steht hinter dir“, feiern sie die 44-jährige Mutter zweier Töchter. Sie wirbt für die Trennung von Politik und Religion sowie für einen starken Staat, um die Islamisten von Ennahda in Schach zu halten, deren Partei sie lieber heute als morgen von der Justiz verboten sehen möchte. „Was nützt die Meinungsfreiheit, wenn ansonsten alles drunter und drüber geht.“
© Südwest Presse 13.09.2019 07:45
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