Interview

Der Typ Ur-Schwabe

  • Josef Schmid ist Professor für Politikwissenschaft in Tübingen. Foto: Uni Tübingen
Winfried Kretschmann sei der richtige Kandidat, um in die CDU-Klientel hineinzublinken, sagt der Politologe Josef Schmid.

Hat Sie die Entscheidung von Winfried Kretschmann überrascht?

Josef Schmid: Nein. Die Grünen im Land sind zwar stabil, doch um ganz sicher zu gehen, musste Winfried Kretschmann noch einmal antreten. Er ist der populärste Kandidat. Er kann die Positionen der Grünen in der Gesellschaft und in der CDU-Wählerschaft verankern.

Mit 71 Jahren ist er nicht mehr der Jüngste. Ist das eine Bürde?

Das hängt nicht vom Alter ab. Kretschmann macht einen fitten Eindruck. Und Unfug kann man auch im jüngeren Alter machen.

Aber droht mit der dritten Amtszeit nicht eine Stagnation im Land?

Da gibt es kein ehernes Gesetz. Amtsinhaber tendieren zwar zu einer gewissen Trägheit. Doch das hängt auch vom Umfeld ab. In einer Koalitionsregierung ist der Druck auf Amtsinhaber schon einmal höher. Und dann haben wir derzeit eine dynamische Zivilgesellschaft. Kretschmann wird sich nicht frühverrenten und dann im Amt bleiben. Falls er nicht mehr kann, wird er gehen.

Glauben Sie, dass Kretschmann die volle Amtszeit ausschöpft?

Wenn er gefragt wird, muss er antworten Ja. Strategisch müssten die Grünen sagen, dass er ein bis zwei Jahre vor der nächsten Wahl zurücktreten soll.

Was sagt die Kandidatur über die Grünen im Land? Fehlt ihnen Spitzenpersonal?

Es fehlt ihnen Spitzenpersonal, das in der Lage ist, die Breite abzudecken, die Kretschmann abdeckt. Er ist mit Abstand der beste Kandidat. Ich würde im Umkehrschluss aber nicht sagen, bei den Grünen gibt es niemanden, der in der Lage wäre, die Aufgabe zu übernehmen. Die Grünen im Land müssen weit in die CDU-Klientel hineinblinken. Das kann Kretschmann. Er verkörpert einen grün-konservativen Menschenschlag, den Ur-Schwaben sozusagen.

Was bedeutet die Kandidatur für die CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann? Ist ihre Aufgabe schwerer oder leichter geworden?

Schwerer. Jetzt weiß sie zwar, mit wem sie es zu tun hat. Doch wie begegnet man einem Schwergewicht? Soll die CDU Ökothemen aufgeben und der AfD Konkurrenz machen? Das hieße, die Mitte preisgeben. Wenn sich Grüne und CDU um die Mitte streiten, bleiben die Ränder frei. Das nützt der AfD. Und das ist das Kritische an der Situation. Elisabeth Zoll
© Südwest Presse 13.09.2019 07:45
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