Alles viel zu komplex! Na und?

Die Welt erscheint uns immer unüberschaubarer. Viele Menschen empfinden das als bedrohlich. In Wirklichkeit aber bringen uns Umbrüche wie diese erst voran.
  • Foto: Illustration: Jörg Block
Vier Fahrgäste – zwei Frauen, zwei Männer – in einem Regionalexpress zwischen München und Stuttgart: Sie regen sich auf. Über zwei Brücken im oberschwäbischen Biberach, die vor ein paar Jahren eigens für Fledermäuse gebaut wurden – für hunderttausende Euro. Über Steuerverschwendung im Allgemeinen und im Besonderen. Über den Schutz von Juchtenkäfer, Echse und sonstigem Kriech- und Krabbelgetier. Über große Bauvorhaben, die nicht vorankommen. Wegen des Getiers oder weil der Brandschutz überhandgenommen hat. Und über Politiker, „die da ja auch nicht mehr durchblicken“. Dann will eine der beiden Frauen etwas Schlaues sagen. Mit einem Seufzer versucht sie, dem ganzen Wirrwarr um sie herum etwas Absolutes zu verleihen. Sie sagt: „Die Welt ist heute viel zu komplex.“

Da ist er wieder, dieser Satz. Was heißt Satz. Es ist fast schon eine Proklamation – eine, die gefühlt genauso oft pro Tag in Deutschland fällt, wie es Käfer, Echsen und Fledermäuse zusammen in dieser Republik gibt. Diese verflixte Komplexität, sie kann ja auch für so vieles herhalten: für das Versagen von Politikern und die Überforderung des Menschen. Für gesellschaftliche Entfremdung, Orientierungslosigkeit und ein fehlendes Heimatgefühl. Für Hass auf die (vielen) anderen in diesem heterogenen System. Für ein kaum beschreibbares Gefühl irgendwo zwischen Instabilität, Kontrollverlust und fehlendem Vertrauen. Und natürlich auch für große Bauvorhaben, deren Kosten aus dem Ruder laufen. Wenn schon sonst keiner mehr durchblickt, ist doch wenigstens diese Feststellung wohltuend einfach: Schlecht ist sie, die Komplexität, ein Grundübel unserer Zeit.

Ist sie das wirklich? Die Komplexität nimmt zu, das ja, mit durchaus hohem Tempo. Sie ist anstrengend, auch das. Aber sie ist weder etwas Neues noch für sich genommen furchteinflößend. Nehmen wir das menschliche Gehirn. Es ist das komplexeste System, das wir kennen – und zugleich großartig. Die Forschung wird es aller Voraussicht nach nie in all seinen Facetten durchdringen können. Doch es lässt uns täglich denken, sprechen, reagieren, entscheiden, fühlen und nicht nur unsere Umgebung, sondern auch uns selbst bewusst wahrnehmen. Daraus resultiert menschliches Handeln – und genau dieses Handeln hat die Welt von heute mitgeformt. Warum sollte das Ergebnis dieser bemerkenswerten Leistung per se etwas Schlechtes sein – und nicht nur eine Entwicklung?

Reichlich Stoff für Generationenzoff

In Phasen von gesellschaftlichen und technologischen Umbrüchen wird Komplexität besonders sichtbar. Alte Routinen brechen weg, neue müssen erst entstehen. Das macht es unkomfortabel. Fortschrittsskepsis zieht sich allerdings durch weite Teile der jüngeren Geschichte. Die Vergangenheit: rosig. Die Gegenwart: unüberschaubar. Die Zukunft: nicht auszudenken!

Solche Empfindungen bieten seit jeher Stoff für Generationenzoff. „Früher war alles einfacher“, ist ein Satz, den sicher jeder schon mal von Älteren gehört hat. Große Veränderungen wirken als Verstärker für das mulmige Gefühl. So war die Eisenbahn im 19. Jahrhundert für viele erst einmal ein „Teufelsding“. Die Menschen waren es nicht gewohnt, in so kurzer Zeit längere Strecken zurückzulegen. Heute ist jedes E-Bike schneller als die erste Lokomotive.

Inzwischen hat der Grad der weltweiten Vernetzung Dimensionen erreicht, die im 19. Jahrhundert unvorstellbar waren. Jährlich reisen mehr als eine Milliarde Menschen in ein anderes Land. Wer sich eine Karte von internationalen Flugbewegungen anschaut, sieht nicht nur viele Linien, sondern über den USA und Europa riesige Knäuel, zu denen sich die einzelnen Routen zusammenballen.

Doch auch das ist nur ein kleiner Teil des großen Ganzen. Warenexport weltweit, Datenströme, Geldflüsse, Energieversorgung, Kulturaustausch und, nicht zu vergessen, die vielen Einzelakteure vom einzelnen Erdbewohner über Regierungen bis zu transnationalen Großkonzernen und internationalen Organisationen.

Unsere globalisierte Welt besteht also aus Unmengen von komplexen Systemen, angefangen bei der kleinsten Zelle. So sieht es die Wissenschaft, die versucht, das Zusammenspiel der einzelnen Teile mit Hilfe von Theorien zu erklären. Wird man sich nur annähernd bewusst, aus wie vielen Steinchen moderne Gesellschaften zusammengebaut sind, ist es erstaunlich, dass sie existieren können. Der Mensch nimmt von all diesen Strukturen jedoch nur Bruchteile wahr: seine Familie, seinen Stadtteil, seine Arbeit, die Politik der eigenen Regierung. Die Brille, durch die er die Welt betrachtet, ist mit den neuen Kommunikationsmitteln allerdings größer geworden ist. Das macht es unübersichtlicher. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Politisch ist die Mixtur aus Überlastungssyndrom, Orientierungsproblemen und Dauer-Erregung gefährlich. Sie gibt extremen Kräften Nahrung, um einen Stachel in vielschichtige Gesellschaften zu treiben. Die Suche nach einem Schuldigen führt zum Groll gegen „die da oben“, die diese Welt mitgeformt haben und sie verteidigen. Die Rezeptur: einfache Botschaften, die die vorhandene Komplexität ausblenden.

Viktor Orban etwa flößt den Ungarn seit Jahren über staatlich dominierte Medien ein, dass Flüchtlinge aus muslimischen Ländern allesamt kriminell sind. Das Lügenmärchen mit der Gut-Böse-Botschaft ist dort in vielen Köpfen inzwischen fest verankert. Russlands Präsident Wladimir Putin verfolgt das Prinzip der groben Vereinfachung seit jeher zur Machtsicherung. Donald Trump ist mit der Methode der faktenentleerten Vereinfachung US-Präsident geworden. Und in Deutschland gibt die AfD den „Volksversteher“, als existiere ein einheitlicher „Volkswillen“. Vielschichtigkeit wird bewusst ignoriert.

Zurück in die Steinzeit-Höhle?

Der komplexen Welt positive Seiten abzugewinnen, fällt vielen Menschen schon deshalb schwer, weil sie diese nicht durchschauen. Dabei liegt das in der Natur der Sache. In dem Begriff steckt das lateinische „plectere“, im Sinne von verflochten oder verwoben. Je mehr Elemente ein System hat, und je mehr unterschiedliche Verflechtungen es zwischen diesen gibt, desto komplexer ist es. Bezogen auf Gesellschaften stehen wir also vor einem undurchschaubaren Dickicht. Niemand kann voraussehen, was passiert, wenn man an einer Stelle zieht. Auch die Politik kann das übrigens nicht, was sie öfters mal eingestehen sollte. Die „einzig wahre“ Entscheidung zu treffen, ist so gut wie unmöglich. Aber im Nachhinein kann der Mensch mit seinen Fähigkeiten messen, was aus seinem Handeln folgte. Er kann das Resultat analysieren und nachjustieren.

Dass die Welt so komplex ist, ist letztlich vor allem das Ergebnis von Lern- und Erfahrungsprozessen. Sie haben dazu geführt, dass die Menschen sesshaft wurden und die Landwirtschaft erfanden. Später bildeten sie Städte und noch später kam die Industrialisierung. Die aktuelle Phase ist von Globalisierung, Digitalisierung und Algorithmen geprägt, wobei die Künstliche Intelligenz erst noch am Anfang steht. Es ist der nächste große Umbruch, der dann wieder zu neuen Systemen führt.

„Komplexität ist letztlich der Schlüssel zum Verständnis unserer Welt“: Der Soziologe Armin Nassehi hat es vor einigen Jahren in einem „Welt“-Interview treffend zum Ausdruck gebracht. Das heißt nicht, dass man alles hinnehmen muss – im Gegenteil. Umbrüche und Neuerungen bringen Turbulenzen mit sich, sie bedürfen der kritischen Begleitung und der Mitgestaltung. Aber Komplexität mitsamt ihren Widersprüchen lässt sich nicht reduzieren, sofern wir nicht zurück in die Steinzeit-Höhle wollen. Wir sind vielmehr ein Teil von ihr. Von daher: Ja, die Welt ist sehr komplex. Na und?
© Südwest Presse 14.09.2019 07:45
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