Natur

Insektensterben ist „beunruhigend“

Experten stellen erste Erkenntnisse aus einem landesweiten Monitoring für Schmetterlinge, Heuschrecken und Biomasse vor. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Rückgang der Tiere im Südwesten.
  • Eine Biene fliegt von Blüte zu Blüte. Auf landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen finden vor allem Wildbienen heutzutage keine Nahrung mehr. Deshalb gibt es immer weniger von ihnen und vielen anderen Insekten. Foto: Thomas Warnack/dpa
Menschen, die viel in der Natur sind und sie aufmerksam beobachten, haben es schon geahnt: Auch Baden-Württemberg ist „massiv vom Insektensterben betroffen“. Experten des Landesinstituts für Umwelt (LUBW) haben im Auftrag des Umweltministeriums 2018 ein Insekten-Monitoring gestartet. Die ersten Ergebnisse wurden am Donnerstag in Stuttgart vorgestellt. „Sie sind besorgniserregend“, sagte Andre Baumann, Staatssekretär im Umweltministerium. „Wir sind beunruhigt.“ In den Insektenfallen wurden weniger als fünf Gramm Insektenbiomasse pro Tag gefangen. „Das ist viel zu wenig“, sagte Baumann.

Das Ergebnis aus dem Land bestätige das, betonte Baumann, was die 2017 veröffentlichte „Krefelder Studie“ schon ergeben hatte: dass die Artenvielfalt unter den Insekten stark zurückgeht. Für die „Krefelder Studie“ hatten zahlreiche ehrenamtliche Entomologen von 1989 bis 2015 an 60 Standorten in Nordrhein-Westfalen wissenschaftliche Daten zur Entwicklung der Insektenvorkommen erhoben. Mit dem Ergebnis, dass in den 27 Jahren die Biomasse an Insekten um 75 Prozent geschrumpft ist. Als Biomasse wird die Masse an Insekten bezeichnet, die im Lauf eines Jahres in einer speziellen Malaise-Falle gefunden wird.

Indikator für den Klimawandel

Wie hoch der Rückgang in Baden-Württemberg ist, kann bislang nur ansatzweise gesagt werden. „Die Ergebnisse sind ein Trend“, hieß es gestern. Erst 2021 sollen nach Aussage der Experten alle 191 Flächen kartiert und ausgewertet sein. 30 Flächen liegen in Naturschutzgebieten. Aktuell ist gut die Hälfte der Probeflächen untersucht.

Dabei zeigte sich unter anderem, dass die Flächen, die in Naturschutzgebieten liegen, um rund ein Drittel artenreicher sind als landwirtschaftlich intensiv genutzte Gebiete. Darauf verwies Eva Bell, Präsidentin der LUBW. „Es steht im Südwesten nicht gut um den Insektenbestand“, sagte sie. Bei den Heuschrecken zeichne sich zudem der Trend ab, dass Arten, die kühl-feuchtes Klima bevorzugen, weniger werden. „Wärmeliebende Arten breiten sich dagegen aus.“ Damit seien die Heuschrecken auch ein Indikator für den Klimawandel.

Auch die Ursachenforschung ist Teil des Projekts. Gestern wurden der massive Einsatz von Pestiziden und der Verlust an naturbelassenen Flächen als Gründe für das Insektensterben genannt. „Wenn die Lebensräume der Insekten sterben, können sie nicht überleben. Ihnen fehlt schlicht die Nahrung“, sagte Andre Baumann. Mit den Insekten geht auch der Bestand der Vögel zurück, weil auch die Vögel keine Nahrung mehr finden. „Auch da ist der Rückgang dramatisch.“

Er ist wild entschlossen, die Finanzierung des Monitorings für die nächsten Jahre zu sichern. „Wir können keinen Naturschutz im Blindflug machen.“ Der Insektenbestand müsse aufgenommen, die Ursachen für den Rückgang müssten erforscht werden. Für 2018/19 hat das Land 1,5 Millionen Euro aus dem Sonderprogramm zur Stärkung der biologischen Vielfalt zur Verfügung gestellt. Für 2020/21 gebe es noch keine gesicherte Finanzierung, räumte Baumann ein. Die Mittel für den Naturschutz werden nach seiner Aussage im Haushalt auf 90 Millionen Euro aufgestockt.

Die LUBW arbeitet bei dem Monitoring mit dem Naturkundemuseum zusammen. Das hat unter anderem wissenschaftliche Gründe. Das Museum beherberge 12 000 Objekte und Sammlungen. Die Insektensammlung umfasse fünf Millionen Tiere, sagte Professor Johanna Eder, Direktorin des Museums. „Diese Sammlung dient als Vergleichsmaterial für die Bestimmung der Arten im Monitoring.“ Die „Belegexemplare“, also die Insekten, die für die Forschung gestorben sind, werden nach ihrer Aussage in die Sammlung integriert.

Baden-Württemberg ist nach Aussage von Professor Lars Krogmann, Projektleiter Monitoring „Biomasse Luft“, das erste Bundesland, in dem die Politik ein derartiges Monitoring unterstützt.
© Südwest Presse 13.09.2019 07:45
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