Weltwirtschaft

Die Verunsicherung wächst

IWF-Chefin Christine Lagarde sieht den Wohlstand durch die Folgen des Klimawandels und stark steigende Schulden bedroht.
  • Christine Lagarde warnt auf der Jahrestagung des IWF vor Turbulenzen auf den Finazmärkten. Foto: Bildquelle
Es war ein leichtes und kurzes Erdbeben, das das indonesische Nusa Dua in der Nacht zum Donnerstag erschütterte. In den Hotelzimmern wackelten rund fünf Sekunden die Möbel leicht, aber hörbar. Auf die Tagung des Internationalen Währungsfonds hatte das Beben keine Auswirkungen.

Doch zuvor waren von Nusa Dua Impulse ausgegangenen, die weit größeren Schaden angerichtet haben. Die gesenkte Wirtschaftsprognose des Internationalen Währungsfonds (IWF), Spekulationen über weiter rasch steigende Zinsen in den USA und die Sorge über den andauernden Handelskonflikt zwischen den USA und China bereiten den Anlegern große Sorgen.

In New York sackte der Dow-Jones-Index, der sich aus den 30 größten US-Konzernen zusammensetzt, um 3,2 Prozent ab. Beobachtern zufolge reagierten die Anleger dabei auch auf Äußerungen des IWF, der zuvor vor möglichen Finanzmarkt-Turbulenzen gewarnt hatte.

Nach dem Absturz der Kurse an der New Yorker Wall Street rutschten auch die Börsen in Japan und China tief ins Minus. Der Nikkei-Index gab um fast 4 Prozent nach, die Börse in Shanghai schloss mit mehr als 5 Prozent im Minus. Auch bei den deutschen Anlegern ist die Nervosität groß. Marktbeobachter fragen sich besorgt, ob die Grundstimmung an den Finanzmärkten ins Negative kippt. Der Deutsche Aktienindex (Dax) weitete gestern zunächst seine Verluste vom Vortag aus, erholte sich dann aber, bevor er zum Ende des Handelstages wieder deutlich nachgab. Mittlerweile liegt das wichtigste deutsche Börsenbarometer um 15 Prozent unter dem Jahreshoch Ende Januar von knapp 13 600 Punkten.

Den Namen dessen, der für die derzeitigen Konflikte und die Verunsicherung an den Finanzmärkten hauptverantwortlich ist, nimmt auf Bali keine Rednerin und kein Redner in den Mund: Donald Trump. Aber über allen Gesprächen schwebt der US-Präsident, der mit seiner aggressive Handelspolitik weltweit die Verunsicherung schürt.

Auch die stark gestiegenen Verbindlichkeiten sind ein Thema auf der Tagung. Die privaten und öffentlichen Schulden sind nach Berechnungen des IWF weltweit aktuell mit 182 Billionen Dollar (157 Billionen Euro) so hoch wie nie zuvor und 60 Prozent höher als 2007. Die Risiken haben zugenommen, wie Weltbank-Chef Jim Yong Kim und IWF-Chefin Christine Lagarde nicht müde werden, in den zahlreichen Gesprächsrunden zu betonen: Handelsstreitigkeiten, steigende (Dollar-)Zinsen, eine immer stärkere US-Währung und schwächere Währungen in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern schüren die Sorge. Die Rekordschulden könnten – bei steigenden Zinsen – zu Verwerfungen auf den Finanzmärkten führen und Staaten in Schwierigkeiten bringen. Wo es nötig sei, werde der IWF Finanzhilfe leisten, sagt Lagarde. Auch die Finanzminister der 24 wichtigsten Schwellen- und Entwicklungsländer warnen vor einer neuen Schuldenkrise.

Zu einer weiteren Belastung für die Weltwirtschaft könnten sich die Folgen des Klimawandels entwickeln, sagen Lagarde und Kim. „Das ist eine existentielle Bedrohung für die globale Entwicklung. Wir haben viel weniger Zeit als gedacht“, betont Kim. Der Weltbank-Präsident fürchtet, dass all diese Faktoren und Belastungen den Kampf gegen die Armut bremsen und damit das Ziel verfehlt wird, die Armut bis zum Jahr 2030 zu überwinden.

Dabei schöpfen vor allem die ärmeren Länder nicht das Potential ihrer Bevölkerung aus, wie eine Analyse der Weltbank zeigt. Hauptgrund: Sie investieren zu wenig in die Ausbildung junger Menschen und in das Gesundheitswesen. Damit kann mehr als die Hälfte aller Kinder auf der Welt, die heute geboren werden, ihre Entwicklungschancen allenfalls zur Hälfe ausschöpfen.

Um ihre Bedenken zu untermauern und Regierungen zu animieren, mehr für Gesundheit und Bildung zu tun, hat die Weltbank erstmals einen Index für Humankapital vorgelegt. Er misst, welches Niveau an Bildung und Gesundheitsversorgung ein heute geborenes Kind bis zu seinem 18. Lebensjahr erwarten kann. Am schlechtesten stehen der Tschad, Süd-Sudan sowie Mali und Liberia da, am besten Singapur, Japan und Finnland. Deutschland rangiert unter den 20 Nationen mit dem höchsten Wert.

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© Südwest Presse 12.10.2018 07:45
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