Alles auf einer Karte

Auch im Digitalzeitalter werden Kontaktdaten oft noch auf Papier ausgetauscht – vor allem von Mitarbeitern in Kleinunternehmen und im Mittelstand. Spezialisierte Druckereien boomen.
  • Bei der Herstellung von Visitenkarten wird eine Messingplatte für die Tiegeldruckpresse eingerichtet. Foto: Britta Pedersen/dpa
Kommunikation im Job läuft heute ganz anders als noch vor wenigen Jahrzehnten. So mag es etwas verstaubt wirken, wenn der Geschäftspartner im Zeitalter der Digitalisierung eine gedruckte Visitenkarte zückt: „Darf ich Ihnen meine Karte geben?“ Doch wird das so bleiben?

Lars-Peter Leu setzt auf Visitenkarten. Er hat sich mit der kleinen Berliner Werkstatt „Volle Kante“ darauf spezialisiert. Mit alten Maschinen und Messingplatten produziert er Kärtchen zum Beispiel mit Prägungen und Folienschnitt. Die Nachfrage sei steigend und zugleich auch die Zahl der Mitbewerber, sagt der 35-Jährige. Viele seiner Firmenkunden kämen aus der Kosmetikindustrie. Aber auch ein Gas- und Wasserinstallateur, der Luxusbäder anbietet, sowie Grafikagenturen und Architekten seien darunter. „Die Visitenkarte ist ein Aushängeschild“, sagt er. Dafür seien Firmen bereit, auch etwas mehr zu zahlen.

Wieviele Visitenkarten gedruckt und vertrieben werden, ist unklar. Der Bundesverband Druck und Medien sagt dazu: „Die Menge der in Deutschland gedruckten Visitenkarten lässt sich nicht bestimmen.“ Neben Geschäften wie dem von Leu gibt es auch Druckereien und im Internet hat sich ein breiter Markt an Online-Druckereien etabliert, die auch Visitenkarten anbieten.

Von der Online-Druckerei Vistaprint heißt es, die Nachfrage nach Visitenkarten steige, insbesondere im Premium-Segment. „Das heißt, unsere Kunden legen zunehmend Wert auf hochwertige oder außergewöhnliche Papiersorten, Veredelungen oder neue Formate. Dabei steigt sowohl die Anzahl an gedruckten Visitenkarten als auch die Anzahl der Druckaufträge, was dafür spricht, dass unsere Kunden ihre Visitenkarten häufiger aktualisieren oder verändern“, sagt der Marketingleiter für Deutschland, Georg Treugut. Visitenkarten seien in die größte Produktkategorie vor Flyern, Postkarten und Werbebannern. Kunden seien vorrangig Kleinunternehmen, Selbstständige und Start-ups.

Der Sprecher der Agentur für Arbeit in Nürnberg, Mathias Ringler, beobachtet, dass viele Unternehmen die Karten nach wie vor einsetzen. „Man möchte damit der Geste der Kontaktaufnahme Nachdruck verleihen.“ Doch Firmen drucken auf die Karten heute etwa QR-Codes.

Beim Softwarekonzern Microsoft läuft es so: „Mit Bezug der neuen Microsoft Deutschlandzentrale in München-Schwabing haben wir uns dort für ein papierloses Office-Konzept entschieden“, sagt Niederlassungsleiterin Anna Kopp. „Daher haben alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Microsoft die Möglichkeit, sich über ein Online-Tool Visitenkarten zu bestellen, jedoch werden sie nicht mehr automatisch damit ausgestattet.“ Beim Softwareanbieter SAP heißt es, dass die Bedeutung gedruckter Karten in den vergangenen Jahren abgenommen habe und weiter abnehmen werde. Beim Energiekonzern RWE ist der Gebrauch individuell geregelt. Mitarbeiter, die viel im Ausland unterwegs seien, brauchen nach Unternehmensangaben gedruckte Visitenkarten, um auf die jeweiligen Gepflogenheiten im anderen Land eingehen zu können. Andere Mitarbeiter bräuchten keine mehr.

Der Trend- und Zukunftsforscher Tristan Horx vom Think Tank Zukunftsinstitut bemerkt, dass es in der Kreativ- und der Beratungswirtschaft eine Zeit lang „uncool“ gewesen sei, Visitenkarten zu verteilen: „Du findest mich schon online“, hieß es. In jüngerer Zeit sei die Visitenkarte aber wieder im Kommen. „Die Visitenkarte lebt davon, dass man sie eher weniger Leuten gibt. Und dafür ist sie dann was Besonderes.“ Anna Ringle
© Südwest Presse 15.08.2019 07:45
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