Datenleck statt Datenschutz

Ein Student kam durch das Auskunftsrecht innerhalb von Minuten an sensible Daten. Unternehmen nehmen oft keine Identitätsprüfung vor.
  • Der oberste Datenschützer im Südwesten, Stefan Brink. Foto: Kristina Schäfer
Eigentlich ist die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) der Europäischen Union dazu da, intime Informationen aller Bürger zu schützen. Doch wie der britische Doktorand James Pavur nun gezeigt hat, kann sie auch für das Gegenteil missbraucht werden.

Zahlreiche Firmen geben persönliche Daten ohne ausreichende Identitätskontrolle des Auskunftstellers heraus. Eine dementsprechende Studie hat Pavur jüngst auf der Hacker-Konferenz „Black Hat“ in Las Vegas vorgestellt. Der Oxford-Student musste lediglich eine E-Mail-Adresse mit dem Namen seiner Verlobten anlegen, um – mit ihrer Zustimmung – an zahlreiche persönliche Daten zu gelangen.

Ein Auskunftsrecht gehört zu einer der zahlreichen Bestimmungen der DSGVO. Privatleute haben Anspruch darauf zu erfahren, welche personenbezogenen Daten Unternehmen über sie speichern. Dabei kann es sich von der Kreditkartennummer bis hin zu Chatprotokollen um nahezu alle möglichen Informationen handeln.

Unter Berufung auf dieses Recht hat Pavur mittels der gefälschten E-Mail-Adresse eine standardisierte Anfrage an 150 Firmen geschickt. „Es hat nur ein paar Minuten gedauert“, so Pavur. In den Mails gab er lediglich weitere öffentlich zugängliche Daten seiner Verlobten als Signatur an. Das Ergebnis: Von 83 Unternehmen, die ihm antworteten, verschickten 24 Prozent die gewünschten Daten ohne jede weitere Identitätsprüfung.

Darunter: eine britische Hotelkette, die eine vollständige Auflistung der Übernachtungen seiner Partnerin schickte, zwei Bahnfirmen, die Angaben über alle über Jahre hinweg getätigten Fahrten zur Verfügung stellten und ein US-amerikanisches Bildungsunternehmen, das ihre High-School-Noten, den Mädchennamen der Mutter sowie ein polizeiliches Führungszeugnis preisgab.

Datenschützern ist die Problematik nicht neu. „Das Thema ist bekannt, sagt der baden-württembergische Landesdatenschutzbeauftragte Stefan Brink dieser Zeitung. Im Prinzip handele es sich um Datendiebstahl, wenn eine Person die DSGVO auf diese Art und Weise missbraucht.

Keine Schwachstelle im Gesetz

Eine strukturelle Schwachstelle des Gesetzestextes kann sein Kollege Jürgen Müller allerdings nicht erkennen. „Alle datenverarbeitenden Stellen haben bei der Erfüllung von Auskunftsersuchen sicherzustellen, dass die Daten nur an berechtigte Empfänger übermittelt werden“, sagte der stellvertretende Bundesdatenschutzbeauftragte dieser Zeitung. „Insofern handelt es sich bei der aktuellen Diskussion nicht um ein Thema, dass die DSGVO mit sich gebracht hat.“

Hilfreicher hätte die DSGVO jedoch durchaus sein können, räumt Brink ein. Etwa „indem sie Standards setzt, wie Unternehmen die Identität prüfen müssen, zum Beispiel mit Ausweiskopie oder persönlichen Daten“.

Brink beobachtet, dass vor allem kleinere Firmen, die keine standardisierten Abläufe für Auskunftsanfragen entwickelt haben, zeitlich oft unter Druck stehen. „Die Unternehmen haben ein Problem, weil sie schnell reagieren müssen und stehen dann vor der Wahl: Entweder sie prüfen die Identität des Antragstellers nicht so genau oder sie reißen womöglich die Frist von einem Monat, was ebenfalls ein Bußgeldtatbestand ist.“ Häufig sei zudem der Datenschutzbeauftragte eines Unternehmens mit solchen Anfragen beauftragt, was eigentlich nicht in sein Aufgabengebiet fällt.

Müller warnt dennoch vor zu viel Schludrigkeit: „Auf jeden Fall wäre es falsch, aus Angst vor Bußgeldern wegen Nichterfüllung einer Auskunftspflicht nach der DSGVO, voreilig und ungeprüft personenbezogene Daten zu übermitteln.“ Denn die Übermittlung an unberechtigte Dritte stelle einen noch schwerwiegenderen Verstoß dar.

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© Südwest Presse 16.08.2019 07:45
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