Schweinehaltung

In der Rotte statt im Kasten

Am Freitag stimmt der Bundesrat darüber ab, wie lange Sauen noch im engen Metallgehäuse gehalten werden dürfen.
  • Muttersauen neben ihren wenige Tage alten Ferkeln in einem Stall einer Schweinezuchtanlage in Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Jens Büttner/dpa
Im jahrelangen Streit um eine tiergerechtere Sauenhaltung in Deutschland bahnt sich eine Lösung an. Nachdem noch Anfang des Monats ein Kompromissvorschlag der Länder Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen im Bundesrat durchgefallen war, gibt es am kommenden Freitag einen neuen Anlauf. Und dieser hat gute Aussicht auf eine Mehrheit.

Im Kern geht es in dem Streit um die Frage, wie lange Sauen in „Kastenstand“ genannten Metallgehäusen eingepfercht gehalten werden dürfen. Bislang sind jeweils 35 Tage im Deckzentrum sowie 35 Tage im Abferkelbereich erlaubt. Allerdings hat ein Magdeburger Gericht bereits 2015 entschieden, dass sich die weiblichen Schweine in den Kastenständen mindestens ausstrecken können müssen, was derzeit oft nicht der Fall ist.

Grüne sind am Drücker

Der neue Vorschlag sieht nun zwei Fristen für den Ausstieg vor: Im Deckzentrum soll die Kastenstandhaltung demnach noch acht Jahre lang erlaubt sein. Danach sollen die Säue nur noch kurz und unmittelbar zur Besamung eingesperrt werden dürfen. Sonst soll die Gruppenhaltung erklärtes Ziel sein. „Das Leitbild ist die Wildschweinrotte“, sagt ein führendes Mitglied der Verhandlungsgruppe der Grünen.

Mit Regierungsbeteiligungen in zehn von sechzehn Ländern haben die Grünen im Bundesrat Gewicht, denn Länder können in der Kammer nur zustimmen, wenn die jeweilige Regierung einig ist. Der erste Vorschlag – von Jan Philipp Albrecht, dem grünen Landwirtschaftsminister Schleswig-Holsteins, mitausgehandelt  – war kurzfristig von der eigenen Partei versenkt worden. Demzufolge hätten die Schweine nach der Übergangszeit noch bis zu acht Tage im Kastenstand bleiben sollen.

Nun lasse man endlich die Sau raus, sagen die Befürworter. Dabei ist das nicht ganz korrekt, denn für das Abferkeln bleibt es laut dem Entwurf zufolge bei einer 15 Jahre langen Übergangsfrist. Danach sollen die Sauen künftig maximal fünf Tage fixiert werden dürfen.

Schweinehalter begründen das damit, dass die Mutterschweine ansonsten ihre Ferkel aus Versehen beim Hinlegen zerquetschen könnten. Für viele Tierschützer ist das inakzeptabel. Die Thüringer Grünen fordern deshalb ein Nein zum aktuellen Entwurf.

Führende Grüne rechnen für Freitag trotzdem mit einer Mehrheit, zumal auch das schwarz-gelb regierte Nordrhein-Westfalen hinter dem Vorschlag steht und sich mit Baden-Württemberg das einzige Land mit einem grünen Ministerpräsidenten in die Verhandlungen eingeschaltet hat. Doch sicher ist das immer noch nicht.

„Wir hoffen sehr, dass es zu einer Einigung kommt“, sagt die Sprecherin des baden-württembergischen Agrarministers Peter Hauk (CDU). An diesem Dienstag soll das Kabinett in Stuttgart entscheiden, wie der Südwesten abstimmt. Auch Brandenburg konnte am Montag noch nicht sagen, wie es am Freitag abstimmen werde.

Das Wichtigste sei endlich Planungssicherheit für die Landwirte, betont Hauk. Denn viele Schweinehalter glauben nicht mehr an die Zukunft: Die Zahl der noch etwa 21 000 Betriebe in Deutschland schrumpft seit Jahren, allein zwischen 2018 und 2019 haben 1200 aufgegeben.

Viele Fragen von der Ferkelkastration über die Ringelschwanzkupierung bis hin zum Tierwohllabel sind offen. Zudem fühlen sich die Landwirte von weiten Teilen der Gesellschaft unverstanden. Und wegen des Tönnies-Skandals kommen neue Probleme auf die Branche zu.

Planungssicherheit kann selbst ein Ja des Bundesrats den Verbliebenen nicht bieten: 2021 dürfte das Bundesverfassungsgericht darüber entscheiden, ob das Magdeburger Urteil von 2015 noch früher umgesetzt werden muss.

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© Südwest Presse 30.06.2020 07:45
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