„Wir müssen groß denken“

Die Förderung des Großprojekts ist gut angelegtes Steuergeld: Im Interview erklären Wirtschaftsministerin und Varta-Chef warum.
  • Die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut: „Das ist ein Aufbruchssignal in schwieriger Zeit.“ Foto: ©Martin Stollberg/Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg
  • Varta-Chef Herbert Schein: „Wir wollen die Energiedichte der Lithium-Ionen-Batterien in den nächsten Jahren um 50 Prozent steigern.“ Foto: Varta
Für Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut ist die Batterienzellenproduktion bei Varta in Ellwangen ein Mutmacher-Beispiel in einer schwierigen Zeit. Und Varta-Chef Herbert Schein betont: „Die Technologie-Förderung des Landes ist nicht nur sehr effizient, sie ist auch gut angelegtes Geld.“ In den vergangenen Jahren stieg die Zahl der Varta-Mitarbeiter von 700 auf 4000, weitere 1000 Neueinstellungen sind geplant.

Die Politik investiert massiv Steuergeld in eine europäische Batteriezellenproduktion. Ist wirtschaftlicher Erfolg politisch planbar?

Nicole Hoffmeister-Kraut: Aufgabe der Politik ist es, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass wirtschaftlicher Erfolg stattfinden kann. Wir schätzen das Wachstumspotenzial für Batteriezellen als sehr hoch ein. Die Elektromobilität nimmt Fahrt auf, um nur ein Beispiel zu nennen. Gleichzeitig sind die Markteintrittskosten sehr hoch, deshalb leisten wir eine Anschubhilfe.

Welche Ziele verfolgen Sie damit?

Hoffmeister-Kraut: Wir wollen Kompetenzen in einer Schlüsseltechnologie aufbauen. Wir wollen unseren Standort sichern und in einem zentralen Zukunftsfeld eine gewisse Unabhängigkeit von Asien erreichen.

Wie stellt sich der weltweite Markt für leistungsstarke Batterien dar?

Herbert Schein: Die Batterie ist heute schon eine Schlüsseltechnologie. Die Varta AG produziert eine Vielzahl von Batterielösungen, wir sind etwa bei den Hörgerätebatterien Weltmarktführer. Der Fokus unseres Unternehmens für die Zukunft liegt auf Lithium-Ionen-Batterien.

Wer sind Ihre Kunden?

Schein: Neben einer Vielzahl von Anwendungen beliefern wir die namhaften Hersteller der kabellosen Premium-Kopfhörer und sind in diesem Bereich heute schon Technologie- und Marktführer. Wir haben zudem gezeigt, dass wir Lithiums-Ionen-Zellen auch in Deutschland profitabel produzieren können. Den Markt der großen Zellformate, etwa für Autobatterien, dominieren bislang aber Asiaten. Hier könnten durch das IPCEI-Förderprojekt zusätzliche Chancen für die Varta entstehen.

Was kann das Land zur Unterstützung der Technologie beitragen?

Hoffmeister-Kraut: Wir brauchen die Betriebe und die Forschungsinstitute. Als Land unterstützen wir sie nach Kräften. Wir haben in den vergangenen zehn Jahren rund 100 Mio. EUR in die Forschung und vorindustrielle Fertigung von Batteriezellen investiert.

Tut die Politik genug, also stimmen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen?

Schein: Baden-Württemberg fördert Technologien extrem effizient. Auch wir haben schon Fördermittel erhalten, die in die Erforschung von Lithium-Ionen-Batterien geflossen sind. Bis Ende nächsten Jahres werden wir mit diesen Zellen schon über 1 Mrd. EUR Umsatz erreicht haben. Für den Staat war das eine lohnende Investition: Allein in diesem Zeitraum bekommt er das Fünffache dessen, was wir an Fördermitteln erhalten haben, in Form von Steuern zurück.

Welche Bedeutung hat das EU-Projekt zum Aufbau einer Batteriezellenproduktion für Varta und für den Standort Ellwangen?

Schein: Als die eben erwähnte Landes-Förderung erfolgte, hatten wir 700 Mitarbeiter, heute sind es 4000. Die jetzige Förderung im Rahmen des IPCEI hat ein ganz anderes Volumen. Auch daraus werden wir etwas Großes machen können. Und wir werden in den nächsten zwölf Monaten mehr als 1000 zusätzliche Mitarbeiter einstellen.

Woher kommt diese Zuversicht?

Schein: Innovationen und die Umsetzung in eine kosteneffiziente Massenproduktion, das ist die DNA von Varta. Wir haben uns bei den Lithium-Ionen-Batterien strategische Vorteile erarbeitet, das streben wir auch für die größeren Formate an. Daraus ergeben sich für Varta und den Standort noch größere Chancen.

Wie wichtig ist die Investition für den Standort Baden-Württemberg?

Hoffmeister-Kraut: Wir sind stolz, dass mit Varta ein Unternehmen aus dem Land Teil des europäischen Batteriezellen-Konsortiums ist. Die Gesamtfördersumme für Varta am Standort Ellwangen beträgt knapp 200 Mio. EUR, wir als Land geben knapp 60 Mio. EUR. Das ist die höchste betriebliche Förderung, die wir in meiner Amtszeit leisten. Das tun wir, weil wir an den Erfolg glauben. Die Förderung kommt zur richtigen Zeit.

Wie meinen Sie das?

Hoffmeister-Kraut: Das ist ein Aufbruchssignal in einer schwierigen Zeit. Gerade unser Automobilzulieferer befinden sich in einem enormen Transformationsprozess. Die Corona-Krise hat die strukturellen Schwierigkeiten verstärkt. Wir erleben gerade große Zurückhaltung bei Investitionen und beim Konsum. Umso wichtiger ist so ein Mutmacher.

Bundeswirtschaftsminister Altmaier hat als Ziel ausgegeben, dass bis zum Jahr 2030 bis zu 30 Prozent der weltweiten Nachfrage nach Batteriezellen aus deutscher und europäischer Produktion bedient werden soll. Ist das realistisch?

Schein: Die Chancen stehen gut, wenn wir auf Innovationen und Tempo setzen. Varta kann dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. Wir wollen die Energiedichte unserer Lithium-Ionen-Batterien in den nächsten Jahren um 50 Prozent erhöhen.

Hoffmeister-Kraut: Ja. Wir müssen groß denken. Wir müssen uns ehrgeizige Ziele setzen, und für diese die Rahmenbedingungen schaffen. Das EU-Projekt zur Batteriezellenfertigung ist da ein Meilenstein.
© Südwest Presse 01.07.2020 07:45
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