Tabuthemen im Gesundheitsbereich überwinden

  • Tabus hindern Menschen immer noch daran, über Beschwerden in der Darmregion zu sprechen.

Es gibt Themen, über die spricht man nicht – dieser gesellschaftliche Konsens ist bis heute so präsent in vielen Köpfen, dass oftmals lieber gesundheitliche Beschwerden in Kauf genommen werden, statt offen mit dem Arzt über vermeintlich peinliche Symptome zu sprechen. Ganz oben auf der Liste der gesundheitlichen Tabuthemen sind laut Deutschem Ärzteblatt Erektionsstörungen, Geschlechtskrankheiten und Blasenschwäche. Aber auch Verdauungsbeschwerden, Depressionen, Menstruation und Menopause sind Themen, über die Menschen in Bezug auf ihre eigene Gesundheit nur ungern sprechen. 

Laut einer Studie des Marktforschungs- und Beratungsinstituts YouGov ist jeder Zweite in Deutschland irgendwann in seinem Leben von solchen tabuisierten Symptomen betroffen. Ein Drittel davon behält diese aus Scham jedoch lieber für sich. Die Folge: Die Betroffenen leiden heimlich, die Erkrankung bleibt unbehandelt und stellt eine unnötige gesundheitliche Belastung dar – eine Einschränkung der Lebensqualität, die nicht sein müsste. Schließlich lassen sich die meisten der oben angeführten Symptome mit einfachen Mitteln behandeln. Andere Beschwerden sollten allein schon deshalb mitgeteilt werden, weil sie Aufschluss über weiterreichende Erkrankungen geben können. 

Beispiel Blasenschwäche: Warum es sich lohnt, darüber zu sprechen

Wer einmal oder mehrmals pro Woche auch kleinere Urinmengen verliert und sich im Alltag davon eingeschränkt fühlt, sollte auf jeden Fall einen Arzt konsultieren, so Dr. Prof. med. Ursula Peschers im Interview mit Tena.de. Nur so kann die richtige Diagnose gestellt werden, die als Grundlage für die Behandlung dient. Im Rahmen der Anamnese empfiehlt der Arzt zum Beispiel ein „Blasentagebuch“ zu führen, in dem die Patientin – von Blasenschwäche sind überwiegend Frauen betroffen – für einige Tage festhält, wie viel sie trinkt, wie oft sie zur Toilette geht und wie viel Urin sie dabei lässt. Diese Informationen geben Aufschluss darüber, welche konservativen Behandlungsmethoden eingeleitet werden können. Erst wenn Beckenbodengymnastik oder die verschriebenen Medikamente keine Linderung verschaffen, wird eine Operation zur Behandlung der Blasenschwäche empfohlen. Dabei handelt es sich laut Dr. Prof. med. Ursula Peschers um kleine und relativ komplikationsarme Eingriffe. 

Auf das Bauchhirn hören – warum der Darm so viel über den Körper verrät

Blähungen, Verstopfung, Hämorrhoiden – auch Beschwerden rund um den Darm und das, was ihn verlässt, gehören zu den Themen, auf denen ein unausgesprochenes Tabu liegt. Das bedauert auch die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und weist auf die Gefahr der Tabuisierung und Verharmlosung hin: Unbehandelte Fehlfunktionen der Verdauungsorgane seien ein möglicher Motor für viele Zivilisationskrankheiten wie Diabetes mellitus, Depressionen oder Alzheimer, heißt es in einer Pressemeldung der DGVS

Schließlich befinden sich im Bauchraum fast so viele Nervenfasern wie im Hirn. Was den Körper bewegt und welche Umweltfaktoren ihn beeinflussen, spiegelt sich somit auch immer im Darm wider. Umgekehrt haben Darmprobleme unmittelbare Auswirkungen auf den gesamten Körper. Ein offener, aufgeklärter Umgang mit dem Thema – wie zuletzt zum Beispiel in Giulia Enders' Sachbuch „Darm mit Charme“ – ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, Darmerkrankungen und ihren Folgen vorzubeugen.

Wie sich Tabuthemen im Gesundheitsbereich überwinden lassen

Einen offenen, aber sensiblen Umgang mit gesundheitlichen Tabuthemen wünschen sich laut der Studie des YouGov-Instituts auch die Betroffenen selbst von Ärzten und Apothekern. 60 Prozent der Befragten möchten diskret, aber dennoch direkt nach ihren Beschwerden gefragt werden. Indem sie die Tabuthemen beim Namen nennen und gleichzeitig konkrete Lösungen anbieten, können sie ein vertrauensvolles Umfeld schaffen, in dem es den Betroffenen leichter fällt, ihre Hemmnisse zu überwinden. So tragen sie selbst in großem Maße dazu bei, Tabuisierungen abzubauen.

Photo by silviarita on Pixabay

© Schwäbische Post 15.04.2020 10:19
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