Kicken wie im Kühlschrank

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Bernhard Kohn
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Der Frust der Fußballfans sitzt tief in diesen "Corona-Zeiten". Darunter leidet auch die Gefühlslage für den Südschlager zwischen dem VfB Stuttgart und Bayern München.

Es ist ruhig geworden in den Fanszenen der Bundesligavereine. "Du darfst dich ja nicht mal treffen. Die Atmosphäre fehlt auch im Fernsehen. Das ist einfach eine sch.... Situation", sagt der Vorsitzende des VfB-Fanclubs Rot-Weiß 99 Hirschmühle, Harald Ranzinger. Anstatt wie üblich im stimmungsgeladenen Stadion muss er sich den Südschlager seines VfB am Samstag (15.30 Uhr) gegen Bayern München mutterseelenalleine zuhause vor der Großbildleinwand anschauen.

Das geht allen so. "Das fühlt sich an wie kicken im Kühlschrank", sagt Bernhard Kohn. Das Schlimme, so das Vorstandsmitglied des FC Bayern München-Fanclubs Hofherrnweiler, sei inzwischen, "dass man es selbst nicht einmal mehr merkt." Dabei hätte doch dieser Südschlager, der er unabhängig der Tabellenpositionen stets sei, "normalerweise schon Wochen vorher die Schlagzeilen und Diskussionen im Kollegenkreis und unter Freunden beherrscht." Kohn: "Du triffst niemand, man thematisiert es nicht so, wie zu normalen Zeiten. Das färbt auch auf die Stimmung für dieses Spiel ab. Das ist eine Geschichte, die sich sehr gedämpft anfühlt. Jedenfalls ist es nicht das, was es sein könnte." Alles wirke nur noch künstlich, liege "wie Novembernebel über der Sache und macht die ganze Stimmung kaputt." Und das Schlimme: Ihn beschleiche langsam Angst, dass es so bleiben könnte. Auch sein Platz sei am Samstag ganz privat, zuhause vor dem Fernsehapparat im Wohnzimmer.

Dass Bernhard Kohn seine Bayern als Favorit sieht, ist klar. Dennoch zollt er den Gastgebern, die in dieser Saison als Aufsteiger in dieses Derby gehen, Respekt. "Ich glaube, dass der VfB recht gut drauf ist. Da bin ich überrascht, was die als Aufsteiger auf den Platz bringen." Was den Stuttgartern noch fehle, sei die Stabilität über 90 Minuten. "Darin muss unser Ansatz am Samstag liegen", sagt der Bayern-Fan. "Wir müssen nicht nur besser, sondern länger besser sein." Offen gibt er zu, dass er, "auch wenn der Gegner nicht schlecht ist, gerne schon mal auf einen 7:1-Sieg für Bayern tippe." Gegen den VfB am Samstag ist er vorsichtiger. Kohn: "Ich rechne durchaus mit einem Spiel, das auf Augenhöhe stattfinden könnte und wir froh sind, wenn wir es knapp nach Hause nehmen."

Auch mit Blick auf die Saison und auf den erneuten Deutschen Meistertitel, wird Kohn nachdenklich. "Wenn ich sehe, was Dortmund gerade für einen Lauf hat mit diesem Ungeheuer Haaland, da könnte es eng werden für uns." Die Ergebnisse der Bayern würden zeigen, dass Coach Hansi Flick es verstehe, die Spieler trotz ihrer ständigen Erfolge weiter zu motivieren. "Für mich wird es spannend, zu sehen, was passiert, wenn wir mal zwei, drei Niederlagen hintereinander bekommen sollten."

Dass die Einschätzung Kohns bezüglich des VfB Stuttgart ihre Berechtigung hat, das sieht auch Harald Ranzinger so. "Wenn man nicht wissen würde, dass man aus der 2. Liga kommt, könnte man meinen, wir wären schon immer dabei gewesen." Erst eine Niederlage, Rang 8 in der Tabelle. "Wer hätte das gedacht? Wir haben sehr gut angefangen", sagt der Vorsitzende des VfB-Fanclubs Rot-Weiß 99 Hirschmühle. "Vielleicht könnten wir sogar noch ein, zwei Pünktchen mehr haben. Aber das ist noch der Unerfahrenheit geschuldet." Denn, so Ranzinger: "Wenn der Gegner aggressiv wird und hoch anläuft, haben wir noch unsere Schwierigkeiten. Und die Chancenauswertung muss besser werden." Aber: "Trotz allem auf dem Teppich bleiben."

"Ob das jemals wieder so werden wird?

Du verlierst zusehends den Bezug zum Fußball. Auch das Vereinsleben leidet.

Harald Ranzinger Vorsitzender des VfB-Fanclubs Rot-Weiß 99 Hirschmühle

Mit dem Auftakt der Saison zeigt sich der VfB-Fan jedenfalls zufrieden. "Wenn wir am Ende 12., 13. oder 14. werden, ist das auch okay. Im zweiten Jahr muss man dann sehen, ob man den Blick nach oben richten darf."

Der Blick auf das Bayern-Spiel ist für ihn eine klare Sache. "Alles andere als eine Niederlage wäre eine Überraschung. Aber auch die Bayern sind verwundbar, das hat man gesehen." Für den VfB Stuttgart seien andere Spiele maßgebend. Ranzinger: "Gegen die Mannschaften, die wir vom Papier her schlagen können, muss man Punkte holen."

Was Harald Ranzinger wirklich fuchst, ist die momentane Situation, die der Corona-Pandemie geschuldet ist. "Das ist jetzt so, da kann man nichts machen", weiß auch er.

Aber: "Du verlierst zusehends den Bezug zum Fußball. Auch das Vereinsleben leidet." Seit Jahren treffe man sich vor den Heimspielen des VfB in der Sportsbar Palm Beach am Stadion. "Ob das jemals wieder so werden wird? Du darfst dich ja nicht mal sonstwo treffen." Auch nicht im Schützenhaus in Hussenhofen, das als Treffpunkt gerade in der Zeit der Geisterspiele eine wichtige Anlaufstelle fürs gemeinsame Fußballgucken geworden ist. "In diesem Jahr können wir nicht einmal mehr eine Weihnachtsfeier machen. Man diskutiert gelegentlich am Telefon oder schreibt in die WhatsApp-Gruppe. Das war's." Der Frust sitzt auch bei Harald Ranzinger tief.

Harald Ranzinger
Das waren noch Zeiten. Vor 75 000 Zuschauern standen sich in der Münchener Allianz Arena der VfB Stuttgart und Bayern München letztmals in einem Bundesligaspiel gegenüber. Im Bild Emiliano Insua (links, heute Los Angeles Galaxy) und Thomas Müller (Nr. 25) im Kampf um den Ball.

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