Löw sollte sich entscheiden zu gehen

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Ein nachdenklicher Bundestrainer. Jogi Löw.

Jogi Löw ist nicht mehr der richtige Bundestrainer. Das meinen Fußball-Experten von der Ostalb.

An diesem Freitag entscheidet sich die Zukunft von Bundestrainer Joachim Löw. Nicht erst seit dem desolaten 0:6 in der Nations-League gegen Spanien wurden die Stimmen immer lauter, dass der Bundestrainer seinen Hut nehmen solle. Das sagen Fußball-Experten von der Ostalb über Jogi Löw:

Achim Pfeifer, Vorsitzender TSG Hofherrnweiler-Unterrombach: "Eines vorneweg: Joachim Löw hat mit Ausnahme der WM 2018 seit seiner Amtsübernahme im Jahr 2006 bei allen seinen Turnieren mindestens das Halbfinale erreicht und wurde 2014 Weltmeister. Seine Verdienste sind immens. Aber er ist vor dem Verschleißphänomen, das viele Trainer – insbesondere Langzeittrainer – ereilt, nicht gefeit. Letztendlich kommt die herbe Niederlage gegen Spanien nicht überraschend, vielmehr mündet sie in einer schleichenden Entwicklung.

Nach dem blamablen Ausscheiden bereits in der Vorrunde der WM hat Löw dann den Kardinalfehler begangen, im März 2019 nach München zu fahren und drei Führungsspielern das Ende ihrer Nationalmannschaftskarriere bekannt zu geben, während er dem polarisierenden Mesut Özil zuvor seinen unsäglichen Abschied unter lautem Begleitgetöse selbst bestimmen ließ. Kurz darauf ist Deutschland aus der Nations-League sang- und klanglos abgestiegen und durfte das Waterloo gegen Spanien in der A-Liga nur deshalb erleben, weil die UEFA eine Reform des für mich völlig überflüssigen Wettbewerbs beschlossen hat und Deutschland in der A-Liga bleiben durfte.

Er sollte nun die Entscheidung treffen, abzudanken.

Sepp Schill

Im Ergebnis zerfällt die deutsche Nationalmannschaft schon seit mehr als zwei Jahren und gehört nicht mehr zu den Topmannschaften Europas, wofür der Trainer in hohem Maße die Verantwortung trägt. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass der DFB auch in puncto Nachwuchsausbildung im Vergleich zu den europäischen Topligen längst abgehängt erscheint. Spieler aus den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten sucht man abgesehen von den vorgeschriebenen "local player" in deren eigenen Profikadern überwiegend vergebens. Für mich ist das ein Zeichen, dass computerbasierte Datenerhebungen, Sprintwerte bei Zwölfjährigen und die Beurteilungen von Spielern nach dem "jetzt" und nicht nach Perspektiven vielleicht doch nicht der richtige Weg sind. Eine Trennung von Jogi Löw ist unumgänglich und sollte zum jetzigen Zeitpunkt vollzogen werden, da eine Kehrtwende mit Joachim Löw in Betrachtung der Gesamtsituation nicht mehr zu erwarten ist. Da ich ein Fan davon bin, befähigten Trainern aus den eigenen Reihen eine Chance zu geben, käme Stefan Kuntz aus der U 21 des DFB für mich primär in Frage. "

Sepp Schill, Gesamtkoordinator bei den Sportfreunden Dorfmerkingen: "Jogi Löw hat bis zur Weltmeisterschaft 2018 eine hervorragende Arbeit geleistet. Bei der WM hat die Mannschaft aber versagt. Danach wurde von Löw ein Umbruch versprochen – doch dieser ist total schiefgegangen. Ich bin der Meinung, dass Jogi Löw bei den Spielern nicht mehr ankommt. Er sollte nun die Entscheidung treffen, abzudanken. Wie bereits gesagt: Er hat viele Jahre lang sehr gute Arbeit geleistet. Doch nun funktioniert es nicht mehr. Er hat einfach einen sturen Kopf und lässt sich nur wenig sagen und tappt nun im Dunkeln.

Im Ergebnis zerfällt die deutsche Nationalmannschaft schon seit mehr als zwei Jahren.

Achim Pfeifer

Es heißt immer: Gemeinsam ist man stark. Doch dieses Motto trifft nun nicht zu. Sein Nachfolger sollte Ralf Rangnick werden. Er hat gute Ideen, ein Gespür für die Spieler und war bei seinen bisherigen Stationen sehr erfolgreich – beispielsweise in Hoffenheim und Leipzig.

Außerdem müsste Thomas Müller auf jeden Fall in die Nationalmannschaft zurückkehren. Da es derzeit in der Abwehr klemmt, sollte man auch auf Mats Hummels zurückgreifen. Wenn letztlich aber alles beim Alten bleiben sollte, sehe ich schwarz für die kommende Europameisterschaft."

Den richtigen Zeitpunkt eines Trainerwechsels hat man verpasst.

Beniamino Molinari

Beniamino Molinari, Trainer TSV Essingen: "Da ich Italiener bin, schlägt das Herz für mich persönlich bei Spielen der italienischen Nationalmannschaft schneller und höher. Dennoch schaue ich mir die Spiele der deutschen Nationalmannschaft sehr gerne an und freue mich, wenn es erfolgreich läuft.

Meiner Meinung nach ist Jogi Löw aktuell der richtige Trainer – aber nur im Hinblick darauf, dass ich vor der Europameisterschaft keinen Trainerwechsel verstehen würde. Es stehen ja ohnehin nur noch wenige Spiele vor der Europameisterschaft an. Den richtigen Zeitpunkt eines Trainerwechsels hat man verpasst. Deshalb sollte man jetzt an Löw festhalten und nach der EM einen sauberen Schnitt machen.

Persönlich habe ich es nicht verstanden, dass man nach der katastrophalen Weltmeisterschaft vor gut zwei Jahren nicht reagiert hatte: Für eine Fußballnation wie Deutschland, sich in Russland so zu präsentieren und anschließend nicht zu reagieren – das konnte ich nicht nachvollziehen. Jogi Löw lag mit seiner Entscheidung, Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng einige Monate nach der Weltmeisterschaft 2018 nicht mehr zu nominieren, falsch. Ein neuer Nationaltrainer hätte das mit Sicherheit nicht gemacht. In den vergangenen gut zwei Jahren hat Jogi Löw seine Ziele eigentlich überhaupt nicht erreicht: Nach einer schlechten WM ist man nur ein Jahr später als Gruppenletzter eigentlich aus der A-Liga abgestiegen. Deswegen verstehe ich nicht, dass man da so stur ist."

Tim Abramowski

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