Parteiprojekt: Fußballmacht

Firmen haben horrende Summen in die heimischen Klubs investiert – mit mäßigem Erfolg. Die Finanzblase könnte durch die Virus-Krise platzen.
  • „Stay strong China“: Diese Nachricht trugen die Fußball-Profis von Paris Saint-Germain am 23. Februar im Heimspiel gegen Girondins Bordeaux auf ihren Trikots. Zu diesem Zeitpunkt wütete das Coronavirus in China bereits seit mehreren Wochen. Foto: FRANCK FIFE
  • In seinem Büro in Peking: Fußball-Moderator John Yan. Foto: Fabian Kretschmer
Als die Frauennationalmannschaft sich bereits im australischen Trainingslager für die Olympischen Spiele in Tokio vorbereitete, saß deren Star-Spielerin Wang Suang in ihrer Heimatstadt Wuhan fest. Auf sozialen Medien machten Videos von der Chinesin die Runde, wie sie auf dem Dach ihrer Wohnung kickte, während das Virus in der unter Quarantäne gestellten Metropole wütete.

Wer mehr über das Schicksal des chinesischen Fußballs in Zeiten von Corona erfahren will, der muss an den fünften Stadtring von Peking fahren, in ein sonnendurchflutetes Startup-Industriegelände, wie es sie in der Metropole zu dutzenden gibt. Im lichtdurchfluteten Büro empfängt John Yan, Fußballmoderator und ehemaliger Korrespondent des größten chinesischen Fußballmagazins in England. An den Wänden hängen Fotos mit ihm und Trainer-Legende Arsène Wenger und Cristiano Ronaldo.

„Jetzt durch die Virus-Situation ist jeder Verein existenziell bedroht. Wir befinden uns in einem Schwebezustand“, sagt Yan. Offiziell soll die Saison der „Chinese Super League“ in der zweiten Aprilhälfte weitergehen, doch daran glaube mittlerweile niemand mehr. Laut Gerüchten werde das erste Spiel 28 Tage – die zweifache Inkubationszeit – nach dem letzten Virusfall im Land angepfiffen. „Wahrscheinlich hinter verschlossenen Türen. Volle Stadien sind das letzte, was die Regierung jetzt will“, sagt Experte Yan.

Spätestens Präsident Xi Jinping, selbst ein leidenschaftlicher Fan, hat das Großprojekt Fußballmacht zur Chefsache erklärt: Massive Investitionen sollen die Nation bis spätestens 2050 an die Weltspitze führen. Schon Parteiführer Deng Xiaoping, der das Land Ende der siebziger Jahre wirtschaftlich öffnete, soll in seiner Jugend ein geradezu fanatischer Anhänger des Ballsports gewesen sein: Während seiner Zeit als Arbeiter-Student in Frankreich habe er sogar seinen Wintermantel eingetauscht, um sich ein Ticket zum Fußballmatch leisten zu können.

Sämtliche Klubs waren ursprünglich einmal Parteivereine. Anfang der 90er Jahre jedoch leitete der Staat eine massive Fußballreform ein: Man wolle den Sport an die Gesellschaft zurückgeben, hieß es damals offiziell. Tatsächlich jedoch wollte die Kommunistische Partei wohl nicht mehr die Rechnungen zahlen – und sich lieber auf andere Sportdisziplinen konzentrieren, bei denen die Chancen auf Olympische Goldmedaillen für das Land größer schienen.

Längst jedoch hat die Chinese Super League finanzpotente Sponsoren, die selbst manch europäische Spitzenvereine asketisch wie einen tibetischen Bettelmönch erscheinen lassen. Damit konnten die Asiaten eine beachtliche Anzahl an ausländischen Fußballspielern anlocken, etwa die Brasilianer Hulk (vormals FC Porto) und Oscar, der einst für das Nationalteam aufgelaufen ist.

Tatsächlich jedoch dürfte es den Sponsoren weniger um die Leidenschaft zum Sport gehen, sondern um Steuererleichterungen und politische Netzwerke. „Selbst wenn Leidenschaft vorhanden war, dürfte die bald geschwunden sein, wenn jahrelang nur Geld verbrannt wurde“, sagt Yan. Große Erfolge sind bislang tatsächlich ausgeblieben: Seit dem Weltmeisterschafts-Debüt 2002 konnten sich die chinesische Nationalmannschaft nicht mehr für das Turnier qualifizieren, und auch die Liga spielt auf Amateur-Niveau. Die wirtschaftliche Nachhaltigkeit der heimischen Liga sei „ein Witz“.

Viele Chinesen bezeichnen ihre Super League auch scherzhaft als „Immobilien-Liga“. Fast alle der großen Sponsoren kommen schließlich aus der Branche. „Das ist einmalig auf der Welt. Vielleicht mit Ausnahme des kolumbianischen Fußballs in den Neunzigern: die Drogenliga“, scherzt Fußballexperte Yan.

Die Goldgräberstimmung für in die Jahre gekommene Profis, die in der Volksrepublik die Rente aufbessern wollen, ist vorerst vorbei: Der chinesische Fußballverband (CFA) hat zu Jahreswechsel bereits eine Gehaltsobergrenze für ausländische Spieler angekündigt. Dies sei der „effizienteste Methode um den Vereinen dabei zu helfen, Luft aus ihren Finanzblasen abzulassen“, erklärte CFA-Generalsekretär Liu Yi damals vor der Presse in Shanghai. Tatsächlich würden die meisten Klubs zwischen 60 und 80 Prozent ihres Geldes in internationale Transfers investieren. Nun jedoch hoffen viele, dass die Auswirkungen der Coronavirus-Krise von den Vereinen abgefangen werden, anstatt dass es zum harten Crash kommt. Dies könne jedoch durchaus passieren, sagt Yan. Traurig klingt der Fußballmoderator nicht: Er bezeichnet die Liga bisweilen als „Schlachtfeld der Kriegsfürsten aus der Immobilien-Branche“.

Erfolg könne man im Fußball eben nicht kaufen, es ginge um gesellschaftliche Infrastruktur und nachhaltige Nachwuchsausbildung: „Ich glaube nicht an Investment und Return. Den Fußball muss man lieben“.
© Südwest Presse 24.03.2020 07:45
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