Pellegrino Matarazzo: Rückkehr voller Emotionen

Der Cheftrainer ist an diesem Samstag bei der TSG 1899 Hoffenheim zu Gast. Dort holte er sich das Rüstzeug für seinen rasanten Aufstieg.
  • Die Station in Hoffenheim war eine wichtige Periode auf Pellegrino Matarazzos Weg zum Bundesliga-Trainer. Foto: Tom Weiler/dpa
Wie wird es sich wohl anfühlen, wenn er am Samstag in Sinsheim aus dem Mannschaftsbus aussteigt und ihm auf dem Weg in die Kabine vertraute Menschen auf die Schultern klopfen? Der Trainer des VfB Stuttgart weiß es nicht so genau. Er geht aber fest davon aus, dass es „ein schönes Gefühl“ sein wird.

Die Rückkehr eines Trainers an seine alte Wirkungsstätte gilt im Fußball immer als besonderes Ereignis – für Pellegrino Matarazzo (42) aber ist es viel mehr. Das Bundesliga-Duell seines VfB mit der TSG 1899 Hoffenheim an diesem Samstag (15.30 Uhr) dürfte sein emotionalstes Spiel werden, seit er Anfang dieses Jahres aus dem Kraichgau nach Stuttgart wechselte, um beim VfB das Amt des Chefcoachs zu übernehmen.

Das hat mehrere Gründe. Das 3000-Einwohner-Städtchen Wiesenbach, keine 20 Kilometer von der Arena entfernt, ist noch immer die Heimat seiner Familie, seiner Frau und des elfjährigen Sohnes Leopoldo. Bei der TSG erhielt er den entscheidenden Feinschliff, um aus einem unbekannten Nachwuchscoach ohne jegliche Profi-Erfahrung zu einem Bundesliga-Trainer zu werden.

Nach elf Jahren in unterschiedlichsten Funktionen beim 1. FC Nürnberg war Matarazzo im Sommer 2017 in die Nachwuchsabteilung der TSG Hoffenheim gewechselt. „Das war ein sehr wichtiger Schritt in meiner Laufbahn – der genau richtige Schritt auf dem Weg zum VfB. Ich habe versucht, so viel wie möglich aufzusaugen.“

Der Zwei-Meter-Mann begann in Hoffenheim als Trainer der U 17 und wurde schon nach einem halben Jahr zu den Profis befördert, als Assistent von Julian Nagelsmann. Später vertraute ihm TSG-Sportdirektor Alexander Rosen die Aufgabe als Nachwuchskoordinator an.

Matarazzo hat dazu beigetragen, dass die TSG in der Nachwuchsarbeit zu den führenden Klubs in Deutschland gehört. Sieben selbst ausgebildete Spieler stehen derzeit im Profikader der Hoffenheimer, ihr Marktwert wird auf 37 Millionen Euro geschätzt. Beim VfB hingegen liegt es schon eine ganze Weile zurück, dass sich Talente aus dem eigenen Stall in der Profimannschaft durchsetzen konnten. Zwar sind auch im Stuttgarter Kader sieben Eigengewächse gelistet (Marktwert: 6,8 Millionen), doch zählen dazu neben dem inzwischen 30 Jahre alten Daniel Didavi auch der zur zweiten Mannschaft versetzte Holger Badstuber und Philipp Förster, denen bei anderen Klubs der Durchbruch gelang.

Die Rückbesinnung auf die Ausbildung und Förderung der eigenen Talente hat der VfB schon vor Ausbruch der Corona-Krise und der damit verbundenen Finanznot propagiert. Auch deshalb fiel bei der Suche nach einem Nachfolger von Tim Walter die Wahl des Sportdirektors Sven Mislintat auf den Nachwuchsexperten aus Hoffenheim, der zuvor nie ein Erwachsenenteam trainiert hatte. Mislintat war es auch gewesen, der im vergangenen Mai, noch ehe die Bundesliga-Rückkehr feststand, gegen Widerstände Matarazzos vorzeitige Vertragsverlängerung bis 2022 durchdrückte. Denn: „Rino macht seinen Job zu 100 Prozent. Er hat den Hunger, diesen Verein erfolgreicher zu machen.“

An Matarazzo liegt es nun, nicht nur den VfB insgesamt, sondern auch die eigenen Talente nach vorne zu bringen, allen voran Lilian Egloff (18). Dass der Coach bereit ist, auf die Jugend zu setzen, daran gibt es längst keinen Zweifel mehr. Unter ihm haben die von außen geholten Silas Wamangituka (21), Mateo Klimowicz (20), Roberto Massimo (20), Tanguy Coulibaly (19) oder Darko Churlinov (20) gewaltige Entwicklungssprünge gemacht.

Es soll erst der Anfang sein, für die jungen Spieler, aber auch den Trainer selbst. „Sehr dankbar“ ist Matarazzo für die zweieinhalb Jahre in Hoffenheim – und denkt bei der Rückkehr dennoch nicht daran, die Punkte im Kraichgau zu lassen.
© Südwest Presse 21.11.2020 07:45
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