„Angst und Druck sind Fremdwörter“

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Lautstark und offensiv: Uwe Wolf hat mit dem VfR Aalen viel vor. Der neue Trainer will mehr als nur die 50 Punkte für den Ligaverbleib, er sieht das Team um Platz 8 angesiedelt.
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Uwe Wolf zieht eine erste Bilanz: Für den neuen Trainer des VfR Aalen ist das Erreichen des Klassenhalts nur ein Zwischenschritt. „Danach können wir angriffslustiger werden.“

Aalen.

Drei Spiele, Minimum sieben Punkte - das war die erste Vorgabe. Geholt hat der VfR Aalen unter seinem neuen Trainer Uwe Wolf fünf Zähler. Im Interview spricht der 53-Jährige über den Abstiegskampf, seine schwere Krankheit und darüber, dass „ich mich mit 50 Punkten nicht zufrieden gebe“.

Herr Wolf, wie sehr ärgert es Sie, dass ihre erste Vorgabe nicht erreicht wurde?

Wolf: Das ist ja kein Wunschkonzert. Wir haben das Heimspiel gewonnen und zweimal auswärts Unentschieden gespielt. Wenn man sieht, wie der Punkt in Kassel zustande gekommen ist, muss man zufrieden sein.

Hat die Mannschaft Ihre Philosophie bereits angenommen?

Ja, jeder versteht, was ich will. Die Mannschaft lebt, und es wird jeden Tag besser. Ich bin keiner, der irgendwo hinfahren muss, um Teambuilding zu betreiben. Schließlich holt man nicht im Hochseilgarten oder beim Rafting die Punkte. Das passiert nur auf dem Platz.

Was genau wollen Sie von Ihren Spielern?

In erster Linie sind die Basics wichtig: die Einstellung, Lauf- und Einsatzbereitschaft und die Siegermentalität. Ohne die funktioniert kein System. Dann will ich Kombinationsfußball spielen, hoch verteidigen. Und hohe Bälle gibt's bei mir nur beim Torschuss, bei Flanken und bei der Spielverlagerung.

Das klingt nach hohem Risiko.

Wenn wir kompakt bleiben nicht. Je weiter weg wir von unserem Strafraum verteidigen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir einen Gegentor kassieren. Entscheidend ist da auch ein lautstarkes Coaching auf dem Platz, da musste ich einige Spieler erst aus der Reserve locken. Und wir sind immer noch zu leise.

Unter Ihrem Vorgänger Roland Seitz ging es ausschließlich um den Klassenerhalt. Sie sprechen jetzt offen von Platz 8.

Als ich noch nicht hier war, habe ich gesagt, dass der VfR Aalen mit dieser Kaderstärke um Platz 8 anzusiedeln ist. Und der Verein hatte sicherlich ähnliche Ansprüche. Allerdings tun sich Mannschaften, die den Klassenerhalt als Ziel ausgeben und dann um diesen kämpfen, leichter als die Mannschaften, die sich in der Tabelle woanders gesehen haben. Und ich sage ja selbst auch, dass wir zunächst den sicheren Hafen erreichen müssen. Ich bin nicht blauäugig und sehe nicht den Abstand nach hinten. Aber man darf sich auch realistische Ziele setzen. Und je schneller wir im sicheren Hafen sind, desto angriffslustiger können wir werden und dann auch deutlich mehr riskieren. Mal schauen, wohin das führt.

Ist der sichere Hafen mit 50 Punkten erreicht?

Es sind noch 33 Punkte zu vergeben, und die wollen wir. Wohl wissend, dass wir nicht alle holen. Aber ich gebe mich jetzt nicht mit 50 Punkten zufrieden.

Haben Sie keine Angst vor einem möglichen Abstieg?

Das sind im Fußball falsche Wörter. Angst und Druck sind für mich Fremdwörter. Ich habe in Mexiko gearbeitet, da gab es Familien, die abends ihre Kinder ernähren mussten und kein Geld hatten. Diese Leute haben Angst und Druck.

Anders gefragt: Glauben Sie, dass der VfR Aalen noch in Abstiegsgefahr kommen kann?

Die Mannschaft hat eine viel höhere Qualität.

Ihr Vertrag verlängert sich beim Erreichen des Klassenerhalts automatisch bis 2022. Wie weit haben Sie in den Gesprächen mit den Verantwortlichen bereits in die Zukunft geblickt?

Wir haben über einen Drei- bis Fünf-Jahresplan gesprochen.

Mit der Rückkehr in die 3. Liga?

Wir sind jetzt nicht so vermessen und sagen, dass wir in die 3. Liga aufsteigen müssen. Das müssen oder wollen andere Vereine schon viel länger, und die haben einen viel höheren Etat. Wir wollen ein gesundes Fundament schaffen, dazu zählen beispielsweise hungrige Spieler. Dann ist sehr viel möglich.

Das heißt, Sie würden gerne länger beim VfR Aalen bleiben?

In Burghausen war ich auch vier Jahre. Es wäre schön, wenn ich diesen langfristigen Plan als Cheftrainer mit begleiten darf. Ich bin mir sicher, dass die Vereine, die auf der Cheftrainerposition Kontinuität haben, erfolgreicher sind. Da muss man ja nur ein paar Kilometer weiter südlich schauen. Bei aller Rivalität, ich zolle Frank Schmidt und seinem Team großen Respekt, was sie beim 1. FC Heidenheim auf die Beine gestellt haben.

Vor Ihrem Wechsel haben Sie den SV Mehring trainiert - einen Kreisligisten ...

Ich bin mir nicht zu schade, in unteren Gefilden zu trainieren. Ein guter Freund hat mich angefragt, und ich war nach meiner Krankheit froh, wieder auf einem Fußballplatz stehen zu dürfen.

Möchten Sie über Ihre Krankheit reden?

Ich mache da kein Geheimnis draus: Ich bin Ende 2017 an Depressionen erkrankt. Ich war mit meiner Lebensgefährtin in England, als ich schlaflos war und Angstzustände bekam. Wir sind sofort nach Hause gereist, dort erhielt ich die Diagnose. Ich war bis Mitte 2019 in klinischer Behandlung. Das war hart, und ich bin wie gesagt froh, heute wieder auf dem Fußballplatz stehen zu dürfen. Den SV Mehring habe ich auch als eine Art Wiedereingliederung gesehen.

Hat Sie die Krankheit verändert?

Auf jeden Fall. Ich bin in vielen Dingen reifer geworden.

Punkte holt man nicht im Hochseilgarten.“

Uwe Wolf, Trainer des VfR Aalen

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