„Bewegungsmangelkrise“ in Deutschland

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Verabschiedung des Gaukinderturnwarts Bernhard Elser (re.), links Gaukinderturnwartin Tanja Conrad
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Zum Thema „Turnen und Sport nach Corona“ referierte Prof. Dr. Ansgar Thiel in der Bettringer Uhlandhalle. Das Vorstandskollektiv wurde beim Gauturntag einstimmig wiedergewählt

Schwäbisch Gmünd-Bettringen.

Thomas Wagenblast, Beisitzer im Gauvorstand, hieß die Vereinsvertreter willkommen. „Miteinander im Turngau“ habe das Motto vor mehr als eineinhalb Jahren beim Gauturntag in Wasseralfingen geleutet. Dann kam die Pandemie, zweimal Lockdown und von Verbindendem sei, so wie man es sonst gewohnt ist, nicht viel übrig geblieben. Statt Begegnungen seien Kontaktbeschränkungen an der Tagesordnung gewesen. „Vielen ist in dieser Zeit klar geworden, wie wichtig Sport- und Vereinsstrukturen für unser Leben und unsere Gesellschaft sind“, erklärte Wagenblast, der den Blick nach vorne ausrichtete mit dem Zitat „Gemeinsam statt einsam.“ Deshalb habe man den aktuellen Gauturntag unters Motto „Sport nach Corona“ gestellt. Wagenblast appellierte an die Politik, den Sport nachhaltig zu unterstützen.

„Corona sollte nicht als Bedrohung, sondern als Chance für Verbände und Vereine verstanden werden“ Prof. Dr. Ansgar Thiel, Tübingen

Als „Krise mit ungewissem Ausgang“ bezeichnete Professor Thiel die Corona-Pandemie. „Social distancy“ als Vorgabe der Politik hätte eher „physical distancy“ lauten sollen. Auch sei Bedürfnis sozialer Interaktion von Kindern und Jugendlichen so immens wichtig. Ängste seien produziert worden, Gefühle der Einsamkeit, auch depressive Symptome. Im Jahr 2020 seien sechzig Prozent Jungen und Mädchen mehr an Adipositas behandelt worden und fast zehn Prozent mehr mit Bulimie oder Magersucht seien bei Heranwachsenden bilanziert worden. „Das Corona-Jahr wird als Jahr der Ohnmacht erlebt“, so der Referent wörtlich. Auch hätten Jugendliche den Eindruck, nicht gehört, gesehen und die Problematik ein bezogen zu werden. Professor Thiel ging auf die „digitale Sozialität“, die während der Corona-Krise zur notwendigen Normalität geworden sei, aber echte Kontakte nie ersetzen könnten. Er verwies auf den Bewegungsmangels und langfristige gesundheitliche Folgewirkungen wie Haltungsschäden, Übergewicht und negative Einflüsse in puncto psychischer Gesundheit.

So sollen sich Gemeinden und Vereine rüsten

„Sportverbote zum Schutz der Gesundheit machen potenziell krank“, sagte Prof. Thiel. Für Sporthallen regte er die Kombination aus installierten Lüftungsanlagen und normaler Lüftung an. Eine Technologie zum Infektionsschutz beim Hallensport sei unabdingbar. „In ganz Deutschland gibt es eine Bewegungsmangelkrise. Wie man damit zukünftig umgehe bleibe „Fehlanzeige bei allen Parteien im Bundestagswahlkampf.“ Den Verbands- und Vereinsvertretern empfahl Thiel, den Nutzen von Sport und Bewegung noch mehr in die Öffentlichkeit zu bringen. Thiel warb für ein „Paradigma des Machbaren bei maximalem Infektionsschutz.“ Die Sportverbände sollten eine praktische Beratung für die Vereine organisieren, Initiativen zur Gewinnung von Ehrenamtlichen ins Leben zu rufen und ihre Angebotsentwicklung ans Zielgruppenbedürfnis anpassen. Auch sollte Corona nicht als Bedrohung, sondern als Chance für einen „Modernisierungssprung von den Vereinen verstanden werden.“ Wichtig seien auch jugendspezifische Angebote mit hohen Trend-Anteilen.“

Einen flammenden Appell für den Sport artikulierte der Gmünder Oberbürgermeister Richard Arnold. Gerade jetzt spiele der Sport in der Gesellschaft eine Schlüsselrolle. „Wir haben in der Politik zu wenig auf Heranwachsende geachtet“, sagte Arnold. Der „biologistische Wert einer Inzidenz-Werte-Fixierung seoi falsch gewesen, weil der gesamtgesellschaftliche Bezug fehlte. „Wir müssen mit Verantwortung raus aus dem Corona-Cocon“, forderte der Gmünder OB und er fügte hinzu: „Den Bürgern mehr Vertrauen schenken und Mut zeigen.“ Vorsichtig müsse man auch sein bei der Debatte ums Impfen. Er spüre, dass dies Stadtgemeinschaften spalte und jetzt nach Schulbeginn auch dort Gemeinschaften spalten könne. Hannes Barth, Vorsitzender der SG Bettringen, berichtete von einem „guten Zusammenstehen in unserem Verein“. Man habe keine Mitglieder verloren. Ein Hoffnungszeichen sei, dass es aktuell viel Nachfrage für Sportarten im Freien gebe. Seine Forderung: „Schluss mit nicht durchführbarem Verordnungs-Wust, es fehlt an klaren, durchschaubaren und praktizierbaren Regeln.“ Einen weiteren Lockdown würden viele Vereine nicht verkraften. Politik und Sport müssten gemeinsame Lösungen finden. „Maximal machbar“ müsse das Motto beim Re-Start sein, erklärte Sportkreisvorsitzender Manfred Pawlita. Besonders „berücksichtigungswert“ seien die Drei- bis Sechsjährigen. Turn- und Sportvereine seien eben mehr als Sport, sondern auch verstärkt Zusammenhalt und Gemeinschaft. Sabine Schröder, Vizepräsidentin des Schwäbischen Turnerbunds berichtete von einem Mitgliederverlust von über dreißig Prozent. Die Wahrnehmung der Vereine habe während Corona gelitten. Jetzt müsse man wieder verstärkt auf die Bedeutung der Vereine aufmerksam machen. Der STB unterstütze den Impfaufruf, wolle aber keine Spaltung.

Berichte, Wahlen, Satzung und eine Verabschiedung

Birgit Mach, Vorsitzende Freizeit- und Gesundheitssport im Turngau, bedauerte zwar den Ausfall vieler Veranstaltungen binnen zwei Jahrene, aber von einem Jahr der Ohnmacht könne man nicht sprechen. Die Übungsleiter in den Vereinen hätten kreative Angebote auf den Weg gebracht, die auch zukunftswichtig sein könnten. Beispielsweise digitale Übungsstunden oder Online-Seminare. Allerdings hätten die sozialen Kontakte stark gelitten. „Wir sind gefordert, nun eine gesunde Mischung zu finden“, sagte Mach mit dem Appell: „Seit weiter kreativ und nutzt die Freizeitangebote des Turngau und des STB.“ Dabei sollten Vereine auf keinen Fall den Gesundheits- und Seniorensport aus dem Blickwinkel verlieren. Thomas Dambacher, Vorsitzender Finanzen und Geschäftsführung, legte das Zahlenwerk vor. Einstimmig verabschiedet wurde die Neufassung der Satzung. Bei den Neuwahlen (für zwei Jahre) wurden Thomas Dambacher, Margot Wagner, Bernhard Elser und Birgit Mach als Vorstands-Kollektiv für zwei weitere Jahre wiedergewählt. Das Amt „Vorsitzender/Vorstandssprecher“ konnte nicht besetzt werden. In den erweiterten Vorstand wurden gewählt: Norbert Peuker, Monika Röhrich, Thomas Wagenblast, Steffen Schröm, Gisela Heier, Kristina Müller (Vorsitzende Turngau-Jugend) und Tanja Conrad. Als Gaukinderturnwart wurde Bernhard Elser von Gaukinderturnwartin Tanja Conrad verabschiedet. Zusammen mit Conrad hatte er dieses Amt seit 1995 bekleidet. Der Gauturntag 2022 wird vom SV Bolheim ausgerichtet, 2025 soll der Gauturntag im Bereich Aalen stattfinden.

Lothar Schell

Gmünds Oberbürgermeister Richard Arnold
Prof. Dr. Ansgar Thiel
Prof. Dr. Ansgar Thiel

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