Dann ist das Ringen tot

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Über eine Sportart, in der gekämpft wird – und für deren Fortbestand gekämpft werden muss. Jens Scholz erzählt im Interview, was sich in seinen 23 Amtsjahren für seine Ringer geändert hat.

Fast ein Vierteljahrhundert hat Jens Scholz bei den Ringern aus Fachsenfeld den Laden mitgezogen, die meiste Zeit als Abteilungsleiter oder Sportlicher Leiter. Jetzt hat der 53-Jährige aufgehört – und erzählt im Interview, wieso es nicht so einfach ist, die klassische Sportart Ringen am Leben zu erhalten.

Herr Scholz, wenn Sie ein Bekannter fragt, ob er sein Kind zum Ringen schicken soll. Was raten Sie?

Unbedingt, sage ich. Es ist Raufen, aber unter Anleitung von Trainern. Sich mal körperlich messen, das gehört bei fast allen Kindern ohnehin dazu, aber beim Ringen findet es nicht auf dem Schulhof statt, sondern nach Regeln. Und danach sind sie so richtig müde ...

Wieso gibt's dennoch viel mehr junge Fußballer als Ringer?

Gegen die Popularität des Fußballs kommt man nicht an. Im Ringen gibt es keine so schillernden Stars wie dort, und die Regeln muss man sich erst einmal erarbeiten. Ringen ist ein bisschen extremer, das müssen Eltern auch erst mal gut finden. Manche machen sich Sorgen, dass ihr Kind Ringerohren bekommt. Wobei: Da gibt's guten Kopfschutz. Und ich habe auch keine, obwohl ich rund 200 Kämpfe gemacht habe.

Dass das IOC dem Ringen den Altmodisch-Stempel verpasst hat, indem es die Sportart aus dem Olympischen Programm kegeln wollte, war auch nicht gerade ein gutes Zeichen, oder?

Das war wie ein Schlag ins Gesicht – für die älteste Sportart der Welt.

Welche Mode-Sportart macht aus Ihrer Sicht dem Ringen am meisten zu schaffen?

Das Fitnessstudio. Da tritt einem kein Trainer mal in den Hintern, es trainiert jeder, wie er will, da kann man auch ein bisschen schlampig trainieren. Ich bin selber seit 25 Jahren in einem Studio, da gibt's auch Leute, die hängen ihr Handtuch übers Gerät und stellen sich dann an die Bar.

Als Sie vor 23 Jahren eingestiegen sind als Verantwortlicher, konnte der KSV Aalen mit tausenden Zuschauern eine deutsche Meisterschaft feiern; Fachsenfeld und Dewangen waren Lokalrivalen. Heute ist alles ein paar Nummern kleiner.

Eine KG Ostalb wäre nicht sinnvoll.

Jens Scholz, ehemaliger Sportlicher Leiter KG Dewangen/Fachsenfeld

Als wir die KG (von Fachsenfeld und Dewangen – KG) 2007 gegründet haben, waren da zwei volle Mannschaften, heute tun wir uns schwer, eine voll zu bekommen. In beiden Orten waren's immer um die 300 Zuschauer; heute sind es zusammen nicht mal mehr so viel. Dennoch war es richtig, die KG zu gründen. Wir Ringer sind ja auch nicht die einzigen mit solchen Zwängen: Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass die Fußballer aus Fachsenfeld und Dewangen mal zusammen eine Spielgemeinschaft bilden würden?

Führt der Schrumpfkurs der Sportart notwendigerweise irgendwann zur KG Ostalb, zusammen mit Aalen, vielleicht sogar mit dem AC Röhlingen?

Es gab dahingehend Gespräche vor rund einem Jahr. Es wäre der allereinfachste Weg, aber es wäre nicht sinnvoll. Zusammen mit Aalen, da würden wir uns kaputt machen. Dann gibt's keinerlei Lokalderbys mehr, und es ist heute schon so, dass Dewanger nicht nach Fachsenfeld wollen und umgekehrt. Wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, sollte man es auch lassen.

Gibt es noch andere Gründe, warum weniger kommen?

Es gibt auch Zuschauer, die wollen ein gewisses Niveau haben. Wenn wir in der Oberliga vorne mitringen, dann merkt man das spürbar an gewachsenen Zuschauerzahlen. Dafür müssen wir aber die Mannschaft um ein paar externe Ringer verstärken, und die wollen oft finanziell ganz schön hinlangen.

Und was ist aus Ihrer Sicht aktuell das größte Problem des Ringkampfsports?

Der Nachwuchs ganz klar, das ist das A und O. Mit Qualität bekommt man Zuschauer, aber die Qualität muss man erst einmal selber schaffen. Und wenn von 40 Schülerringern zehn in die erste Mannschaft kommen, dann ist das schon eine sehr gute Quote.

Wie kann man also das Ringen am Leben erhalten?

Durch persönlichen Einsatz, der Nachwuchs kommt heute nicht einfach von selber. Bei der KG hat sich das Patrick Abele auf die Brust geschrieben, er macht das klasse. Das ist mit viel Aufwand und Arbeit verbunden – aber wenn Sie die Jugend vernachlässigen, ist das Ringen tot.

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