Den großen Traum haben fast alle

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Die Strahlkraft des Profifußballs gehört einfach dazu: Norbert Stippel (r.) im Jahr 2018 bei einem Besuch von Profi Andreas Hofmann (Mitte).
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Norbert Stippel über seine Erfahrungen in mehr als 20 Jahren als Fußballcamp-Chef – und Strahlkraft und Schattenseiten des großen Profifußballs.

An der Anziehungskraft des Profifußballs ist auch Norbert Stippel in seinen mehr als 20 Fußballcamp-Jahren nicht vorbeigekommen. Ausflüge zum VfB, nach Hoffenheim, Gäste wie die Berufsfußballer Sami Khedira, Guido Buchwald, Andreas Beck, Dominik Kaiser haben zum Programm gehört. Ein Gespräch über Fußball zwischen kindlicher Freude und Geschäft – und was wirklich wichtig ist.

Herr Stippel, was ist Fußball für Sie?

Fußball ist Lebensinhalt, nach der Familie der größte für mich.

Was ist er für die Jungs und Mädels, die im Camp dabei sind?

Ganz viel, denke ich. Quell von Freude und Begeisterung, und die Basis für echtes Miteinander.

Zu den Dingen, die vor einigen Monaten – beim Corona-Lockdown – systemrelevant genannt wurden, gehörte der Fußball nicht.

Das war eine harte Zeit, für jeden. Und ich gebe zu, dass ich mit der Zeit Entzugserscheinungen hatte.

Der Fußball schien plötzlich sehr, sehr unwichtig.

Ja, es ging schon darum in der Situation, Demut zu zeigen, sich klarzumachen, es gibt auch andere Sachen. Und dass der Fußball bisweilen überwichtig erschienen war.

Der Fußball war bisweilen überwichtig erschienen.

Norbert Stippel über Lehren aus der Corona-Pause

An Ihr Camp war im Frühjahr nicht zu denken, oder?

Das habe ich für illusorisch gehalten, dass es das geben würde. Den Ausschlag gab die Landesregierung, als wieder erlaubt war, im Sport Kontakt zu haben. Wobei wir angesichts des Corona-Ausbruchs in Bettringen wieder neu gezweifelt haben, wir haben erst nach genauer Rückversicherung bei der Gemeinde, der wir unser Konzept noch einmal gezeigt haben, entschieden es zu machen.

Für den großen Profifußball hat die Zwangspause scheinbar auch Nachdenken bewirkt – darüber, was wichtig ist.

Da gab es trotzdem Aussagen, etwa von Karl-Heinz Rummenigge, wo ich mich gefragt habe: Seid Ihr von dieser Welt? Ich verstehe natürlich, dass sie versucht haben, die Bundesliga am laufen zu halten. Aber andererseits hatten so viele Leute ein Problem, nur hat man die nicht so gehört – weil sie nicht so wichtig sind.

Von den vielen hundert Kindern, die Sie schon im Camp hatten, wie viele träumen eigentlich den Traum vom Profifußball?

Alle. Na ja, fast alle. Zwei Prozent schließe ich vielleicht aus.

Der Profifußball spielt ja auch in Ihrem Camp ein wichtige Rolle: mit Ausflügen zum VfB und nach Hoffenheim, mit vielen Gästen aus dem Profifußball. Geht es gar nicht ohne?

Nein, das ist ja unser Ansatz, und wir haben die Möglichkeiten und Kontakte. Und man geht auch von sich selber aus: Wenn du früher die Möglichkeit gehabt hast, einen Profi zu sehen, da warst du eine Woche high. Unsere Kinder hier, die kennen Spieler, von denen ich noch nie gehört habe, die beten alle Namen von den Bundesliga-Kadern runter.

Wie hat sich die Strahlkraft des Profifußballs während der 20 Jahre Camp verändert, ist sie größer geworden?

Zu sagen, es wird nicht reichen – das ist schon hart.

Norbert Stippel über Nachwuchsleistungszentren

Definitiv, da spielen die sozialen Medien eine große Rolle. Wenn Cristiano Ronaldo mehr als 200 Millionen Follower hat und er veröffentlich irgendwas, dann wissen das am nächsten Tag eben 200 Millionen Menschen.

Andererseits ist es gerade ein Trend, dass deutsche Nationalspieler relativ früh die Karriere beenden – André Schürrle, Per Mertesacker, Benedikt Höwedes – und in einem Interview bekunden, wie viel sich zum Schlimmeren entwickelt hat. Nachvollziehbar aus ihrer Sicht?

Ich sehe das etwas zwiespältig. Wenn du dein Hobby zum Beruf machen kannst und so viel Geld verdienst, dass du dir nie mehr Sorgen machen musst – den Traum hat jeder Nachwuchsspieler. Andererseits zerrt die Öffentlichkeit, auch durch die neuen Medien, heute viel mehr an den Fußballern als früher. Und es wird genauer hingeschaut, gerade bei den Finaltorhelden wie Götze und Schürrle; wenn du oft lesen musst, dass du schlecht gespielt hast, das kann einen schon zermürben.

Die Argumentation der Zurückgetretenen lief auf eine grundlegende Klage hinaus: Man darf keine Schwäche zeigen.

Das ist die Kehrseite der medialen Popularität, dass man so gläsern wird. Hansi Müller und seine Generation, das waren auch mal junge Leute, die weggegangen sind und Party gemacht haben – aber am nächsten Tag gab's davon kein Video im Internet. Wenn ein Spieler am Rande des Platzes nach dem Training wegen eines Autogramms angesprochen wird und er läuft einfach weiter, dann ist das schon arrogant, denn das gehört, finde ich, zum Job dazu. Aber abseits davon muss er doch auch das Recht haben mal nein zu sagen und ein Privatleben zu haben.

Wo es große Träume gibt, sind dann auch große Enttäuschungen möglich – das fängt ja bei ambitionierten Jugendspielern schon an, oder?

Definitiv. Es gibt Statistiken, die besagen, dass es in den Nachwuchsleistungszentren fünf Prozent ganz nach oben schaffen. Wenn man sieht, was die Spieler opfern, was sie für Entbehrungen in Kauf nehmen, da gibt es nichts außer Schule und Fußball. Und dann zu sagen, du kriegst keinen Vertrag, es wird nicht reichen – das ist schon hart. Da braucht man ein intaktes Umfeld, die Familie, die einen auffängt und beim Einordnen hilft. Dass man sich sagen kann, alles recht und gut, aber Oberliga ist auch etwas.

Da können ja Eltern geradezu froh sein, wenn ihr Kinder vor allem aus diesem Grund im Camp ist: Freude zu haben am Fußball.

Da ist etwas dran: Es ist schon unser Anspruch, sie ein kleines bisschen besser zu machen. Aber ganz oben soll der Effekt sein, dass sie heimgehen und sagen, es hat Spaß gemacht.

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