Die Ostalb mischt international mit

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3000-m-Hindernis-Weltmeister Patriz Ilg (rechts) aus Hofen zählt zu den absoluten Weltklasseathleten des Ostalbkreises. 1983 holte er sich bei der Weltmeisterschaft in Helsinki Gold über 3000m Hindernis.

70 Jahre Württembergischer Leichtathletikverband: Eine Ära mit großen Veranstaltungen und erfolgreichen Athleten. Athleten und Funktionäre von der Ostalb agieren an den Stellschrauben

Am 21. Januar 1951 schlossen sich die Leichtathletikverbände aus Nord- und Südwürttemberg in Bad Cannstatt im Hotel "Concordia" zum WLV zusammen. Der Beginn einer 70-jährigen Erfolgsgeschichte, die bis in unseren Raum ausstrahlt.

Zum ersten Präsidenten wurde damals Richard "Molly" Schauffele gewählt. Dessen Freund Hermann Pfäffle aus Lorch war vor dem Krieg ein sehr erfolgreicher Sprinter, der 1939 in die Kernmannschaft für die eigentlich 1940 in Helsinki vorgesehenen Olympischen Spiele berufen worden war. Der Kartonagen-Fabrikant ließ sich dazu überreden, den Leichtathletik-Kreisverband Schwäbisch Gmünd zu gründen. Von 1953 bis 1967 war Pfäffle dann dessen Vorsitzender, ehe er vom Bettringer Günter Schenk (nachmaliger Bürgermeister in Unterschneidheim) abgelöst wurde. Noch im Gründungsjahr 1951 kommen fast 50 000 Zuschauer ins damalige Stuttgarter Neckarstadion, um den Länderkampf Deutschland gegen Italien zu verfolgen. Insgesamt 90 000 Zuschauer an zwei Tagen interessieren sich 1961 für den Länderkampf gegen die USA, bei dem die dreifache Olympiasiegerin Wilma Rudolph mit 11,2 Sekunden einen 100-Meter-Weltrekord aufstellt. 85 000 Menschen sehen 1965 den erstmals ausgetragenen Europapokal und am Ende begeisterte Athleten aus Ost und West Hand in Hand das Neckarstadion verlassen.

1969 wird beim Erdteilkampf Europa gegen Amerika in Stuttgart die erste deutsche Kunststoffbahn eingeweiht. Unvergesslich später die Eindrücke bei den Europameisterschaften 1986 und den Weltmeisterschaften 1993 im umbenannten Gottlieb-Daimler-Stadion. 585 000 Leichtathletik-Fans pilgerten bei der WM zu Carl Lewis, Colin Jackson, Lars Riedel, Merlene Ottey, Maria Mutola oder Heike Drechsler. 3,5 Milliarden Menschen in 200 Ländern sahen, wie die begeisterungsfähigen Schwaben die Athleten unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht und Nationalität anfeuerten: sportliches Fairplay triumphierte!

Doch der Glanz verblasste. Nachdem Barbora Spotakova 2008 den heute noch gültigen Speerwurf-Weltrekord (72,28 m) dort aufgestellt hatte, endete die große Leichtathletik-Ära Stuttgarts. Schon am Morgen danach rollten nach dem Willen des VfB die Bagger an und die grüne Kunststoffbahn musste weichen. Seither übernahm als Ersatz in Württemberg das Ulmer Donaustadion fünfmal die Deutschen Meisterschaften.

Eine andere Erfolgsgeschichte schrieb die Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart. 25 Jahre lang wurde hier mit dem Sparkassen-Cup das weltbeste Hallenmeeting ausgetragen. In der mit 8000 Zuschauern immer ausverkauften Halle wurden 12 Weltrekorde erzielt, ehe sich der Hauptsponsor zurückzog.

Aber auch in unserer Region gab es spektakuläre Großereignisse. Stadionsprecher aus Gmünd durften beispielsweise den Hammerwurf-Weltrekord, den Karl-Hans Riehm 1978 mit 80,32 Meter bei einem Länderkampf im Heidenheimer Albstadion aufstellte, und 1982 den Zehnkampf-Weltrekord von Jürgen Hingsen (8741 Punkte) vor 10 000 enthusiastischen Zuschauern bei den Deutschen Mehrkampf-Meisterschaften im Ulmer Donaustadion kommentieren. Aushängeschilder für den WLV waren einst Athleten wie der 3000-m-Hindernis-Weltmeister Patriz Ilg aus Hofen, der Zehnkampf-Vizeweltmeister Siggi Wentz aus Lorch oder in jüngerer Zeit Zehnkampf-Europameister Arthur Abele aus Hüttlingen. Speziell aus dem Gmünder Raum Gmünd kamen auch einige Sportfunktionäre, denen der WLV wesentliche Impulse zu verdanken hat. Rechtsanwalt Walter Lenz, Ehrenvorsitzender des TSB Gmünd und 1970 Mitbegründer der LG Staufen, war jahrzehntelang Mitglied der Rechtsausschüsse von WLV und DLV und wurde nach dem Ausscheiden aus diesen Funktionen zum WLV-Ehrenmitglied ernannt.

Sein 2012 verstorbener Mögglinger Anwaltskollege Norbert Laurens war von 1979 bis 1992 Rechtswart im WLV und von 1991 bis 1994 auch dessen Vizepräsident. Deutschlandweit bekannt wurde Laurens als Rechtswart des DLV (1981 bis 1993), wo er den "Fall Krabbe" und die anderen ersten Doping-Prozesse ins Rollen brachte. Als Mitglied der Organisationskomitees war er mitverantwortlich für den großen Erfolg der EM 1986 und der WM 1993 in Stuttgart.

Ehrenpräsident Fred Eberle

Der Alfdorfer Günter Mayer war über 20 Jahre Rektor der Bettringer Uhlandschule und fungierte auch sechs Jahre als Vorsitzender der LG Staufen. 1988 wurde er zum WLV-Schulsportbeauftragten und 2002 zum Jugendwart des Verbandes ernannt. 40 Jahre lang amtierte er als Nachfolger des Ellwangers Wolfgang Schiele als Landesbeauftragter für den Leichtathletik-Wettbewerb "Jugend trainiert für Olympia". Als Vorsitzender der DLV-Schulsportkommission nahm er von Berlin aus Einfluss auf die Bundesjugendspiele und die Sport-Lehrpläne der Schulen. Für diese Tätigkeiten wurde er 2018 mit dem DLV-Ehrenschild ausgezeichnet.

Ganz besonders hinterließ der Gmünder PFS-Dozent Fred Eberle im WLV seine Handschrift. Als erfahrener und erfolgreicher Trainer in der LG Staufen stieg er 1988 als Lehrwart in die Verbandsarbeit ein. Von 1994 bis 2018 übernahm er das Amt des WLV-Vizepräsidenten. Nachdem Eberle 1990 die Entwicklung für eine pädagogisch erforderliche Neugestaltung der Kinder-Leichtathletik angestoßen hatte, wurde auch der DLV auf ihn aufmerksam. 1997 wurde der Gmünder Beauftragter für die Kinder-Leichtathletik im DLV und 2009 Vorsitzender des Bundesausschusses Aus- und Fortbildung, Wissenschaft und Trainerschule. Als er 2018 als DLV-Vizepräsident zurücktrat und auch seine sonstigen ehrenamtlichen Tätigkeiten beendete, stimmten die Delegierten des Verbandstags mit stehenden Ovationen dem Vorschlag zu, ihn zum WLV-Ehrenpräsidenten zu ernennen.

Beispielhaft für Eberles These, dass Kinder-Leichtathletik kein Abklatsch der Erwachsenen-Leichtathletik sein dürfe, ist der alljährliche Nikolaus-Lehrgang. Er entstand 1972 im Untergeschoss der Gmünder Großsporthalle als interne Fortbildung innerhalb der LG Staufen mit Anschauungsmaterial aus den in diesem Jahr stattgefundenen Olympischen Spielen in München. Die ursprünglich vereinsinterne Veranstaltung entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer Lehrgangsreihe für Trainer, Übungsleiter und Lehrer in ganz Württemberg. Seit 1988 wird sie in Kooperation mit dem DLV durchgeführt, seit 2017 als Fachkongress des WLV mit dem Titel "Kinder und Entwicklung". Jedes Jahr konnte Fred Eberle dabei Spitzensportler als Gäste präsentieren. Darunter die Olympiasieger Ulrike Meyfarth, Klaus Wolfermann, Christian Schenk, Willi Holdorf, Jürgen Schult und Dieter Baumann. Selbst der legendäre Kipchoge Keino aus Kenia ließ sich aus diesem Anlass in Gmünd sehen.

Das Ostalb-Ass Patriz Ilg

Die Ostalb-Asse Patriz Ilg und Siggi Wentz kamen genauso vorbei wie aus der aktuellen Szene Hürdensprinter Gregor Traber, Hochspringerin Marie-Laurence Jungfleisch, der deutsche Speerwurf-Rekordhalter Andreas Hofmann oder Paralympics-Olympiasieger Nico Kappel. In den WLV-Gremien ist der Leichtathletik-Kreis Ostalb derzeit durch zwei Personen vertreten: Der Vorsitzende Uwe Koblizek (Wasseralfingen) sitzt als Vertreter der Kreise im Aufsichtsrat. Die Bettringerin Jutta Bryxi hat im Fachausschuss "Kinder und Jugend" als Beauftragte für Kinder-Leichtathletik Sitz und Stimme. WLV-Präsident Jürgen Scholz treibt die Zusammenführung der Leichtathletikverbände aus Baden und Württemberg voran. Vom Fachjournalisten Ewald Walker befragt, was er sich zum Jubiläum wünsche, antwortete er: "Noch ein oder zwei Olympiasieger aus Baden-Württemberg und irgendwann eine Europameisterschaft im Ulmer Donaustadion ist mein Traum."

Hans Bendl

Viele Jahre Seite an Seite bei der LG Staufen. Walter Lenz, Ehrenvorsitzender des TSB Gmünd und 1970 Mitbegründer der LG Staufen, sowie Ex-LGS-Vorsitzender Uwe O. Schmid.
Freuen sich über die Medaillen nach dem WM-Zehnkampf in Rom 1987. Der Lorcher Siggi Wentz (links, Silber) und Weltmeister Torsten Voss.

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