„England eine ganz andere Nummer“

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Zu Gast in Neuler: Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Knut Kircher hat über die Europameisterschaft und die Leistungen der Unparteiischen gesprochen.

Der frühere Weltklasse-Schiedsrichter Knut Kircher war zu Gast in Neuler. Ein Interview unter anderem über die Spiele und Schiedsrichter-Leistungen bei der Europameisterschaft.

Neuler

Knut Kircher hat in seiner Karriere fast 250 Bundesligaspiele gepfiffen. Nun war der 52-jährige Ex-Schiedsrichter in Neuler - und überreichte in seinem Amt als WFV-Ehrenamtsbeauftragter den Vereins-Ehrenamtspreis an den TV. Im Interview spricht er über die Europameisterschaft, die Altersgrenze bei Schiedsrichtern und die gekippte Auswärtstor-Regelung.

Herr Kircher, die entscheidende Phase der Europameisterschaft steht an, wie fällt Ihr bisheriges Fazit des Turniers aus?

Kircher: Die Grundidee der aktuellen Europameisterschaft finde ich klasse, aufgrund des 60-jährigen Bestehens diese über ganz Europa zu verteilen. Doch durch die Corona-Pandemie lässt es das ganze Turnier aber nicht so locker und entspannt wirken wie beispielsweise das Sommermärchen 2006 bei uns in Deutschland. Das ist ein wenig schade. Die Spiele bei dieser Europameisterschaft finde ich hochspannend und hochinteressant. Aus meiner Sicht gibt es eigentlich keine vermeintlich Kleinen mehr. Es ist eher ausgeglichen, da muss jeder kämpfen, damit er weiterkommt. Wenn der Trend aus der Vorrunde anhält, wird man die EM als Turnier der Eigentore in Erinnerung behalten.

Wie erklären Sie sich das?

Das hat mit der Spieldynamik zu tun - der Spielweise hinter die Abwehr zu kommen. Wenn ein scharfer Pass kommt, hält entweder der Angreifer den Fuß hin, oder der Verteidiger versucht zu klären. So kann es vorkommen, dass der Ball dann ins eigene Tor geht.

Als ehemaliger Weltklasse-Schiedsrichter nehmen Sie sicherlich auch die Schiedsrichter ganz genau unter die Lupe. Wie bewerten Sie die bisherige Leistung?

Schön anzuschauen ist die spielförderliche Auslegung der Regel- und Zweikampfbeurteilung der Schiedsrichter-Teams. Man kann bislang eigentlich kein Schiedsrichter-Team herausheben – weder im Positiven noch Negativen. Das liegt daran, dass alle einfach sehr gut sind. Der Videoassistent funktioniert ebenfalls sehr gut. In Graubereichen lassen sie die Finger weg, bei klaren Fehlentscheidungen greifen sie ein. Da gab es aber noch gar nicht so viele, deshalb ist der Eingriff nicht so notwendig und man merkt es auch nicht. Es läuft sehr viel Gutes im Hintergrund ab. Gut, normale Tor-Checks gibt es und sind auch wichtig. Dabei sind auch ein paar Tore dann wegen Abseits oder Handspiel aberkannt worden.

Was sagen Sie zur bisherigen Leistung der deutschen Nationalmannschaft?

Ich hatte das Glück, das beste Gruppenspiel der Vorrunde live in München in der Arena zu verfolgen. Nach dem Sieg gegen Portugal war ich richtig euphorisiert und dachte mir: Mensch, einfach super. Doch dann kam das Spiel gegen Ungarn. Anderseits steht der Gegner kompakt mit einer Fünferkette und hat davor auch nochmals einen Riegel aufgebaut. Somit war die Ausrichtung der Ungarn, nur auf Konter zu spielen. So tut man sich dann einfach schwer. Man hat gesehen, dass Portugal anders gespielt hat, und so ergaben sich andere Räume und Möglichkeiten. Ich gehe davon aus, dass es im Achtelfinale in England eine ganz andere Nummer wird als gegen Ungarn. Wenn man unter den besten 16 steht, kann alles passieren.

Also glauben Sie, dass das Spiel gegen England, ähnlich wie gegen Portugal werden könnte?

Ja, ich glaube, dass England auch eher offensiv und nach vorne spielen wird. Sie werden sich nicht mit einer Fünferkette einfach hinten reinstellen. Das Spiel wird abwechslungsreicher. Da gibt es sicherlich auch mehr für die deutsche Abwehr zu tun, weil sie mehr Angriffen ausgesetzt ist.

Wer ist Ihr Favorit auf den Titel?

Vor dem Turnier war für mich klar, dass Frankreich das Rennen macht. Italien und Belgien haben mir in der Vorrunde sehr gut gefallen. Das ändert aber nichts an der Favoritenrolle, die Frankreich hat. Deutschland gehört zum Kreis der Favoriten, wenn sie das Potenzial entfalten und auf den Platz bringen können.

Manuel Gräfe, bis zum Frühsommer noch Bundesliga-Schiedsrichter, ist nun EM-Experte im ZDF. Im Frühjahr gab es eine kontroverse Diskussion darüber, dass er mit 47 Jahren aufgrund der Alters-Regelung seine Karriere beenden muss. Finden Sie diese noch zeitgemäß?

Der Niederländer Björn Kuipers leitet mit über 48 Jahren noch internationale Spiele und ist bei der EM dabei, da es in den Niederlanden die Altersgrenze nicht gibt. Auch in England muss man darüber nicht diskutieren. Ich fand den Zeitpunkt der Diskussion unpassend. Manuel Gräfe, aber auch den beiden anderen Schiedsrichter Markus Schmidt und Guido Winkmann, war klar, dass es diese Altersgrenze gibt. Dann fang ich doch nicht erst im Frühjahr an, das zu diskutieren. Man kann das schon ein, zwei Jahre vorher ansprechen. Ich fand das Vorgehen deshalb etwas befremdlich, weil man zuerst versucht hat über die Medien Druck auszuüben. Die Altersgrenze ist ein probates Mittel, man kann dazu stehen wie man will und diese bestimmt auch punktuell ausweiten, denn so hat man letztlich eine gesunde Durchmischung.

Die UEFA hat die Auswärtstor-Regelung gekippt und diese gilt bereits ab der kommenden Saison nicht mehr. Ist das richtig?

Es wird auf jeden Fall interessant. Nun fällt ein wenig die Rechnung weg zu sagen, dass man zuhause 1:0 gewinnt und auswärts 1:2 verliert. So wäre man weitergekommen. Das macht das ganze nun ein Stückweit gerechter, denn in Summe sind jeweils auf beiden Seiten zwei Tore gefallen. Nun geht es eben mit Verlängerung weiter. Ich finde, dass man das ganze durchaus mal probieren kann.

Deutschland gehört zum Kreis der Favoriten.“

Knut Kircher, Ex-Bundesliga-Schiedsrichter

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