„Es gibt nur noch wenige Mädchen-Mannschaften“

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Bis der Ball wieder rollt (wie hier zu sehen der Mühli-Cup Heubach) wird es noch etwas dauern. Um die Zukunft des Jugendfußballs muss man sich aber auch währen d der Corona-Zeit viele Gedanken machen. .
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Bezirksjugendleiter Holger Walliser spricht über die vergangenen drei Jahre seiner Amtszeit.

Ostalbkreis. An diesem Mittwoch treffen sich die Bezirksjugendleiter aus der Region Ostwürttemberg zur Jugendleiter-Hauptversammlung, die in Pandemie-Zeiten natürlich online stattfindet. Im Vorfeld blickt Bezirksjugendleiter Holger Walliser (FV Sontheim) auf die vergangenen drei Jahre zurück. Dramatisch sieht die Lage beim Mädchen-Fußball aus.

Herr Walliser, welche Themen werden am Mittwoch bei der Hauptversammlung auf der Agenda stehen?

Holger Walliser: Unter anderem geht es um den demografischen Wandel. Wir haben immer weniger Kinder und dadurch auch weniger Fußball-Mannschaften im Jugendbereich. Ganz tragisch wird es, wenn man in den Bereich des Mädchen-Fußballs schaut. Bei uns in Ostwürttemberg wird es bereits existenziell. Das muss ich am Mittwoch ansprechen. Am Thema Corona kommt man natürlich auch nicht vorbei.

Ist Mädchen-Fußball der Punkt, der Ihnen, unabhängig von Corona, mit am meisten Kopfzerbrechen bereitet in Ihrer Amtszeit?

Ja, das kann man schon so sagen. Wir haben aber mit Nina Schwarz eine hervorragende Mädchen-Referentin im Bezirk Ostwürttemberg. Mit ihr habe ich schon im Vorfeld gesprochen. Wir wollen uns Methoden überlegen, wie man wieder mehr Mädchen in den Spielbetrieb bekommt. Im Moment gibt es nur noch sehr wenige Mädchen-Mannschaften - und das ist einfach tragisch. Im Fußball passieren Veränderungen nicht jetzt oder in einer Woche, sondern Jahre. Wir müssen Modelle entwickeln, wie man die Mädchen so lange wie möglich bei den Jungs mitspielen lässt.

Wurde die dramatische Lage im Mädchen-Fußball coronabedingt nochmals beschleunigt, oder findet dieser Prozess schon viel länger statt?

Corona hat natürlich niemandem geholfen. Aber es wäre zu leicht, das nun auf die Pandemie zu schieben. Das ist ein längerer Prozess, den man wirklich schon lange sieht. Es gab verschiedene Hype-Zeitpunkte im Frauen- und Mädchenfußball. Das war zu der Zeit, als die Frauen erstmals Weltmeister geworden sind. Das hat dazu geführt, dass viele Mädchen Fußball gespielt haben. Viele Jahre später sieht das ganz anders aus. Die Entwicklung schmerzt dabei zuerst in den eher ländlichen Bereichen, weil man große Strecken zu fahren hat. Den Rückgang des Mädchen- und Frauenfußballs sieht man aber bundesweit.

Woran liegt das?

Es ist einfach nicht mehr cool. Mädchen nehmen andere Angebote wahr. Zum Beispiel ist bei ihnen immer noch Turnen hoch im Kurs. Wenn in einem kleinen Ort beispielsweise 28 von 30 Mädchen im Turnen sind, kann man letztlich keine Mannschaft mehr stellen. Das ist ein großer Punkt der mich, wenn ich denn am Mittwoch bei der Hauptversammlung wiedergewählt werde, in meiner nächsten Amtszeit begleiten wird.

Also treten Sie zur Wiederwahl an?

Ja, ich lasse mich selbstverständlich wieder aufstellen. In dieser außergewöhnlichen Zeit, in der wir uns aktuell befinden, kann und möchte ich den Bezirk nicht im Stich lassen.

Im Februar 2018 wurden Sie zum Bezirksjugendleiter gewählt. Wie fällt das Fazit aus?

Das letzte Jahr war einfach eine Katastrophe. Aber das war es ja eigentlich für jeden von uns. Die Auswirkung der Pandemie wird frühestens im Herbst sichtbar sein. Wenn Corona nicht nochmals massiv zuschlägt hoffe ich, dass wir im Frühjahr kommenden Jahres wieder in einem normalen Fahrwasser sein werden. Vor Corona hatten wir große Erfolge zu verzeichnen: Zum Beispiel die Umstrukturierung auf Verbandsebene in den A-, B- und C-Jugenden. Das war ein großes und komplexes Projekt, das erfolgreich zum Abschluss gebracht wurde. Bei den Bambinis hatten wir es geschafft, dass sich die Sichtweise auf das Spiel ändert.

Das bedeutet?

Man muss bei den Kleinsten den Fußball anders spielen und vor allem leben. Man darf nicht einen Sechsjährigen unter Leistungsdruck setzen, sondern ihn einfach mal auf den Platz holen und er soll Spaß dabei haben. Wenn es dann toll ist, mit den Freunden Fußball zu spielen, bewegen sich im Hintergrund Trainer, die versuchen die nächsten Schritte mit den Kindern zu gehen. Nur auf diese Art und Weise haben wir die Chance, wieder mehr Kinder auf den Fußball-Platz zu bekommen und sie für den Sport zu begeistern. Tim Abramowski

Holger Walliser

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