„Jogi Löw bleibt immer Weltmeister“

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Norbert Stippel kennt den scheidenden Bundestrainer seit über 25 Jahren. Der Fußballlehrer aus Waldstetten spricht über den Abgang. Und sagt, was er anders gemacht hätte.

Waldstetten

Nein, eine WhatsApp habe er noch nicht geschrieben. Und auch sonst keinen Kontakt aufgenommen. „Das ist das Letzte, was Jogi Löw jetzt braucht“, sagt Norbert Stippel. „Er soll jetzt durchschnaufen und das alles für sich selbst verarbeiten.“ Trotz des frühen Ausscheidens bei der EM sagt der Waldstetter: „Seine Zeit als Bundestrainer ist eine große Erfolgsgeschichte.“

Sie haben 1995 beim VfB Stuttgart zusammengearbeitet. Und sich nie aus den Augen verloren. Norbert Stippel hätte Joachim Löw deshalb einen anderen Abgang als Bundestrainer gewünscht. „Ich habe gehofft, dass er wenigstens ins Halbfinale kommt. Dann wäre seine Ära gekrönt worden.“ Dass für die deutsche Nationalmanschaft jetzt schon nach dem Achtelfinale Schluss ist, sei für Löw „eine kleine Delle“ als Bundestrainer. Die erste nach dem Vorrunden-Aus bei der WM 2018 bezeichnet Stippel als die „größere Delle“. Was der 61-Jährige über seinen guten Bekannten aber auch sagt: „Trotz dieser Kratzer hatte Jogi eine äußerst erfolgreiche Zeit und hat sehr, sehr viel für den deutschen Fußball erreicht.“ Und: „Er wird immer Weltmeister bleiben und als solcher in der Branche gesehen.“

Dass Löw jetzt viel Kritik von den Fans erntet, kann Stippel nachvollziehen. „Das gehört dazu. Wenn du als Deutschland im Achtelfinale scheiterst, hast du alles falsch gemacht.“

Matthäus und Ballack nerven

Was er aber überhaupt nicht versteht: wenn Ex-Profis wie Michael Ballack, Fredi Bobic oder Lothar Matthäus derart hart urteilen über die Arbeit des Bundestrainers. „Das nervt kolossal“, sagt Stippel. Denn: „Es kommt immer so rüber, als wären wir mit deren Aufstellung Europameister geworden.“ Aber: „Nach dem Frankreich-Spiel hätte Jogi alles über den Haufen werfen sollen. Er hat nichts verändert - und klar gewonnen.“ Und: „2018 hatte man das Gefühl, Deutschland ist nicht Weltmeister geworden, weil er auf Leroy Sané verzichtet hat.“

Wobei Stippel zugibt, dass auch er bei dieser EM einiges schwer nachvollziehen konnte und vielleicht anders gemacht hätte. „Ich bin beispielsweise ein großer Fan von Jamal Musiala. Mit seiner Art Fußball zu spielen hätte ich ihn früher gebracht.“ Was der Waldstetter damit sagen will: dass es für Außenstehende schwer zu beurteilen ist. „Jogi sieht die Spieler täglich im Training und damit Dinge, die andere nicht wissen.“

Bleibt die Frage: Hat Löw, der Deutschland 2014 zum Weltmeister gemacht hat, zu spät aufgehört? Stippel: „Gegenfrage: Warum hätte er nach dem WM-Titel aufhören sollen?“ Der Bundestrainer habe damals eine „super Mannschaft“ gehabt. Und: „Es ist doch klar, dass du nach so einem Erfolg Selbstvertrauen hast und denkst, dass du jetzt Europameister und nochmal Weltmeister wirst.“ Und danach habe es ausgesehen. Erst recht, als Deutschland 2017 mit einer B-Elf den „Confed Cup“ gewonnen hat. „Da hat man gesehen, welch großes Potenzial da ist.“ Was der Waldstetter auch sagt: „Die Mannschaft hat es nicht mehr aufs Feld gebracht.“ Spieler wie Serge Gnabry oder Leroy Sané seien bei dieser EM das beste Beispiel (Stippel: „Da muss mehr kommen.“). Das zeige, dass Löw nicht allein für das Scheitern verantwortlich gemacht werden könne. Es stelle sich vielmehr die Frage, ob die Qualität der Spieler überhaupt ausreiche, um den hohen Ansprüchen in Deutschland gerecht zu werden.

Joachim Löw: noch kein Rentner

Der Fußballlehrer beantwortet diese Frage mit einem klaren Nein. „Andere Nationen sind uns inzwischen um Längen voraus.“ Der DFB habe das erkannt und werde den Jugendbereich „revolutionieren“. Stippel als Chef des Nachwuchsleistungszentrums der Stuttgarter Kickers bekommt das täglich mit.

Für Joachim Löw ist das Vergangenheit. Dass der 61-Jährige aber schon in Rente geht, kann sich Stippel nicht vorstellen. „Klar wird er jetzt erst einmal abschalten und entspannen.“ Aber, und da ist sich der Waldstetter sicher, er werde als Trainer zurückkehren. „Bei einer Vereinsmannschaft kann ich es mir weniger vorstellen.“ Es sei denn, es würden Top-Clubs wie Real Madrid, FC Barcelona, Manchester oder Liverpool kommen. „Da kannst du kaum nein sagen.“ Was er eher glaubt: dass Löw noch einmal als Nationaltrainer im Ausland anheuert.

Eines ist für Norbert Stippel sicher: „Jogi wird sich vor Anrufen kaum retten können ...“

Kennen sich seit 1995: Ex-Bundestrainer Joachim Löw und der Waldstetter Norbert Stippel. Foto: privat

Du denkst, du wirst nochmal Weltmeister.“

Norbert Stippel, Fußballlehrer aus Waldstetten

Löw und Stippel gemeinsam beim VfB Stuttgart

Begegnung. Norbert Stippel und Joachim Löw kennen sich seit 26 Jahren. Erstmals begegnet sind sie sich 1995 beim VfB Stuttgart.

Zusammenarbeit. Stippel absolvierte damals während seiner Ausbildung zum Fußballlehrer ein Praktikum beim Bundesligisten. Trainer war Rolf Fringer, dessen Co-Trainer Joachim Löw.

Beziehung. Weil Fringer als Cheftrainer extrem eingespannt war, war Löw erster Ansprechpartner von Stippel. „Dadurch hat sich ein enges Verhältnis aufgebaut.“ Der Waldstetter bezeichnet den Ex-Bundestrainer als „extrem freundlichen und liebenswerten Menschen“. alex

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