VfB Stuttgart

VfB-Rückkehr – ganz anders als 2017

Wie vor drei Jahren gelingt dem VfB Stuttgart der direkte Aufstieg in die Fußball-Bundesliga. Doch Ausgangslage und Stimmung unterscheiden sich mitunter deutlich.
  • Wieder oben: Stuttgarts Tanguy Coulibaly, Orel Mangala, Gregor Kobel, Darko Churlinov und Antonis Aidonis feiern den Aufstieg mit den Fans (v.l.). Foto: Tom Weller
Abgestiegen, gleich wieder aufgestiegen – alles schon mal gewesen. Und es ist noch gar nicht lange her. Vor drei Jahren reparierte der VfB Stuttgart den ersten Betriebsunfall der jüngeren Vereinsgeschichte. Nicht eingeplant war damals, dass dies drei Jahre später schon wieder notwendig sein würde. Alles wie seinerzeit also? Von wegen! Im Gegensatz zum Aufstieg 2017 gibt es nun, da die Rückkehr ins Oberhaus so gut wie perfekt ist, einige Unterschiede.

  Stimmung 60 000 in der Mercedes-Benz-Arena, Zehntausende beim Public Viewing auf dem Wasen, ebenso später bei der Feier mit der Mannschaft und den Fantastischen Vier. Die Fans hatten die Saison zur Kulttour durch die zweite Liga gemacht, die Euphorie war groß – und gipfelte am 21. Mai 2017 in einer ausgelassenen Aufstiegsparty. Drei Jahre danach, am vergangenen Sonntag, war die Stimmung nicht nur wegen der Folgen der Corona-Krise eine andere. Durch den neuerlichen Abstieg wurde noch mehr Kredit und Vertrauen verspielt als 2016. Die Skepsis wich im Laufe der Spielzeit nicht – im Gegenteil: Zahlreiche unerklärlich schwache Auftritte nährten die Zweifel.

Dazu kamen die zwiespältigen Ansichten zur Saisonfortsetzung mit Geisterspielen. Deshalb war diesmal vor allem die Erleichterung größer als der Jubel groß, dass es wieder nach oben geht. Die große Party gab es diesmal nicht. Einige hundert VfB-Fans waren nach Abpfiff des letzten Spiels gegen Darmstadt zur Mercedes-Benz-Arena gepilgert, um das Team zu feiern. Die Spieler zeigten sich kurz auf der Brüstung der Haupttribüne. Das war's dann aber schon.



Klub 2017 kam es schon wenige Wochen nach dem Aufstieg zur Trennung von Sportvorstand Jan Schindelmeiser. Der wenige Monate zuvor mit knapper Mehrheit gewählte Präsident Wolfgang Dietrich lotste Michael Reschke als neuen Sportchef vom FC Bayern zum VfB – was das Vertrauensverhältnis zwischen Trainer (Hannes Wolf) und der sportlichen Führung belastete. Ein halbes Jahr nach dem Aufstieg musste Wolf gehen, Reschke und Dietrich blieben äußerst umstritten. Mittlerweile sind beide nicht mehr im Amt.

Nun ist Thomas Hitzlsperger der bestimmende Mann der inzwischen ausgegliederten Profisparte – als Vorstandsvorsitzender und Sportvorstand. Seine Vertrauensleute: Markus Rüdt und Sportdirektor Sven Mislintat. Und auch wenn deren erste wichtige gemeinsame Entscheidung (Trainer Tim Walter) korrigiert wurde, gilt das Trio gemeinsam mit dem neuen Coach Pellegrino Matarazzo als verschworene Einheit.

Der Vertrag mit Cheftrainer Matarazzo wurde verlängert, da war der Aufstieg längst noch nicht sicher. „Macht verdammt viel Freude mit den beiden“, twitterte Hitzlsperger kürzlich. Gemeint war die Zusammenarbeit mit dem Coach und Mislintat. Hitzlsperger weiß aber auch: „Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“ 

Mannschaft Das Aufstiegsteam von 2017 hatte treffsichere Stürmer mit Erfahrung (Terodde, Ginczek), routinierte Spieler mit Erstligakompetenz (Gentner, Insua, Maxim) und hoffnungsvolle Talente (Baumgartl, Pavard, Brekalo). Wichtige Abgänge gab es kaum, dennoch erschien dem neuen Sportchef Michael Reschke der Kader zu unerfahren, er verpflichtete in Dennis Aogo und Andreas Beck nach Ron-Robert Zieler weitere erfahrene Kräfte, im Winter stieß dann noch Mario Gomez zum Team.

Nun gibt es ebenfalls eine erfahrene Riege und viele Talente. Offen ist, inwieweit die inzwischen in die Sportlerjahre gekommenen Routiniers (Castro, Badstuber, Didavi) das Team in der ersten Liga noch anführen können. Mario Gomez hat wie erwartet seine Karriereende verkündet. Sportdirektor Mislintat hat eine ganze Horde Talente verpflichtet, deren Potenzial schon aufgeblitzt ist. Wie sich die jungen Wilden in der Bundesliga zurechtfinden? Das bleibt eine spannende Frage. Das Team bleibt größtenteils zusammen, muss aber um den einen oder anderen Eckpfeiler ergänzt werden.

  Aussichten Dank der direkt nach dem Aufstieg 2017 vollzogenen Ausgliederung und der Investition der Daimler AG (über 40 Millionen Euro) hatte der VfB nach dem Aufstieg einen großen finanziellen Spielraum, investierte in die Infrastruktur rund ums Clubheim und in die Mannschaft. Rein sportlich gesehen ist diese Anschubfinanzierung durch den neuerlichen Abstieg und die damit einhergehenden Verluste verpufft. Die Corona-Krise hat weitere Löcher in die Kasse gerissen, es fehlen Zuschauereinnahmen und ein Teil der TV-Gelder.

Trotz der Überschüsse aus dem vergangenen Sommer (Verkäufe Pavard, Baumgartl, Kabak), dem Wintertransfer von Santiago Ascacibar zu Hertha BSC und den sicheren Einnahmen in diesem Sommer (etwa durch eine Beteiligung am Transfer des früheren Stuttgarters Timo Werner zum FC Chelsea) ist das zur Verfügung stehende Budget für die Verstärkung der Mannschaft offenbar eher überschaubar.

„Wir haben ein gutes Gerüst und eine gute Mischung in der Mannschaft“, sagt Mislintat. Der VfB ist als erneuter Aufsteiger aber mehr denn je darauf angewiesen, dass sich seine Talente schnell weiterentwickeln. Der Klassenverbleib scheint eine noch größere Herausforderung als in der Saison 2017/2018.
© Südwest Presse 30.06.2020 07:45
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