VfR: Das letzte Urgestein macht Schluss

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Sein 25. und letztes Trainingslager: Im Januar 2019 war Achim Hägele mit dem VfR Aalen in Lara in der Türkei. Am Samstag hört der Masseur nach fast 30 Jahren im Profifußball auf .
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Achim Hägele verlässt nach 28 Jahren den VfR Aalen: Der Masseur blickt vor seinem Abschiedsspiel auf drei Jahrzehnte zurück: von Gänsehautmomenten auf St. Pauli bis zum Klaps auf den Hintern.

Aalen

Ein bisschen mulmig ist Achim Hägele schon. Das Heimspiel gegen FSV Mainz 05 II ist das letzte des 59-Jährigen beim VfR Aalen. 28 Jahre lang hat er als Masseur bei seinem Herzensverein gearbeitet. Er hat 19 Trainer, über 350 Spieler und vor allem unvergessliche Momente erlebt. „Es war eine tolle Zeit“, sagt er. Aber: „Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um Schluss zu machen.“

Wo soll er mit Erzählen anfangen? Achim Hägele ist ein positiver Typ, und deshalb beginnt er mit den schönsten Erlebnissen in den fast drei Jahrzehnten. „Natürlich die Aufstiege“, sagt er. Der erste mit Trainer Walter Modick im Jahr 1999, als Slobodan Pajic den VfR in Pforzheim in die Regionalliga geschossen hat. Oder der im Jahr 2010, als Ostälbler den direkten Wiederaufstieg in die 3. Liga schafften. „Der Höhepunkt war natürlich der Aufstieg in die 2. Bundesliga im Jahr 2012“, sagt Hägele und erinnert sich: „Wir brauchten ein Unentschieden und haben beim VfB Stuttgart II 2:2 gespielt.“ Trainer damals war Ralph Hasenhüttl, den Österreicher bewundert er von allen am meisten. „Ralph war ein toller Mensch. Er konnte sogar im Winter sagen, dass es draußen warm ist - ihm hat man alles geglaubt.“ Noch heute verfolgt der Masseur seinen Ex-Trainer beim FC Southampton in der Premier League.

Ich denke, dass ich eine Dauerkarte kaufe.“

Achim Hägele, Seit 1992 Masseur des VfR Aalen

Erst Spieler, dann Trainer

„Ich durfte Ralph am Anfang seiner Trainerkarriere erleben und jetzt sehen, wie erfolgreich er ist.“ Es gibt aber noch andere Ex-Trainer, an die sich Hägele gerne erinnert. „Mit Edgar Schmitt und Walter Modick hat's einfach gepasst. Und Joachim Zeller und Slobodan Pajic hatte ich als Spieler auf der Massagebank und später auf der Trainerbank.“

Bei den Spielern ist es ähnlich. Auch da hat der 59-Jährige viele kennengelernt. „Es waren über 350 Profis, die während meiner Zeit beim VfR waren.“ Tolle Typen seien dabei gewesen. Robert Lechleiter, Daniel Bernhardt, Neno Rogosic, Jürgen Schichta, Heiko Wick, Günther Niggel, Branko Okic, Erol Sabanov, Cassio da Silva, Semih Tafrali, Andreas Hofmann, Fabio Kaufmann, Michael Stickel ... Hägele kann gar nicht alle aufzählen. „Die Liste ist lang.“ Dabei waren auch Kicker, die es ganz nach oben in die Bundesliga geschafft haben: Kevin Kampl, Benjamin Hübner oder Dominick Drexler. Auch Ex-Keeper Robert Wulnikowski wird Hägele nicht vergessen: „Das war der Einzige, dem ich erlaubt habe, dass er mir einen Klaps auf den Hintern gibt.“ Allerdings gab's auch Profis, die dem Masseur das Leben schwer gemacht haben. „Die haben sich beschwert, wenn die Massage statt 20 nur 18 Minuten gedauert hat. Das ist nicht nur einmal passiert ...“ Namen nennt er freilich keine.

Den falschen Fuß getapet

Das passt auch nicht zu ihm. Hägele ist keiner, der nachtritt. Er ist auch keiner, der Interna ausplaudert. Wobei ach er nach all den Jahren sehr viel zu berichten hätte. Ein paar Einblicke hinter die sonst verschlossenen Türen gewährt er dann doch. Der Masseur erzählt von einem Vorfall in der Kabine, als er einem Spieler versehentlich den falschen Fuß getapet hat. „Nicht einmal der Spieler selbst hat es gemerkt.“ Eigene Geschichten hätten auch die Trainingslager geschrieben. Über 30 hat Hägele mitgemacht. In der Türkei, Spanien, Portugal, Malta, Italien, Tunesien und Österreich. „Einmal musste sogar die Polizei ins Mannschaftshotel kommen“, erinnert sich der Masseur, ohne Details verraten zu wollen. Achim Hägele hat seinen Job geliebt. Die Arbeit mit den Spielern. Mit dem gesamten Team. Und die Reisen. Die Stadien in Köln, Kaiserslautern, Berlin, Dresden oder Nürnberg. Die Allianz-Arena in München, die „damals noch in Blau geleuchtet hat“. Und natürlich St. Pauli. „Wenn beim Einlaufen der Mannschaften „Hells Bells“ von AC/DC gespielt wird, dann ist das ein Gänsehautmoment.“

Kein Bier an der Hotelbar

Auch durch die Trainingslager hat der Masseur viel von der Welt gesehen. Wobei diese immer unheimlich stressig waren. „Arbeitstage von morgens 8 Uhr bis spät nachts waren keine Seltenheit. Das war nur essen, schlafen und arbeiten.“ Ohnehin habe sich dort die Einstellung der Profis verändert. „Mit einem Bier saß in den vergangenen Jahren keiner mehr an der Hotelbar.“

Achim Hägele ist seit seiner Kindheit dem VfR Aalen treu. In der Jugend stand er im Tor der Schwarz-Weißen, ehe er einen Abstecher zum Post SV Aalen machte. Als dreifacher baden-württembergischer Meister im Judo kehrte er 1992 in den Rohrwang zurück. „Andere Vereine haben mich nie interessiert“, sagt er. Und der VfR Aalen werde immer sein Herzensverein bleiben.

Wobei er jetzt erst einmal Abstand gewinnen und abschalten will. „Ich hatte nie normale Arbeitszeiten, und eine 40-Stunden-Woche war eher selten.“ Stattdessen seien Arbeitstage von morgens 8 Uhr bis abends 19 Uhr die Regel gewesen. „Das hat viel Kraft gekostet.“

Der Dank gilt Diana Zimmer

All das sei nur möglich gewesen, weil seine Freundin Diana Zimmer das mitgetragen und ihn stets unterstützt habe. „Auch in schlechten Zeiten war sie immer für mich da. Das ist alles andere als selbstverständlich.“ Umso mehr freut er sich, dass er künftig die freien Wochenende mit seiner Lebensgefährtin genießen kann. „Ich werde jetzt mit Diana viel Fahrradfahren, viel Spazierengehen und die freie Zeit genießen. Und wir wollen reisen, und wenn's nur übers Wochenende an den Bodensee ist.“

Und was wünscht er seinem VfR Aalen? „Erfolg“, sagt er. Und irgendwann die Rückkehr in die 3. Liga. Achim Hägele wird all das genau mitverfolgen. Und hautnah miterleben: „Ich denke, dass ich mir eine Dauerkarte kaufen werde ...“

Trainingslager in Portugal mit Mannschaftsarzt Dr. Harry Reeb, Miguel Coulibaly, Erol Sabanov, Michael Bochtler, Zeugwart Uwe Klemmer und Achim Hägele.
Abkühlung im Meer: Achim Hägele gemeinsam mit Zeugwart Uwe Klemmer (rechts).
Einer von 19 Trainern: Achim Hägele (2.v.r.) hat zwischen 2000 und 2004 mit Peter Zeidler (links) zusammengearbeitet. Es folgten namhafte Fußballlehrer wie Weltmeister Jürgen Kohler, Ralph Hasenhüttl, Edgar Schmitt, Rainer Scharinger, Frank Wormuth, Pete
Trinkpause: Achim Hägele mit den VfR-Profis Patrick Neumann (links) und Michael Oelkuch.

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