Die letzten Ermittler im Mordfall Maria Bögerl

Im Mai 2010 wird Maria Bögerl aus ihrem Haus entführt. Später findet ein Spaziergänger ihre Leiche. Die Kriminalisten Thomas Friedrich und Michael Bauer suchen bis heute nach dem Täter.

  • Kriminalhauptkommissar Michael Bauer (links) und Kriminaldirektor Thomas Friedrich. Foto: Silija Kummer
  • Ermittler untersuchen am 4. Juni 2010 bei Heidenheim-Nietheim den Waldboden. Foto: Stefan Puchner/dpa
  • Ermittler untersuchen am 4. Juni 2010 bei Heidenheim-Nietheim den Waldboden. Foto: Stefan Puchner/dpa
  • 5. Juni 2010: Polizisten durchsuchen bei Heidenheim ein Rapsfeld. Zehn Jahre nach dem Mord an der Bankiersfrau Maria Bögerl in Heidenheim hoffen die Ermittler immer noch auf eine Aufklärung des Falls. Foto: Stefan Puchner/dpa
  • 5. Juni 2010: Polizisten durchsuchen bei Heidenheim ein Rapsfeld. Zehn Jahre nach dem Mord an der Bankiersfrau Maria Bögerl in Heidenheim hoffen die Ermittler immer noch auf eine Aufklärung des Falls. Foto: Stefan Puchner/dpa

Dieser Fall ist lösbar – das ist die feste Überzeugung von Kriminaldirektor Thomas Friedrich. Er ist als letzter Leiter der mittlerweile aufgelösten Sonderkommission (Soko) „Flagge“ im Fall der Entführung und Ermordung von Maria Bögerl noch immer für die Ermittlungen zuständig. Er und Kriminalhauptkommissar Michael Bauer, der sich als Sachbearbeiter mit ungefähr der Hälfte seiner Arbeitszeit diesem Kriminalfall widmet, sind die letzten beiden Ermittler bei der Kriminalpolizei in Ulm, die sich noch permanent mit dem zehn Jahre zurückliegenden Verbrechen beschäftigen. Wobei beschäftigen aus Sicht von Friedrich sicherlich das falsche Wort ist: „Wir brennen für diesen Fall, er lässt uns keine Ruhe“, sagt der 54-jährige Polizeibeamte.

Im Fall Bögerl sind viele Fragen offen: Warum zum Beispiel forderte der Täter ein für eine Entführung relativ geringes Lösegeld von 300 000 Euro in einer außergewöhnlichen Stückelung? Und warum hat er sich nach einem ersten Telefonat am 12. Mai 2010, kurz vor 11.30 Uhr, mit dem Ehemann und Kreissparkassen-Vorstandsvorsitzenden Thomas Bögerl nie wieder gemeldet? Sein Entführungsopfer hat er mit Messerstichen getötet, offenbar schon vor dem Zeitpunkt, zu dem das Lösegeld an einer Behelfsausfahrt der Autobahn hätte abgelegt werden sollen. Was ging schief? Niemand kann diese Fragen bislang beantworten.

Während die vielen Rätsel dieses Falles noch immer die Phantasie und Neugierde vieler Menschen im Landkreis Heidenheim anregen, sind sie für die hinterbliebenen Kinder des Ehepaars Bögerl ein Trauma, das auch nach zehn Jahren immer noch nachwirkt. Ein Gespräch mit unserer Zeitung haben die beiden abgelehnt.

Die Polizei kennt zumindest die genetische Identität des Täters im Mordfall Bögerl. „Wir haben an unterschiedlichen Orten DNA-Spuren gesichert, die eindeutig dem Täter zuzuordnen sind“, erläutert Kriminaldirektor Friedrich. Sobald es der Polizei gelingt, eine DNA-Probe vom richtigen Mann zu nehmen, ist der Täter überführt. Mehr als 10 000 Spuren liegen der Polizei im Mordfall Bögerl vor. „Mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit haben wir auch den Namen des Täters schon in unserem System“, meint der Kriminaldirektor Thomas Friedrich.

Was tun die Ermittler, um diese beiden Informationen in Übereinstimmung zu bringen? „Wir setzen auf digitale Spuren“, sagt Michael Bauer. Von allen Orten, die mit der Tat zu tun hatten, habe man Funkzellendaten erhoben. „Das sind knapp eine Million digitale Daten“, erläutert der Polizeibeamte. Ziel sei es nun, das Handy des Täters aus dieser Fülle von Informationen herauszufiltern. „Die Zusammenarbeit mit den Datenanalysten ist eine sehr spannende Sache“, sagt der Kommissar.

Manchmal hilft der Zufall

Auch neue Hinweise im Fall Bögerl kommen nach wie vor bei der Polizei an, „im Durchschnitt zwei bis drei pro Monat“, berichtet Bauer. Oftmals seien das Menschen, die sich bislang nicht getraut haben, sich bei der Polizei zu melden. Dies ist ein Moment, auf das Ermittler bei so genannten Cold Cases (kalten Fällen) setzen: Dass ein Mitwisser nach zehn Jahren aussagt, weil sich beispielsweise sein persönliches Verhältnis zum Täter geändert hat oder ihn das schlechte Gewissen plagt, kann durchaus zur Lösung eines Falls beitragen.

Auch „Kommissar Zufall“ ist manchmal mit im Spiel, wenn ein viele Jahre zurückliegendes Verbrechen doch noch aufgeklärt werden kann. „Natürlich würden wir uns auch darüber freuen“, sagt Kriminaldirektor Friedrich. Noch lieber wäre ihm aber ein „Arbeitssieg“, denn der Aufwand, den die Polizei in diesen Fall gesteckt hat, ist immens: Hunderte von Polizeibeamten arbeiteten über Jahre in zwei aufeinanderfolgenden Sokos. Selbst heute gibt es immer noch Aktionen, bei denen auf die Schnelle ein großes Kontingent an Polizeibeamten zusammengezogen wird – wie beispielsweise bei den Hausdurchsuchungen im Januar in der Nähe von Crailsheim.

Bisher ist die Polizei noch nicht an dem Punkt, im Fall Bögerl aufzugeben. „Solange wir noch vernünftige Ansätze und Ermittlungsschritte haben, sind weder wir noch die Staatsanwaltschaft Ellwangen bereit, das Verfahren vorläufig einzustellen“, sagt Thomas Friedrich. Es bleibt also der Notizblock auf dem Nachtkästchen der Ermittler liegen, auf den Gedanken notiert werden, die den beiden in wachen Stunden nachts durch den Kopf gehen. Vielleicht wird auch eines Tages die entscheidende Verknüpfung darauf stehen, die die DNA-Spuren mit dem Täter verbinden.

© Südwest Presse 12.05.2020 07:45
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy