Weihnachtskrippe

Eine Figur, die entzweit

Nicht nur in Ulm wird über die Darstellung des schwarzen Königs im Stall von Bethlehem diskutiert. Auch andere Gemeinden treibt die Debatte um.
  • Weihnachtskrippe einmal anders. Das Krippenmuseum in Oberstadion präsentiert auch ungewöhnliche Darstellungen. Foto: Kevin Wiest
  • Der Ulmer Melchior hat eine Brezel für das Jesuskind. Foto: Evang. Dekanatamt Ulm
Mit Krippen kennt sich Kevin Wiest, Bürgermeister der Gemeinde Oberstadion, aus. Die Gemeinde im Alb-Donau-Kreis beherbergt hunderte Krippen aus aller Welt in einer Pfarrscheuer aus dem Jahr 1612, die 2007/2008 aufwändig zu einem Museum umgebaut wurde. Die Debatte über eine als rassistisch empfundene Krippenfigur in Ulm beschäftigt auch ihn. „Ich habe noch nicht jede einzelne Figur von uns angeschaut. Danach, was ich erinnere, ist jedoch keine ehrverletzend“, sagt Wiest. Von Besuchern jedenfalls sei er noch nie auf möglicherweise anstößige Darstellungen angesprochen worden.

Wie berichtet, hat sich die evangelische Münstergemeinde in Ulm entschlossen, in diesem Jahr die drei Könige an der Weihnachtskrippe nicht aufzustellen, weil die Figur des schwarzen Königs „voller Klischees und grotesk überzeichnet“ sei. Die Holzfigur des Melchiors mit ihren wülstigen Lippen und ihrer unförmigen Statur sei aus heutiger Sicht „eindeutig als rassistisch anzusehen“, begründet Dekan Ernst-Wilhelm Gohl. Weil die vor rund hundert Jahren geschaffene Figur des Ulmer Künstlers Martin Scheible immer wieder Menschen dunkler Hautfarbe vor den Kopf gestoßen habe, wolle man in Ruhe Anfang des Jahres offen mit der Kirchengemeinde darüber diskutieren. Die Figur einfach „heimlich zu ersetzen, ohne mit der Gemeinde darüber zu sprechen, hätten wir schäbig und feige gefunden“, teilt das Evangelische Dekanat mit.

Doch eine ruhige Aussprache ist nicht in Sicht. Die Wellen der Empörung schlagen hoch. Diese Aufgeregtheit befremdet Kevin Wiest. Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, könnten kaum mehr öffentliche Debatten anregen, ohne übel beschimpft zu werden, beobachtet er. Inhaltlich findet er die Ulmer Entscheidung problematisch. „Die Frage ist doch, was wollte uns der Künstler sagen?“ Ob das noch zeitgemäß sei, darüber könne man diskutieren. Doch Wiest warnt auch: „Wir kommen in ein schwieriges Fahrwasser, wenn wir heutiges Denken in eine Figur hineinprojizieren.“ Dann könne auch über manche Darstellungen von Frauen in der Kunst diskutiert werden, die unter heutigen Gesichtspunkten als sexistisch zu bewerten seien, ebenso über Martin-Luther-Straßen. Der Reformator äußerte sich immer wieder antisemitisch.

Jürgen Hohl, Experte für Klosterarbeiten und Krippen, kann die Entscheidung der Münstergemeinde nicht nachvollziehen. Als „vollkommenen Quatsch“ bezeichnet er die Debatte. „So hat man sich im 18. Jahrhundert einen schwarzen Menschen vorgestellt.“ Deshalb müsse man jedes Objekt aus seiner Zeit heraus verstehen. Im Weingarter Museum für Klosterkunst begegne er immer wieder dunkelhäutigen Besuchern, die stolz darauf seien, dass der schwarze Kontinent an der Krippe vertreten ist.

Das ist auch die Intension der drei Weisen, die im Matthäus-Evangelium beschrieben sind. Caspar, Melchior und Balthasar, die Magier aus dem Morgenland, stehen repräsentativ für die drei damals bekannten Kontinente Europa, Asien und Afrika. Diese huldigen dem Kind im Stall von Bethlehem. Hohl empfieht der Münstergemeinde: „Figur aufstellen und in einem Gottesdienst erklären, was es damit auf sich hat.“

Doch was, wenn die Darstellung spaltet und verletzt? Als wenig gelungen empfindet der Renninger Pfarrer Franz Pitzal die Ulmer Figur. „Frohstimmend“ sei sie nicht, sagt er. Aber deshalb rassistisch? Pfarrer Pitzal kann diesen Vorwurf nicht nachvollziehen. „Die Kirche bringt keinen Rassismus an die Krippe.“ Vielmehr solle mit der Figur des Melchiors angedeutet werde, dass die Botschaft Jesu eben nicht „an der Krippe von Bethlehem hängen bleibt“. Mit den drei Königen werde ja gerade das die Kontinente Verbindende dargestellt. Allerdings räumt Pfarrer Pitzal, der die treibende Kraft hinter einer rund sechshundert Figuren großen Krippe im Renninger Ortsteil Malmsheim ist, ein: Man sollte in einer Kirche keine Figuren aufstellen, die Zwietracht sähen“.

Er erinnert sich an eine Debatte in seiner Gemeinde. In einer Krippe war die Figur eines Burschen dargestellt, der mit einem Stock auf einen Hund eingeschlagen hat. Das hat Unmut ausgelöst. „Vielleicht braucht es des Friedens Willen auch einmal einen Rückzieher“, gibt er zu bedenken.

In Ulm jedenfalls soll in der Kirche kein Streit entbrennen. „Eine Krippe, die in einer Kirche aufgestellt wird, soll zur inneren Andacht und zum Lob Gottes anleiten“, betont Dekan Gohl. Und sie soll Eintracht symbolisieren. Bis diese in Ulm wieder hergestellt wird, wird es vermutlich noch etwas dauern.
© Südwest Presse 16.10.2020 07:45
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