Interview mit Bildungsforscher

„Feedback ist extrem wichtig“

Der Bildungsforscher Benjamin Fauth über guten Fernunterricht, drohende Quarantäne und die Frage, was Lehrer nun tun sollten.
  • Die 14 Jahre alte Lilli hat auf einem Laptop die Lernplattform „mebis“ geöffnet. Damit ist digitaler Unterricht möglich. Foto: Stefan Puchner/dpa
  • Bildungsforscher Benjamin Fauth. Foto: Privat
Die Politik hat sich festgelegt: Anders als zu Beginn der Corona-Pandemie sollen die Schulen während der „Zweiten Welle“ geöffnet bleiben. Phasen des Fernunterrichts gibt es trotzdem flächendeckend immer wieder, vielleicht schon bald in geteilten Klassen. Der Bildungsforscher Benjamin Fauth (38) über die Frage, wie solcher Unterricht gelingen kann.

Die Politik will die Schulen trotz Pandemie unbedingt offenhalten. Ist Fernunterricht wirklich so schlecht wie sein Ruf?

Benjamin Fauth: Weiß ich gar nicht. Natürlich kann der Fernunterricht die Schule als sozialen Raum nicht ersetzen. Aber die Frage ist doch: Wie kann man Fernunterricht so gestalten, dass er gut und wirksam ist. Und ich glaube, jetzt, wo die meisten Schulen geöffnet sind, sollten sie sich darauf vorbereiten. So eine Quarantäne kann ja von jetzt auf gleich für einzelne Klassen angeordnet werden.

Was genau sollten Lehrer also tun?

Ich denke, es macht Sinn, sich Gedanken darüber zu machen, worum es eigentlich geht. Worum geht es beim normalen Präsenzunterricht? Wer das für sich beantwortet, kann besser abschätzen, worum es beim Fernunterricht gehen muss.

Nämlich worum?

Die empirische Forschung zeigt, dass es nicht so sehr um sogenannte Sichtstrukturen geht, also um Dinge an der Oberfläche, wie Sitzordnung, Frontalunterricht oder Gruppenarbeit, sondern um Tiefenstrukturen. Wie sind die einzelnen Lehr- und Lernprozesse gestaltet? Und da stellt sich die Frage: Worauf kommt es bei diesen Tiefenstrukturen an?

Worauf kommt es denn an?

Es geht um drei Grunddimensionen: Erstens müssen Schüler zum Nachdenken über zentrale Unterrichtsinhalte herausgefordert werden. Zweitens geht es um Unterstützung durch die Lehrkraft – kognitiv, was den Stoff angeht, aber auch emotional. Das dürfte in Corona-Zeiten besonders wichtig sein. Die dritte Dimension ist Klassenführung.

Wie führt man Klassen, die nicht mehr zusammenkommen?

Bei der Klassenführung geht es um die Frage: Wie gibt man Unterricht so Struktur und Ordnung, dass Lernzeit gut genutzt wird? Auf das Fernlernen übertragen, geht es um Selbstregulation. Schüler müssen lernen, sich zu organisieren, ihren Lerntag zu strukturieren, sich selbst beim Lernen zu beobachten. Das kann man üben.

Wenn Schüler alleine am Laptop lernen, sind Ablenkungen doch programmiert.

Natürlich. Aber Selbstregulation kann und sollte ohnehin jeder trainieren. Wie richte ich meinen Arbeitsplatz in der heimischen Umgebung ein? Wie gehe ich mit Störungen um? Was mache ich mit meinem Handy und meinem Instagram-Account, wenn ich arbeite? Letztlich geht es darum, das Lernen zu lernen.

Klingt kompliziert.

Man muss Schüler natürlich unterstützen. An einer Gemeinschaftsschule in Durmersheim, die auch den Deutschen Schulpreis gewonnen hat, wurden zum Beispiel am Anfang und Ende jedes Tags kleine Videokonferenzen gemacht. Da ging es nicht um Stoffvermittlung, sondern um Markierung des Lerntags. Wie ein virtueller Gong.

Videokonferenzen sind in der öffentlichen Debatte ein großes Thema. Wie wichtig ist Technik wirklich?

Sehr wichtig. Aber wichtiger ist die Frage: Was machen wir mit all den Laptops und Tablets, die jetzt gekauft werden? Zum Beispiel ist Feedback wahnsinnig wichtig für Lernprozesse. Beim Fernlernen ist das wegen der Distanz ein Problem. Wenn der Lehrer mit dem Fahrrad rumfährt und neue Aufgaben und Feedback bringt, ist das toll. Aber weil das natürlich nicht immer möglich ist, können neue Medien genau hier helfen – etwa mit Apps, die Lernstände dokumentieren und Ergebnisse rückmelden.

Schüler haben zuhause unterschiedliche Ressourcen: Technik, Ruhe, ein Arbeitszimmer, familiäre Hilfe. Ist Fernunterricht ungerechter als normale Schule?

Das Risiko besteht auf jeden Fall. Unterschiedliche Schüler brauchen unterschiedlich viel Unterstützung. Wenn Fernlernen heißt, dass es weniger Unterstützung gibt, hat das natürlich eine soziale Komponente. Manche Eltern können ihr Kind viel besser fördern als andere. Aber auch hier geht es letztlich um Fragen der Qualität des schulischen Angebots. Gut gemachte Schule hat immer den Anspruch, soziale Disparitäten zu verringern.

Sie sind selbst Vater. Wie haben Sie als Theoretiker die Praxis des Fernunterrichts erlebt?

Die Klasse meiner Tochter wurde neulich von einem Tag auf den anderen für zwei Wochen in Quarantäne geschickt. Da habe ich viel gelernt – auch Demut. Ich beschäftige mich seit Jahren wissenschaftlich mit Unterrichtsqualität und Lernprozessen, ohne selbst eine Lehramts-Ausbildung zu haben. Oliver Welke hat in der „heute-Show“ mal gesagt, es dämmere jetzt Millionen Eltern, dass Lehrer tatsächlich ein richtiger Beruf ist. Das wusste ich natürlich vorher schon. Aber meine Bewunderung für das, was Lehrkräfte jeden Tag leisten ist auch nicht geringer geworden.
© Südwest Presse 18.11.2020 07:45
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