Stuttgart 21

Gäubahn unter die Erde?

Auf den Fildern könnte ein zwölf Kilometer langer Tunnel entstehen. Kostenpunkt: Bis zu eine Milliarde Euro. Diese Idee begrüßen sowohl Kritiker als auch Befürworter des Bahnprojekts.
  • Die S-Bahn-Station am Stuttgarter Flughafen: Sollte der neue Gäubahntunnel unter den Fildern tatsächlich kommen, werden hier doch keine Fernzüge auf einem dritten Gleis halten. Foto: Marijan Murat/dpa
Über Ergänzungen für Stuttgart 21 wird heftig gestritten. Reichen die Gleise im neuen Tiefbahnhof, um die steigenden Fahrgastzahlen im Bahnverkehr zu bewältigen? Braucht es eine weitere Ergänzungsstation? Sind die Zulaufstrecken ausreichend ausgebaut? In all diesen Fragen haben Kritiker und Befürworter des Projektes unterschiedliche Ansichten. Bei einem weiteren Ergänzungsvorschlag für das umstrittene Bahnprojekt ist die Lage eine andere: Alle Beteiligten scheinen nur Vorteile zu sehen.

Es geht um die Idee eines etwa zwölf Kilometer langen Tunnels, der die Gäubahn, die Stuttgart mit Zürich verbindet, unter der Filderebene hindurch zum neuen Flughafenbahnhof an der Neubaustrecke führt. Dies schlagen Gutachter der Bahn offenbar vor, um die Fahrzeiten in Baden-Württemberg so zu senken, dass sie mit den so genannten Deutschland-Takt kompatibel sind (siehe Infokasten). Mehrere Medien berichten, dass in dem Gutachten sowohl der Tunnel unter den Fildern als auch ein weiterer, bereits bekannter Tunnel im Stuttgarter Nordwesten vorgeschlagen wird. Das Gutachten soll am Dienstag vom Bundesverkehrsministerium in Berlin präsentiert werden.

Mit der Tunnellösung könnte auch ein Problem behoben werden, das vor allem auf den Fildern für Ärger sorgte. Das aktuelle Konzept für die Anbindung der Gäubahn sieht vor, dass diese ab Stuttgart-Rohr über die Gleise der S-Bahn bis in die um ein drittes Gleis erweiterte S-Bahn-Station am Flughafen geführt wird. Für die Bauarbeiten in der S-Bahn-Station hätte die S-Bahn ein Jahr lang nicht mehr den Flughafen anfahren können, auch befürchteten die Städte auf den Fildern eine Ausdünnung des S-Bahntakts zugunsten der Gäubahn.

„Wenn die Entscheidung so käme, wäre das ein großer Fortschritt für die Region“, sagt etwa Thomas Bopp, Vorsitzender des Verbands der Region Stuttgart und damit auch oberster Dienstherr der Stuttgarter S-Bahn. Vor allem für diese sieht er Vorteile. „Wir hätten dann die S-Bahn-Gleise für uns und keine Unterbrechung des Verkehrs“, sagt er. Und auch die Kritiker des Bahnprojektes begrüßen die Überlegungen. „Die bisherige Planung war Murks“, sagt Matthias Lieb, Vorsitzender des ökologischen Verkehrsclubs VCD. Der erklärte S21-Kritiker fordert aber, dass auch der Flughafenbahnhof neu geplant wird. Man brauche einen gemeinsamen Bahnhof für S-Bahn sowie Fern- und Regionalverkehr. „Nur so entsteht dort die geplante Verkehrsdrehscheibe.“

Zufrieden ist auch die CDU im Landtag. Die parlamentarische Geschäftsführerin und Verkehrsexpertin Nicole Razavi sieht in dem Tunnel, gemeinsam mit einem weiteren im Stuttgarter Norden, der die Fahrzeit zwischen Stuttgart und Mannheim deutlich verkürzen soll, einen „echten Quantensprung“ für Stuttgart 21. Und er wäre aus ihrer Sicht ein großer Erfolg für die CDU, habe man doch „auch gegen erhebliche Widerstände“ für die Anmeldung der beiden Tunnel für den Deutschland-Takt gekämpft.

Man nehme interessiert zur Kenntnis, dass selbst bislang überzeugte Befürworter von S21 jetzt für Planungsänderungen seien, sagt Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) süffisant und betont, dass er immer offen für Vorschläge sei, die S21 verbesserten.

Er gibt aber auch zu bedenken, dass Umplanungen massive Auswirkungen hätten. „Wenn man das anstrebt, muss man in Kauf nehmen, dass das Projekt teurer wird und länger dauert“, sagt Hermann. Er wolle das nicht als Gegenargument vorbringen, wolle aber ehrlich sein. „Wir haben bei diesem Bahnprojekt schon so viele Versprechungen gehört, dass man immer etwas vorsichtig sein muss.“

Es gehe nicht um Kleinigkeiten, sagt Hermann. Er schätzt die Kosten für den Tunnel auf „eine Milliarde plus X“ und würde deswegen eine Aufnahme des Projektes in den Bundesverkehrswegeplan sehr begrüßen. Dann würde der Bund die Mehrheit der Kosten übernehmen.

Was bereits klar ist: Sollte der Tunnel kommen, wäre das mit großen Verzögerungen am Flughafen verbunden. Ein Zeithorizont sei schwer kalkulierbar, meint der Minister. „Wenn das bis 2030 fertig sein sollte, wäre das ein Deutschland-Rekord.“
© Südwest Presse 27.06.2020 07:45
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