Hermanns Traum von der Verkehrswende

Der Minister hat ein ebenso persönliches wie politisches Buch über den Wandel der Mobilität geschrieben.
  • Minister und Buchautor Winfried Hermann. Foto: Fabian Sommer/dpa
Man werde, verspricht der Krimi-Autor Wolfgang Schorlau dem Publikum zu Beginn von Lesung und gleichzeitiger Buchpremiere, heute viel Neues erfahren – über Mobilität und auch über Winfried Hermann.

Dienstagabend, Theaterhaus Stuttgart. Baden-Württembergs grüner Verkehrsminister Winfried Hermann stellt vor 50 Besuchern – mehr lassen die Corona-Bedingungen nicht zu – sein neues Buch vor. Er hat die gut 200 Seiten während des Corona-Lockdowns geschrieben. Herausgekommen ist ein ebenso persönliches wie politisches Werk mit vielen interessanten Gedanken zur Verkehrspolitik, die Hermann mit seiner eigenen Geschichte der Mobilität verwebt.

Das Licht der Welt erblickte Hermann nach einer Hausgeburt im Sommer 1952 in der Güterbahnhofstraße 1 in Rottenburg am Neckar. Der Großvater, mit dem die Familie zusammenwohnt, war Bahnspediteur, sein Büro im Güterbahnhof. 52 Prozent der Transporte gingen in Hermanns Geburtsjahr in Deutschland über die Schiene, nur 23 Prozent über die Straße. Heute werden 70 Prozent über die Straße transportiert, 19 Prozent auf der Schiene. „Deutschland war noch echtes Bahnland“, erinnert sich Hermann im Buch, um einige Zeilen später politische Forderungen abzuleiten: „Jetzt müssen dem Transport auf der Straße die wahren ökologischen Kosten in Rechnung gestellt werden.“

Zurück ins Jahr 1952: In „fast jedem Haus“ habe es noch einen Stall und vor dem Haus „eine Miste“ gegeben habe. „Heute sind die Ställe längst Garagen und die Mistplätze Stellplätze.“ Es ist ein Wandel, zu dem der junge Hermann beigetragen hat – und den der heute 68-Jährige umkehren will. Mit 18 fuhr er sein erstes eigenes Auto, einen „eleganten“ Ford Taunus 12M, mit Begeisterung. „Uns ging es um erfahrene Freiheit – im wörtlichen Sinn.“ 1970 habe in seiner Generation noch keiner gedacht, dass die vielen Fahrten Einfluss aufs Klima haben könnten. Heute sagt er: „Ohne Verkehrswende wird der Klimawandel nicht zu stoppen sein.“ Im Autoland Baden-Württemberg sei der Verkehr für 33 Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich. „Früher träumte ich von einem Auto – für mich allein. Heute trete ich für einen sozialen Traum ein: Er handelt von einer neuen und grünen Mobilität – für alle.“

In zwölf Kapitel hat der frühere Lehrer sein Buch aufgeteilt. Es geht um die Schwaben und ihr Auto, Fahrräder, Stuttgart 21, aber auch um seine Anfänge, nach Jahren im Bundestag, als grüner Minister im Land. „Ich hatte in Berlin ein hohes Ansehen. Dann kommst Du nach Baden-Württemberg und wirst behandelt, als wärst Du der Teufel persönlich“, sagt er im Gespräch mit Schorlau. Die CDU, damals Opposition, habe „im Prinzip geglaubt, wenn ich Verkehrsminister werde, zwinge ich alle zum Radfahren“.

So radikal fällt seine Vision für das Jahr 2051 nicht aus. „Stuttgart hat inzwischen 750 000 Einwohner, und doch gibt es nur noch ein Drittel so viele Autos wie 2020.“ Er selbst, dann fast 100, nutzt den Hybridrollstuhl, ein Modell zum Mittreten. Roland Muschel

Winfried Hermann: Und alles bleibt anders. Meine kleine Geschichte der Mobilität, Molino Verlag, 207 S., 20 Euro.
© Südwest Presse 15.10.2020 07:45
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy