Kaum Geld, weniger Freunde?

20 Prozent der Kinder in Baden-Württemberg sind von Armut bedroht. Eine Aktionswoche will darauf aufmerksam machen.
Kinder aus armen Familien sind häufiger als andere aggressiv, unkonzentriert oder leben zurückgezogen, sagt Anne Jeziorski. Die Delegierte der Landesarmutskonferenz Baden-Württemberg (LAK) sieht als Ursache fehlende Rückzugsorte in der Wohnung. „Sie müssen sich oft ein Zimmer mit ihren Geschwistern teilen und können ihre Hausaufgaben nicht ungestört erledigen.“ Mit der landesweiten Aktionswoche „Arme Kinder – arme Gesellschaft“ (16. bis 25. Oktober) will die Landesarmutskonferenz gemeinsam mit anderen sozialen Organisationen auf die Schwierigkeiten der betroffenen Kinder aufmerksam machen. Am Freitag wurden die in Stuttgart geplanten Aktionen auf einer Pressekonferenz vorgestellt.

Mahnwache abgesagt

„Nächste Woche finden ein Kongress zum Thema Kinderarmut und ein Gespräch mit Landespolitikern statt“, sagt LAK-Sprecher Roland Saurer. Andere Vorträge und eine Mahnwache mussten wegen des Coronavirus abgesagt werden. An der Aktionswoche sind außer der LAK die Liga der freien Wohlfahrtspflege (ein Zusammenschluss mehrerer Sozialverbände), die baden-württembergischen Tafeln sowie der Deutsche Gewerkschaftsbund beteiligt.

„Fast jedes fünfte Kind in Baden-Württemberg ist armutsgefährdet“, sagt LAK-Delegierte Annett Heiß-Ritter. Sie hätten oft kaum Geld für Freizeitaktivitäten und könnten deswegen schwieriger Freundschaften schließen. „Kindergeburtstage, Familienfeiern und Stadtfeste sind dann nicht nur freudige Ereignisse.“

Auch in der Schule hätten Kinder aus ärmeren Haushalten oft schlechte Voraussetzungen, sagt Heiß-Ritter. Dies könne mit der Bildung der Eltern zusammenhängen. Haben diese einen Hauptschulabschluss, würden ihre Kinder in 50 Prozent der Fälle auch diesen Abschluss machen. Mehr als die Hälfte der Gymnasiasten seien Kinder von Akademikern. Es müsse aber nicht jeder Abitur machen, auch die duale Ausbildung sei attraktiv.

Die Aktionswoche fand 2004 zum ersten Mal statt. Damals sei das Thema Kinderarmut im Land kaum wissenschaftlich erforscht gewesen, sagt LAK-Sprecher Saurer. Doch inzwischen habe sich – auch durch die Aktionswochen – einiges verbessert: „Seit 2015 gibt es den Armuts- und Reichtumsbericht.“ Er soll demnächst fortgeschrieben werden. Das Sozialministerium hat außerdem Präventionsprojekte gestartet. Saurer lobt, dass sich der Landtag und die Zivilgesellschaft inzwischen häufiger mit Kinderarmut befassen. Daniel Wydra
© Südwest Presse 17.10.2020 07:45
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy