Konflikten mit Wissen vorbeugen

Muslime gehören zum Land. Doch ihr Leben ist Nichtmuslimen oft fremd. Experten vermitteln. Eine Zwischenbilanz.
  • Islamwissenschaftler Hussein Hamdan. Foto: Tillmann Ehrcke
Hussein Hamdan, Fachbereichsleiter Muslime in Deutschland bei der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist „ernüchtert“. Der Dialog zwischen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland sei schon einmal besser gelaufen. Misstrauen und Verdächtigungen wachsen angesichts von Gewalttaten wie der Ermordung des französischen Lehrers Samuel Paty. Wie bewerten muslimische Verbände hierzulande die Gräueltat? Wie ist ihr Verhältnis zur demokratischen Grundordnung?

Immer wieder hat Hussein Hamdan mit seinen Kollegen darüber in Kommunen, Vereinen, Kirchengemeinden gesprochen – in den vergangenen sechs Jahren 175 Mal. Seit 2014 existiert die Islamberatung, ein Projekt der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der Robert Bosch Stiftung und der Hochschule Kehl.

„Muslime sind Teil der Realität in Deutschland. Aber muslimisches Leben wird oft nicht als Realität in der Gesellschaft wahrgenommen“, beschreibt Fabia Göhring, Projektmanagerin Einwanderungsgesellschaft der Robert Bosch Stiftung. So bleiben Fragen. In Kommunen beispielsweise: Wie umgehen mit dem Wunsch einer Moscheegemeinde, ein Gebetshaus mit Minarett und Kuppel bauen zu wollen? Oder wie das Rollenverständnis von Männern und Frauen zur Sprache bringen, das die Erziehung von Jungen und Mädchen prägt und nicht nur in Schulen immer wieder zu Konflikten führt? Und: Wie sind die unterschiedlichen Islamverbände einzuordnen? Mit wem kann man als Gemeinderat zusammenarbeiten, mit wem nicht?

„Das ist unser Topthema schlechthin“, sagt Hussein Hamdan. Der Vorteil der Islamberatung sei der „objektive Blick“ auf die Verbände. Nicht nur Städte mit hohem Migrantenanteil suchen den Kontakt. „Die Anfragen kommen aus ganz Baden-Württemberg, auch von kleinen Kommunen.“ Mit Einzelberatungen, Schulungen und Fachtagungen reagiert das Beraterteam und legt so Grundlagen für ein besseres Miteinander.

Belastbare Netzwerke, wie sie die Stadt Mannheim aufgebaut hat, zahlen sich in der Praxis aus. Während der ersten Corona-Welle habe man sich schnell mit den Verbänden über Einschränkungen während des Fastenmonats Ramadan verständigen können, erläutert Claus Preißler, Integrationsbeauftragter der Stadt. In Mannheim treibt das Mannheimer Institut für Integration und interreligiöse Arbeit die Ausbildung muslimischer Seelsorger voran. „Muslime in der Diaspora leiden an einem Mangel an theologischem Grundwissen“. Deshalb sei es eine Chance, wenn „wir Imame und Seelsorger bekommen, die in Deutschland sozialisiert sind und die Bedeutung individueller Freiheitsrechte kennen.“ Elisabeth Zoll
© Südwest Presse 18.11.2020 07:45
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