Lucha: Kein Grund zur Besorgnis

In Göppingen, Tübingen und Rottweil werden vier Menschen positiv auf Corona getestet und isoliert. Ein Betroffener ist Oberarzt am Tübinger Uniklinikum. Der Sozialminister lobt die Reaktion des betroffenen 25-Jährigen.
  • Klinik am Eichert. Hier wird der erste Coronavirus-Patient in Baden-Württemberg behandelt. Foto: Stefan Puchner/dpa
  • Hier liegt er, der erste Corona-Patient im Südwesten: Die Klinik am Eichert in Göppingen. Foto: Montage Bock / Fotos: Stefan Puchner/dpa, cdc/imago
  • Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) zeigt in Stuttgart ein Informationsblatt zum Coronavirus. Foto: Bernd Weissbrod/dpa
Der lange Gang endet an einer unscheinbaren Tür mit drei kreisrunden Scheiben. Lediglich ein kleines, provisorisches Schild aus grünem Klebeband weist darauf hin, was sich dahinter verbirgt: „Isolationsbereich. Vor Betreten melden.“ Hier in der Göppinger Klinik am Eichert liegt der erste Corona-Patient Baden-Württembergs in einem Isolierzimmer, hinter einer Schleuse.

Der 25-Jährige aus dem Landkreis Göppingen hat sich vermutlich in Mailand mit dem Virus infiziert, am Dienstagabend meldete er sich nach dem Auftreten erster Symptome beim Gesundheitsamt und wurde noch am selben Tag positiv getestet und isoliert. Aktuell gehe es ihm sehr gut: „Wir gehen davon aus, dass der Patient einen sehr moderaten und leichten Verlauf haben wird“, sagt Ingo Hüttner, medizinischer Geschäftsführer der Alb-Fils-Kliniken.

Für Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) ist der erste Corona-Fall im Südwesten ein Grund, seinen Urlaub abzubrechen. Am Mittwoch sitzt er wieder im Ministerium in Stuttgart und beantwortet Fragen von Journalisten. Er sieht den Südwesten gut aufgestellt. „Generell hat sich für uns die Lagebewertung in Baden-Württemberg nicht verändert“, sagt er. „Es gibt keinen Grund zur großen Besorgnis.“ Sämtliche engen Kontaktpersonen des Patienten seien bereits isoliert. „Es gibt nach wie vor keinen kursierenden Virus bei uns“, sagt Lucha. „Er ist importiert, er ist ein Einzelfall.“

Was der Minister zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Am Nachmittag werden zwei weitere Corona-Fälle aus Tübingen bestätigt. Dabei handelt es sich um die 24-jährige Freundin des Göppingers und deren 60-jährigen Vater. Beide seien positiv auf das Virus getestet worden, teilt das Tübinger Uniklinikum mit, wo die beiden isoliert sind. Beiden Patienten gehe es gut. „Die junge Frau hat leichte grippale Symptome und Halsschmerzen, ihr Vater fühlt sich gesund“, sagt Professor Nisar Malek, Direktor der Medizinischen Klinik.

Ein wichtiges Detail gibt Klinikchef Professor Michael Bamberg bekannt: Der 60-Jährige ist nicht nur Patient, sondern auch als Oberarzt im Pathologischen Institut der Uniklinik beschäftigt. Die gute Nachricht: Ein direkter Patientenkontakt könne damit ausgeschlossen werden. Die schlechte: Er hatte am Montag an einer Konferenz mit anderen Oberärzten des Klinikums teilgenommen, deshalb müssen zwölf seiner Kolleginnen und Kollegen nun vorerst in häuslicher Quarantäne bleiben. Außerdem werden von den 80 Mitarbeitern der Pathologie 25 ebenfalls von der Arbeit suspendiert.

Stefan Brockmann vom Landesgesundheitsamt lobt in Stuttgart, dass der betroffene 25-Jährige sehr gut mit den Behörden zusammengearbeitet habe. Es sei gelungen, alle 13 von ihm benannten engeren Kontaktpersonen schnell häuslich zu isolieren. Allerdings sei der Mann noch am Samstagabend in einem Neu-Ulmer Kino gewesen. Die bayerischen Kollegen seien informiert und tätig, allerdings eher aus Vorsicht: „Dort gibt es ja keinen Face-to-face-Kontakt, das ist ein großer Raum.“ Auch Minister Lucha lobt das Verhalten des 25-Jährigen als „wirklich vorbildlich“. Es gebe weiterhin keine ungesteuerten Infektionsketten; sowohl nach Baden-Württemberg wie nach Südtirol sei der Virus importiert worden.

Am Abend meldet das Ministerium jedoch einen vierten Corona-Fall, der mit den drei anderen nichts zu tun hat. Ein 32-Jähriger Mann aus dem Kreis Rottweil sei positiv getestet worden, teilt eine Sprecherin mit. Er sei am Sonntag aus der besonders betroffenen Provinz Lodi in Italien eingereist. Er wird nun in einem Krankenhaus behandelt und isoliert. Seine Ehefrau und sein Kind seien negativ getestet worden und würden zuhause isoliert.

Draußen vor der großen Drehtür am Eingang des Göppinger Klinikums steht eine Besucherin, sie hat noch gar nichts von den Corona-Fällen mitbekommen: „Wie? Hier in der Klinik am Eichert?“ Sie ist überrascht, macht sich deswegen aber keine Sorgen. Lediglich ein Kameramann und zwei Fotografen, die draußen nach Motiven suchen, deuten darauf hin, dass an diesem Tag in der Klinik am Eichert irgendetwas anders ist als sonst. dh/dna/jsz/ust
© Südwest Presse 27.02.2020 07:45
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