Am Wochenende nach der Randale-Nacht von Stuttgart

Massive Kontrollen am Eckensee

Am Wochenende nach der Stuttgarter Randale-Nacht zeigt die Polizei mit einem Großaufgebot Präsenz in der Innenstadt. Die Stimmung gegenüber den Einsatzkräften ist zeitweise angespannt.
  • Samstagnacht auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Die Polizei kontrollierte intensiv. Die Stimmung gegenüber den Einsatzkräften sei „in Teilen“ gereizt gewesen, so die Polizei. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Gegen 21.45 Uhr am Samstag knipst die Polizei das Licht an. Mobiles Flutlicht erhellt den Vorplatz des Eckensees. Gleichzeitig beginnen Bereitschaftspolizisten, Personen zu kontrollieren: vor allem junge Leute, die herumsitzen oder -stehen, Musik hören und Alkohol trinken.

„Personenkontrolle, die Ausweise, bitte“, heißt es. Papiere werden herausgekramt, man lässt sich durchsuchen, wird gefilmt. Auch ein schlaksiger Junge mit Basecap breitet die Arme aus, wird abgetastet, er lüftet weisungsgemäß Kappe und Schuhwerk, damit ein Polizist hineinschauen kann.

„Wir saßen hier doch nur“, mault der Jugendliche, als die Prozedur vorbei ist, und zündet sich eine Zigarette an. Er sei 16, sagt er und stellt sich als Lyam aus Stuttgart-Ost vor. Die Kontrolle sei „voll das komische Gefühl“ gewesen, weil der Polizist „auch vorne in die Hose reingeguckt“ habe. „Ich hab auch bisschen Privatzone“, findet Lyam.

Kontrollen kennen er und seinen Begleiterinnen Selina (19) und Tabea („fast 18“), auch für heute hatten sie das erwartet. „Wegen letzter Woche“, sagt Tabea. Sie ärgert, dass eine Polizistin auch die Innenseite ihres BH inspiziert habe. Außerdem ist ihre „Hugo“-Flasche ausgelaufen und klebt. „Letzte Woche war voll krass“, sagt Tabea. „Wie Krieg.“

Der Samstag der Vorwoche wird als Randalenacht in die Stuttgarter Kriminalitätsgeschichte eingehen. Nach einer Festnahme infolge einer Drogen-Kontrolle kam es aus der Menge zu Angriffen auf Polizisten, die in massive Krawalle mündeten. Stundenlang zogen Randalierer durch Straßen, warfen Steine und Flaschen, zogen Poller aus dem Boden, zerstörten Polizeiautos, schlugen Schaufensterscheiben ein, plünderten Läden.

Der Obere Schlossgarten ist zwar für Saufgelage bekannt, war aber bis zuletzt nicht als Kriminalitätsschwerpunkt identifiziert. Die Zahl der Straftaten hier ging 2019 zurück: Die Polizei zählte 45 Aggressions- und 26 Gewaltdelikte. Die mit Abstand meisten Straftaten letztes Jahr waren mit 87 Fällen Rauschgiftsachen. Auch heute riecht man immer mal Marihuana.

„Vor Corona war das hier ein gechillter Platz“, sagt Tabea. Aber zuletzt sei „eine komische Atmosphäre“ entstanden. „Hier gibt's viele Stresser“, findet sie. „Möchtegerns, die ihre Fresse aufreißen.“ Erwartet habe so eine Eskalation aber keiner. „Das kam voll aus dem Nichts“, sagt Tabea. Die Krawalle überraschten die ganze Stadt. „Dieses Maß an Aggressionen hatten wir nicht erwartet“, sagt, eine Ecke weiter, Polizeisprecherin Monika Ackermann. Sie kommt gerade vom RTL-Interview. Zig Reporter sind da. Diese Woche will die Polizei Aggressionen im Keim ersticken. Daher das Aufgebot von rund 500 Beamten, inklusive Reiterstaffel, daher die Kontrollen. Auch suchen die Beamten Verdächtige, die auf Krawall-Videos zu sehen sind. Bisher sind nur 26 von hunderten Randalierern identifiziert. Insgesamt sei die Lage für Samstagnacht normal, sagt Ackermann.

Stimmung gereizt

Die problematische Klientel erkennt man sofort. Gruppen junger Männer, fast alle sehen ausländisch aus, viele in Jogginghose. Man guckt herausfordernd, auch aggressiv, ist ständig in Bewegung, ruft Polizisten Sprüche nach. Vom Reporter angesprochen, ob man sich mal unterhalten könne, gehen viele dieser Männer einfach weg, einer rotzt auf den Boden, ein anderer zischt „verpiss dich“, einer sagt: „Was Journalist? Wo ist deine Kamera?“ Einer behauptet, die Polizei seien Rassisten. Längere Gespräche sind unmöglich.

Gegen ein Uhr löst sich alles langsam auf. Zwar sind noch dutzende Gruppen da, aber es ist spürbar weniger los. „Keine größeren Zwischenfällen“, meldet die Polizei um vier. Die Stimmung sei „jedoch in Teilen gegenüber Einsatzkräften merkbar angespannt und gereizt“ gewesen.
© Südwest Presse 29.06.2020 07:45
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