Zwischen Normalzusatnd und Notfallreserve

Normalzustand oder Reserve?

Im Vergleich zur ersten Infektionswelle scheinen die Kliniken im Land bei der zweiten Welle deutlich besser vorbereitet zu sein.
  • In Baden-Württemberg gibt es derzeit 3013 Intensivbetten, innerhalb von sieben Tagen können weitere 1568 Intensivbetten aktiviert werden. Aktuell sind 2360 Betten belegt, 653 Intensivbetten sind frei. Foto: Fabian Strauch/dpa
Nach einer Infektion möchte jeder gut behandelt werden. Dazu sind nicht nur ausreichend Intensivbetten erforderlich, sondern auch gut ausgebildetes Personal. Wie unterschiedlich die Situationen sind zeigt ein Blick auf zwei Kliniken im Südwesten.

So ist man zum Beispiel in Heidenheim vorsichtig optimistisch. Derzeit gibt es im dortigen Klinikum laut dem DIVI-Register 22 Intensivbetten, von denen 17 belegt sind. Die höchste Auslastung wird nach Aussage des Chefarztes der Intensivmedizin, Professor Alexander Brinkmann, für diese Woche erwartet.

Pflegepersonal reicht aus

„Zu Beginn der Pandemie gab es Materialengpässe bei der persönlicheren Schutzausrüstung und bei Desinfektionsmitteln. Hier hat sich die Lage sehr verbessert. Bei Medikamenten, die zur Langzeitbeatmung von Covid-Patienten eingesetzt werden, ist ein Engpass aber nicht ausgeschlossen, sollte sich die Anzahl der Patienten erhöhen“, sagt Stefanie Wenta, Leiterin der Stabstelle des Heidenheimer Klinikums. Bei der aktuellen Anzahl der zu behandelnden Patienten reiche die Kapazität der Mitarbeiter aus.

Der Personalbedarf des Klinikums werde durch die jährlich rund 90 in der Klinik ausgebildeten Pflegekräfte ausreichend gedeckt. Auch gebe es bisher keine Personalausfälle durch die Grippe oder durch das Coronavirus. „Allerdings stellt uns die Tatsache, dass Mitarbeiter sich im privaten Bereich infizieren, vor Probleme,“ so Wenta. „Da die entsprechende Diagnostik im Haus verfügbar ist, konnten wir durch Personal-Reihentestungen Weiterübertragungen im Haus verhindern.

Vor Überlastung schützen

Ortswechsel: In Heidelberg und im Rhein-Neckar-Kreis haben sich die Kliniken zusammengetan, um der Situation in Stadt und Kreis so gut wie möglich zu begegnen. Dort wurden die Patienten entsprechend der Schwere ihrer Erkrankung in die verschiedenen Kliniken eingewiesen. „Derzeit sagen circa zehn Prozent der Patienten, die operiert werden müssen, ihre OP ab“, berichtet Professor Ingo Autenrieth, Leitender Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Heidelberg. „Im Frühjahr waren es noch rund 20 Prozent.“ Nach der Aussage Autenrieths bestehe aber kein Grund, wegen der Pandemie eine Operation zu verschieben, da die Kliniken in und um Heidelberg herum personell wie auch technisch und was die Anzahl der Betten angeht hervorragend ausgestattet seien.

Um die Patienten besser disponieren zu können, wurde eine eigene Koordinierungsstelle eingerichtet. Jede Klinik meldet dort dreimal am Tag die Zahl der Coronapatienten. „Dennoch spitzt sich die Situation zu. Unser oberstes Ziel bleibt deshalb, einen exponentiellen Anstieg der Fallzahlen zu verhindern.“ Nur so seien die Kliniken vor einer Überlastung geschützt, so Autenrieth.

Der Fachverband der Kliniken im Land sorgt sich nicht nur um die Belastung der Mitarbeiter, sondern auch um die Zahlungsfähigkeit der Häuser. „Durch die erste Welle haben die Krankenhäuser viele Erfahrungen gesammelt, die sie nun in der zweiten Welle nutzen können“, sagt Matthias Einwag, Hauptgeschäftsführer der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft. So hätten die Kliniken nach Aussage des Verbandsdirektors zusätzliches Personal eingestellt und Mitarbeiter in Elternzeit gebeten, früher als geplant zu ihrer Arbeit zurückzukehren. „Um die Liquidität der Krankenhäuser zu sichern, müssen die differenzierten Freihaltepauschalen wieder eingeführt werden. Darüber hinaus muss die Verkürzung der Zahlungsfrist, bei der die Krankenkassen die Rechnungen der Krankenhäuser bezahlen müssen, über das Jahresende hinaus verlängert werden.“ Derzeit sind das fünf Tage. Auch müssten die Pflegepersonaluntergrenzen ausgesetzt werden. Die Versorgung der Patienten in der Pandemie sei eine absolute Notfallsituation, die nicht von Personalvorgaben verhindert werden dürfe.

Lage ist „sehr ernst“

Von einer „sehr ernsten Lage“ spricht Markus Jox, Pressesprecher des Ministeriums für Soziales und Integration. „In Baden-Württemberg gibt es laut DIVI-Register derzeit 3013 Intensivbetten, innerhalb von sieben Tagen können weitere 1568 Intensivbetten aktiviert werden. Aktuell sind 2360 Betten belegt, 653 Intensivbetten sind frei.“

Um die Intensivpatienten im Land besser zu koordinieren gibt es ein „Resource Board“, das auf die Anwendung „rescuetrack“ aufbaut. Hier werden die Auslastungen und Bettenkapazitäten für Covid-Patienten erhoben. Diese Anwendung wird von den Rettungsleitstellen genutzt und gibt einen aktuellen Überblick über die freien Kapazitäten der Kliniken. In das Resource Board tragen die Krankenhäuser täglich die aktuellen Intensivkapazitäten ein, so dass die Rettungsleitstelle bis auf die Krankenhausebene herunter prüfen kann, wie viele freie Instensivbetten die Kliniken noch haben. Eine zielgerichtete Zuweisung soll so ermöglicht werden.
© Südwest Presse 19.11.2020 07:45
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