Verlassene Orte ziehen magisch an

Fans von Lost Places sind auf der Suche nach dem Flair des Verfallenen auch in Baden-Württemberg unterwegs. Besonders beliebt ist das ehemalige „Grandhotel Waldlust“ in Freudenstadt.
  • Lockt Lost-Places-Jäger in Scharen an: Das ehemalige Grandhotel Waldlust in Freudenstadt. Foto: Uli Deck
  • Benjamin Seyfang fotografiert Lost Places. Foto: Marijan Murat/dpa
Das Himmelbett verlassen, im Badezimmer bröckelt die Decke, im Festsaal stehen Kerzenhalter auf den Tischen. Der Charme der Zeit um 1900 ist noch zu sehen. Aber auch die Jahrzehnte, die seither vergangen sind. Jahrzehnte, in denen die Zeit im Grandhotel Waldlust in Freudenstadt stillstand. Genau deshalb erfreut sich das Haus neuer Beliebtheit – als Lost Place, als verlassener Ort.

„In der Waldlust kann man nicht nur das Vergessene sehen, sondern auch das architektonisch Erhaltene“, sagt Herbert Türk vom Verein Denkmalfreunde Waldlust. Seit einigen Jahren versucht er, wieder Leben ins alte Hotel zu bringen. Mit Kunst- und Kulturveranstaltungen. Aber auch mit Menschen, die die einst noble Kulisse schätzen.

Gegen einen Obolus zum Erhalt des denkmalgeschützten Gebäudes dürfen Hobbyfotografen auf Tour gehen. Aber auch für Auftragsarbeiten stehe der Villenbau parat. „Häufig für Vintage-Magazine“, sagt Türk. Die Gemäuer sehen fast so aus wie damals, als hier Adel und internationale Schauspielstars verkehrten. Damit der Eindruck so bleibt, saniert der Verein das Nötigste.

Das Besondere, das so entsteht, lockte vor Jahren die Macher des Horrorfilms „Bela Kiss: Prologue“. „Das war der Durchbruch als Drehort“, erinnert sich Türk. „Von da an war die Waldlust kein Geheimtipp mehr.“ Das ZDF drehte, Musikvideos entstanden, Ghosthunter suchten nach paranormalen Schwingungen, wie Türk berichtet. Unzählige Freunde der Lost Places kamen. Vor Corona seien zweimal pro Woche je rund 50 Leute durch das Gebäude geführt worden. Verlassen ist anders. Rein darf aber nicht jeder, sagt Türk: „Wir achten darauf, dass es nicht zu inflationär wird.“

Vor allem Fotografen und Youtube-Filmer suchen weltweit nach einst belebten Orten, die heute verfallen, verstaubt, verlassen sind. Einer von ihnen ist Benjamin Seyfang aus Metzingen, der schon einen Bildband mit Motiven aus dem Südwesten veröffentlicht hat.

In der ehemaligen DDR gebe es mehr Leerstand als in seiner Heimat, sagt er. „Nach Baden-Württemberg kommen nicht so viele.“ Daher würden Orte auch nicht so überrannt. Dabei gehört zur Suche nach Lost Places auch Recherchearbeit, wo diese sich befinden. In Foren wie einer von Seyfang betriebenen Facebook-Gruppe mit mehr als 4000 Mitgliedern werden zwar fleißig Fotos von Touren gezeigt. Auf Fragen nach den Adressen herrscht aber meist Schweigen.

Er habe sogar Bildmaterial auf dem Rechner, das noch niemand gesehen habe. Zum Teil, weil Seyfang gern erst Hintergründe zu den Plätzen recherchiert. „Ich habe auch Bilder nicht veröffentlicht, um die Orte zu schützen.“ Dass andere wie die Waldlust quasi als Lost Place vermarktet werden, sieht der Fotograf pragmatisch: Das sei wie bei Schauhöhlen, die der breiten Masse zugänglich gemacht werden. „Andere bleiben dafür im Verborgenen. „Dass mir die Orte ausgehen, glaube ich nicht“, sagt Seyfang. Momentan reizt ihn ein Autofriedhof, den es irgendwo im Schwarzwald geben soll.

Immer wieder Thema ist Hausfriedensbruch. Mal über eine Mauer zu klettern, gehöre dazu, sagt Seyfang. Wichtig sei, nichts kaputt zu machen. „Nimm nichts mit als Deine Fotografien und hinterlasse nichts als Deine Fußspuren“, so lautet die wichtigste Regel in seinem Buch.

Ehrfurcht vor dem Gemäuer

Große Probleme habe es in der Waldlust nicht gegeben, sagt Türk. Dann und wann gehe eine Scheibe zu Bruch. „Das tut weh. Zumal die teilweise nicht mehr original ersetzbar sind.“ Lost-Places-Jäger seien allgemein aber darauf bedacht, nichts zu zerstören. Selbst die, die unerlaubt eindringen, hätten meist „Ehrfurcht vor dem Ort“. Und auch wenn die Pandemie den Zustrom und die Kulturangebot-Pläne fürs Hotel im Moment drosselt, kann Türk ihr etwas abgewinnen: „Insofern ist die Waldlust ein Jahr mehr Lost Place.“ dpa
© Südwest Presse 19.11.2020 07:45
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy