Sommerserie

Zurück in die Eiszeit

Ausflugsziele, die auch in den Ferien nicht überlaufen sind. Unser erster „Geheimtipp“: Bei Engen im Hegau führen der Petersfels und eine „Venus“ die Besucher 15 000 Jahre in die Vergangenheit.
  • Die „Venus“ und Velten Wagner, Leiter des Museums und des Kulturamts Engen. Foto: Petra Walheim
  • Im Eiszeitpark Engen direkt an der Autobahn 81: Eine Attraktion ist der Petersfels, Fundort von Kunstwerken und Schmuck. Foto: Petra Walheim
  • Ausschnitt einer Tafel im Info-Pavillon. Das Foto zeigt Eduard Peters, nach dem dann der Petersfels benannt wurde. Foto: Petra Walheim
  • Unsere Ausflugsziel: Engen im Hegau Foto: SWP-Grafik
Menschen mit Fantasie hören das Getrampel der Rentier-Herden, die durchs Brudertal bei Engen (Kreis Konstanz) donnern. Manche Besucher, die im 2003 angelegten Eiszeitpark an den Tafeln stehen, haben das Bild vor Augen, wie die Rentiere jeden Herbst im Tal, das auf beiden Seiten von Kalkfelsen begrenzt ist, von eiszeitlichen Jägern erwartet werden. Diese standen beim heutigen Petersfels und bei der Gnirshöhle mit ihren Speeren und stürzten sich auf die Fleischberge. Sie mussten möglichst viele erlegen, um den Winter überleben zu können.

Das Szenario hat sich vor 15 000 Jahren abgespielt. Mit den Informationen im Eiszeitpark kann das Leben der steinzeitlichen Menschen in den Köpfen heute wieder lebendig werden. Das Tal und die Höhlen bilden die authentische Kulisse.

Wer sich ihr langsam nähern möchte, wählt vom Parkplatz schräg unterhalb der Autobahnbrücke den Weg nach links. Der wird aber so schmal, dass er mit Kinderwagen nur mühsam begangen werden kann. Der komfortablere und breitere Weg führt über freies Feld, dann durch ein Wäldchen hin zum Eiszeitpark.

Den darf man sich nicht als Freizeitpark mit elektronischem Schnickschnack vorstellen. Er besteht unter anderem aus dem Petersfels, der „Venus von Engen“, einem kleinen Moor und einem Pavillon mit Schau- und Informationstafeln. Das Ganze ist eingebettet in eine Landschaft, die nicht so recht in die heutige Zeit passen will – bis auf das Maisfeld vor dem Petersfels. Dafür ist der Landwirt verantwortlich, dem die Fläche gehört.

„Das hier ist ein archäo-botanischer Garten“, sagt Dr. Velten Wagner, der Leiter des Museums und des Kulturamts in Engen. „Es ist der Versuch, die eiszeitliche Vegetation hier anzusiedeln und alles, was nicht dazu gehört, auszumerzen.“ Dafür wurden der Wald am Hang beim Petersfels gerodet und die Fläche so gestaltet, wie es der damaligen Steppentundra entspricht.

Die Temperaturen lagen zu der Zeit 6 bis 7 Grad niedriger als heute. „Aus mehreren Bodenproben konnte die Flora der Eiszeit rekonstruiert werden“, sagt Wagner.

Am Pavillon wurde zudem ein kleines Moor angelegt, ebenfalls mit Pflanzen, die vor 15 000 Jahren in dem Tal gewachsen sind. Das Moor muss im Sommer regelmäßig bewässert werden, sagt Wagner, sonst gehen die Pflanzen durch die Trockenheit ein.

Neben dem Moor, unterhalb des Petersfelsens, ist eine freie Fläche. „Hier hatten die Steinzeit-Menschen ihre Zelte aufgestellt“, sagt Wagner. Nur bei extrem schlechtem Wetter und Kälte hätten sie sich in die Höhlen zurück gezogen. Trotzdem förderte der pensionierte Oberpostrat Eduard Peters bei Ausgrabungen, die Ende der 1920er Jahre begannen, im und vor dem später nach ihm benannten Petersfels und drumherum 1,5 Tonnen Knochen von eiszeitlichen Tieren, 50 000 Feuerstein-Artefakte und 1000 Knochen- und Geweih-Werkzeuge zutage, darunter 2000 Nadeln.

Weil sich immer mehr Hobby-Archäologen eigene Fundstück-Sammlungen anlegten, hat das Landesdenkmalamt 1974 Nachgrabungen beschlossen. Die nahm das Institut für Urgeschichte der Universität Tübingen unter Leitung von Gerd Albrecht vor. Auch die Gnirshöhle wurde 1977 und 1978 vom Tübinger Institut untersucht.

Kunstwerke und Schmuck aus der Höhle haben den Petersfels bekannt gemacht. Darunter die „Venus von Engen“, eine wenige Zentimeter kleine Frauen-Skulptur ohne Kopf aus Gagat, einem fossilen Holz. „Die Frauenfiguren waren Fruchtbarkeits-Symbole und Kultobjekte“, erklärt Wagner.

Eine lebensgroße „Venus“ sitzt auf einem Felsen beim Pavillon. Das Originalstück liegt im Archäologischen Museum Colombischlössle in Freiburg. Im Museum in Engen gebe es aber auch interessante Stücke zu sehen, sagt Kulturamts-Chef Wagner. Zum Beispiel sei das Leben vor 15 000 Jahren im Brudertal in einem großen Diorama nachgestellt. Da lässt sich prüfen, ob Fantasie des Besuchers und rekonstruierte Realität übereinstimmen.
© Südwest Presse 30.07.2020 07:45
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