Zweifaches Opfer der Krawallnacht

Ein Student wird bei der Randale in Stuttgart zuerst verprügelt und dann bestohlen. Das Gericht schließt die Öffentlichkeit aus, da einer der wegen versuchten Totschlags Angeklagten erst 17 ist.
  • Ein Justizbeamter schließt am Mittwoch die Tür zu Saal 1 des Landgerichts Stuttgart: Die Angeklagten sind 17 und 19 Jahre alt. Foto: Marijan Murat/dpa
Als die beiden Angeklagten in den Saal geführt werden, hört man in den Zuschauerrängen eine Frau leise schluchzen. Neben ihr sind nur drei weitere Zuschauer gekommen – mutmaßlich Angehörige. Die Journalisten sind klar in der Mehrheit. Das öffentliche Interesse an dem Prozess ist groß, geht es doch um einen der schwerwiegendsten Fälle im Zusammenhang mit der Stuttgarter Krawallnacht. Nach mehreren Verfahren, die bereits am Amtsgericht gelaufen sind, wird jetzt erstmals am Landgericht verhandelt. Der Hauptvorwurf, mit dem sich der 17-jährige Schüler und der 19 Jahre alte Azubi konfrontiert sehen, lautet: versuchter Totschlag.

Noch wichtiger als das öffentliche Interesse ist für die Kammer jedoch der Jugendschutz: Wenige Minuten nach Verhandlungsbeginn verkündet der Vorsitzende Richter Christian Klotz den Ausschluss der Öffentlichkeit während des Prozesses, der mit acht Verhandlungstagen bis März terminiert ist. Weil der eine der beiden jungen Männer noch nicht volljährig ist, müsse man ihn mit Blick auf seine weitere Entwicklung besonders vor Stigmatisierung schützen und eine Atmosphäre schaffen, in der die Aufklärung der Tat nicht gefährdet werde. Die Angeklagten, der Jüngere im roten Polohemd, der ältere in Kapuzenpulli und Sportjacke, nehmen die Entscheidung mit ausdruckslosen Minen hin.

Tritte gegen den Kopf

Laut Anklageschrift sollen die jungen Männer, die beide einen deutschen Pass besitzen, zu den ersten gehört haben, die sich an den Stuttgarter Krawallen in der Nacht auf den 21. Juni 2020 beteiligten. Seinerzeit zogen nach einer eskalierten Drogenkontrolle bis zu 500 meist männliche Randalierer plündernd durch die City, griffen Polizisten an und demolierten Geschäfte.

Die Angeklagten sollen Polizisten massiv beleidigt, Glasflaschen auf sie geworfen und Polizeiautos beschädigt haben. Als sich ein 24-jähriger unbeteiligter Student einschaltete und forderte, keine Flaschen mehr zu werfen, brannten bei den beiden offenbar vollends die Sicherungen durch.

Mit einem Faustschlag soll der 19-Jährige, der wie der 17-Jährige zuletzt in Geislingen an der Steige gemeldet war, aber in Esslingen lebte, das Opfer attackiert haben, das daraufhin bewusstlos zu Boden ging, berichtet eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Danach sollen beide auf den Studenten eingeschlagen haben, wobei der Jüngere ihm heftig gegen Oberkörper und Kopf trat. Die Angeklagten hätten den Tod ihres Opfers dabei billigend in Kauf genommen. Erst als Zeugen helfend hinzukamen, ließen sie laut Anklage von ihm ab und flohen – um dann, nur etwa 40 Meter vom Tatort entfernt, erneut zu randalieren.

Knapp 30 Zeugen sind in dem Verfahren geladen, darunter das Opfer selbst, dessen Aussage für den Mittwochnachmittag terminiert war. Für den Studenten ist es der zweite Gerichtstermin in kurzer Zeit. Kurz vor Weihnachten hatte er bereits in einem Verfahren am Amtsgericht ausgesagt, denn: In der Krawallnacht war er zweimal zum Opfer geworden. Nachdem er bewusstlos geschlagen worden war und die Täter geflohen waren, mischte sich unter die Helfenden ein 26-Jähriger, der dem Wehrlosen den Geldbeutel aus der Hosentasche klaute und ihm seine kabellosen Kopfhörer abnahm. Danach zog der Dieb offenbar weiter stehlend und plündernd durch die City. Das Urteil für ihn: drei Jahre Gefängnis.

Der Student sagte in dem Verfahren aus, er erinnere sich an die dem Diebstahl vorausgehende Attacke nicht, die von hinten erfolgt sein müsse. „Ich habe Flaschenwürfe am Rand des Schlossplatzes gesehen. Ich bin dorthin und habe gesagt, die sollen das lassen. Dann bin ich im Krankenwagen wieder aufgewacht“, zitierte die „Stuttgarter Zeitung“ den Geschädigten. Dem Bericht zufolge habe der junge Mann, der eine Gehirnerschütterung, Schürfwunden und Prellungen erlitt, die Angriffe „inzwischen gut weggesteckt“.
© Südwest Presse 14.01.2021 07:45
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