Designed in Bavaria – „Wo Kunsthandwerk noch groß geschrieben wird“

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Einem Start-up aus Bayern gelingt der Spagat zwischen Kunsthandwerk und Globalisierung. Sie revolutionieren die Schuhbranche mit handgefertigten und nachhaltigen Produkten.

Jährlich finden in der ersten Aprilwoche die Europäischen Tage Des Kunsthandwerks (ETAK) in 21 Ländern Europas statt. Vom 09.- 11.04 2021 ist es auch in Deutschland so weit und HandwerkskünstlerInnen, DesignerInnen und bildende KünstlerInnen öffnen, sofern die Lage der Corona Pandemie es zu diesem Zeitpunkt zulässt, an dem Wochenende die Türen und zu ihren Ateliers und Werkstätten. Ziel der ETAK ist es, auf das traditionelle Handwerk und auf innovatives lokales Design aufmerksam zu machen sowie Aus- und Fortbildungen in handwerklichen Berufen attraktiver zu gestalten. Kann traditionelles Handwerk in Zeiten der Globalisierung überhaupt bestehen bleiben und wie lässt sich innovatives Design und Handwerk verbinden? 

Handwerk vs. Kunsthandwerk

Das Handwerk beschreibt eine ausgeübte Tätigkeit, die sich auf eine traditionelle Herstellungsweise beruft und manuell mit Werkzeugen ausgeführt wird. Auch Kunsthandwerk basiert auf dieser Definition, nur spielt hier die künstlerische Ausdrucksweise des Herstellers eine entscheidende Rolle. Während der Europäischen Tage des Kunsthandwerks sollen demnach Tätigkeiten in der Holz- und Metalgestaltung, Glasveredelung, Keramik aber auch Mode und Textil an Aufmerksamkeit gewinnen. Doch wie steht es heutzutage um das künstlerische Handwerk? Wird Kunsthandwerk in Deutschland in Zeiten der Globalisierung noch wertgeschätzt? 

Die Industrialisierung und die Auslagerung handwerklicher Prozesse

Während der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert machte sich erstmals die Abkehr vom Handwerk zu industriell hergestellten Produkten bemerkbar. Bis heute werden Gebrauchsobjekte aus der Industrie bevorzugt. Ihnen wird wegen der maschinellen Fertigung eine höhere Qualität zugeschrieben. Dies führte letztendlich dazu, dass vor allem in der Bekleidungsindustrie einzelne Herstellungsprozesse an kostengünstige Produktionsstandorte ausgelagert wurde. Die geringen Kosten gehen allerdings oft mit einer sozialen, sowie ökologischen Ungerechtigkeit einher. Giftige Chemikalien in der Natur, enorm hohe CO2 Emissionen und Mindestlöhne, die weit unter dem Existenzlohn liegen, bilden die Grundlage der konventionellen Bekleidungsindustrie. Traditionelles Kunsthandwerk sucht man hier vergebens. 

Nachhaltiger Wandel durch Integration von Kunsthandwerk 

Dass dies nicht die Zukunft unserer weltweiten Wirtschaft sein kann, ist mittlerweile auch einer Vielzahl von Organisationen, KonsumentInnen und Unternehmen bewusst. Aktuell sind die Verhandlungen zu einem sog. Lieferkettengesetz in aller Munde und so ist das Thema nun auch auf politischer Ebene angekommen. Hierbei sollen Unternehmen durch rechtliche Regelungen dazu verpflichtet werden, höhere Arbeits- und Umweltstandards durchzusetzen und ihre Wertschöpfungskette transparenter und ökologisch sowie sozial nachhaltiger zu gestalten. Dass eine faire und transparente Wertschöpfungskette innerhalb Europas unter Nutzen von Kunsthandwerk durchaus möglich ist, zeigt das Start-up Doghammer aus Rosenheim. Mit traditionellem Schuhhandwerk revolutionieren sie die Modebranche und schaffen hochwertige Schuhe aus Natur- und Recyclingmaterial. „Designed in Bavaria – Made in Portugal“, so lautet der Slogan der jungen Marke, welche von den Freunden Matthias Drexlmaier und Maximilian Hundhammer im Jahre 2016 gegründet wurde. Produziert werden die Modelle in einer familiengeführten Schuhmanufaktur in Portugal. Ein persönlicher Austausch und regelmäßige Besuche in der Produktionsstätte zeichnen den reibungslosen Ablauf der Kollektionsplanung aus und tragen maßgeblich zu einer transparenten Produktionskette bei. Das Schuhhandwerk in Portugal wird dadurch gestärkt und schafft in der Manufaktur durch neue und langfristige Aufträge auch für kommende Generationen Arbeitsplätze. 

Fair & modern - Doghammer als Vorreiter der deutschen Schuhbranche

Als studierter Gesundheitsmanager weiß Matthias Drexlmaier am besten, worauf es beim Aufbau eines Schuhs ankommt. „Schuhe, die im Masse hergestellt werden, verfügen oft über ein qualitativ niederwertiges Fußbett. Dies begünstigt oft eine Fehlstellung des Fußes. So eine Fehlstellung kann über längeren Zeitraum Auswirkungen auf den ganzen Körper haben .“, erklärt er. Zudem würden bei den meisten Produktionen synthetische Materialien verwendet, da diese oft kostengünstiger und leicht zu verarbeiten seien. Deshalb greife die Marke bewusst auf traditionelle Macharten zurück.

Auch die Materialien, die das junge Unternehmen für seine Schuhe nutzt, werden von europäischen Lieferanten bezogen. Doghammer gelingt es so, trotz der Auslagerung einzelner Produktionsprozesse innerhalb Europas traditionelles Schuhhandwerk einzusetzen und dem Kunden einen funktionellen Schuh ohne negative Auswirkungen auf Mensch und Umwelt herzustellen. Ihren Ursprung hat das Start-up in der Outdoorbranche und so gehören neben Wanderschuhen, Outdoor Sandalen und Hüttenschuhen auch urbane Sneaker für den Einsatz im Alltag zum Sortiment.

Vor allem im Bereich der Mode und Textilien entstehen immer mehr Unternehmen, welche traditionelles Handwerk in Ihre Wertschöpfungskette integrieren. Das Bekleidungslabel Santa Lupita aus Berlin beispielsweise, hat es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht, dem Verlust von Kunsthandwerk durch die Industrialisierung vorzubeugen und setzt handgefertigte Textilien von WeberInnen im mexikanisch ländlichen Raum in ihre Kollektionen ein. Damit die Wertschätzung von Kunst- und Handwerk weiterhin erhalten bleibt, bedarf es Aktionen wie eben den Europäischen Tagen des Kunsthandwerks. So wird das Bewusstsein der KonsumentInnen für eine verantwortungsvoll hergestellte Produktion gestärkt, worauf Unternehmen aus allen Bereichen der Wirtschaft reagieren und das Sortiment entsprechend der Nachfrage ändern können.

Verfasserin: Sandra Cienkowski

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