Die Autos der Tatort-Kommissare

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Mario Kopper zusammen mit Kommissar-Kollegin Lena Odenthal aus dem SWR-Tatort Ludwigshafen im alten Fiat 130.

Der "Tatort" wird 50. In dieser Zeit wurde eine Vielzahl an Fahrzeugen für die Fernsehserie verwendet.

Quietschende Reifen, wilde Verfolgungsjagden und tiefsinnige Gespräche im Innenraum. Autos spielen in der ARD-Krimireihe "Tatort" eine große Rolle. Und das seit nunmehr 50 Jahren.

Schon die erste Folge "Taxi nach Leipzig" am 29. November 1970 beginnt mit der Fahrt in einem Mercedes W 108. Der zukünftige Täter überquert damit die innerdeutsche Grenze. West-Kommissar Paul Trimmel fährt später im Ford Taunus 17M P3 "Badewanne" die Route nach Ostdeutschland ab, wechselt dort in ein Wartburg 353 Taxi.

Die meisten Film-Kommissare setzen wie echte Ermittler je nach Epoche auf eher unauffällige Flottenfahrzeuge wie etwa Audi A4, Audi 80, BMW 5er, Opel Rekord oder VW Passat. Doch es gibt einige Ausnahmen, Autos, die etwas Besonderes ausdrücken. "Mein Brauner" – so nennt Klaus Borowski seinen braunen VW Passat 32B Kombi. Oder Mario Kopper und sein Fiat 130 und Thorsten Lannert im Porsche 911 Targa.

"Das Auto sollte zur Filmfigur passen wie etwa ein Kleidungsstück, die Auswahl folgt daher künstlerischen Gesichtspunkten", sagt Frank Tönsmann. Er arbeitet als verantwortlicher WDR-Redakteur seit 2012 für den Dortmund-"Tatort" und zwischen 2009 und 2016 für die Folgen aus Köln. Die Entscheidung, den ungewöhnlichen Saab 900 für den Dortmunder Kriminalhauptkommissar Peter Faber zu nutzen, wurde von Produktion und Redaktion gemeinsam auf Vorschlag des Szenenbildners getroffen. "Insofern sollte mit einem ungewöhnlichen Auto Fabers Außenseitermentalität ausgedrückt werden", so Tönsmann.

Autos wechseln wie andere die Krawatten

Beim Köln-"Tatort" machte der WDR vor etwa 15 Jahren aus der Not eine Tugend: Nach Product-Placement-Vorwürfen bei verschiedenen Filmen werden in den Krimiserien nur noch Autos eingesetzt, die mindestens drei Jahre alt und angemietet sind. Wichtig ist auch, dass im einzelnen Film eine Markenvielfalt eingehalten wird. "Bei Freddy Schenk haben wir dazu die Geschichte erfunden, dass er sich bei seinen Dienstwagen aus dem Fuhrpark der Polizei bedient", sagt Frank Tönsmann. Die Fahrzeuge stellt die Film-Polizei vorher sicher.

Seit 2008 fährt der Kriminalhauptkommissar alte Autos, meist aus den 1970er-Jahren. "Freddy Schenk sucht sich die Autos nach seinen Vorlieben innerhalb seiner Rolle aus, eine darüber hinaus übergeordnete Dramaturgie für die Auswahl gibt es nicht", erklärt Tönsmann. Zu den Fahrzeugen zählen große US-Oldtimer wie Lincoln Continental, Cadillac Eldorado aber auch etwa ein Opel Diplomat V8.

Rolf Parr hält "Tatort"-Autos ebenfalls für interessant. "Sie sind dramaturgisch wichtig, weil sie Insassen auf engstem Raum Platz für dienstliche und private Gespräche bieten, zum Teil für sehr intime. Und keiner kann weglaufen", sagt der Professor für Literatur- und Medienwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Autos in Filmen dienen dazu, die Filmrolle zu stützen. "Autos und Filmcharakter stabilisieren sich gegenseitig", sagt Professor Parr. "Exzentrische Figuren benötigen exzentrische Autos, wie der NSU RO 80 von LKA-Ermittler Felix Murot oder der alte VW Passat von Borowski. Diese Fahrzeuge verdichten die Charakterzüge der Figuren."

Freddy Schenk sucht sich die Autos nach seinen Vorlieben innerhalb seiner Rolle aus.

Redakteur beim WDR

Freddy Schenk im Kleinwagen – Undenkbar?

Und das Fahrzeug müsse zur Figur passen, wie die großen US-Straßenkreuzer zum massiven Freddy Schenk aus Köln. "Autofülle und Körperfülle passen hier gut zusammen", so Professor Parr. In einem Kleinwagen kann man sich den Ermittler kaum vorstellen, und wenn, wie in einer Folge passiert, dann nur als Karikatur. Dagegen fährt sein zurückhaltender, biederer Partner Max Ballauf einen VW Passat Kombi in Dunkelblau.

Stefan Scherer untersuchte vor einigen Jahren im Zuge eines Forschungsprojektes mehr als 500 "Tatort"-Folgen aus den Jahren 1970 bis 2014. "Automodelle werden in der Regel der Logik von Ermittler-Figuren zugeschrieben. Das passierte aber früher stärker und häufiger als heute", sagt der Professor für Neuere deutsche Literatur- und Medienkulturwissenschaft am Institut für Germanistik des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).

Professor Boerne mag Luxus und Exoten

Die meisten Ermittler werden aktuell mit Mittelklasse-Modellen von Audi, BMW, Mercedes oder VW ausgestattet, die auch im realen Polizei-Alltag vorkommen. Eine Ausnahme bildet Professor Karl-Friedrich Boerne im Münster-Tatort: "Als Gerichtsmediziner kann er sich solche Fahrzeuge leisten, die bei einem normalen Kommissar ziemlich unglaubwürdig wären", sagt Professor Scherer.

So chauffiert Bonvivant Boerne Autos wie Maserati Ghibli, Mercedes SLK, Porsche 911 oder Jaguar XK. Aber auch einen Wiesmann MF3 CLS. Das ist ein Roadster einer kleinen Fahrzeugmanufaktur aus Dülmen. "Hier wurde ein lokaler Autohersteller genutzt, eine nette Idee, um einen Lokalbezug nach Münster herzustellen", sagt Gerald Mann, der die Seite tatort-fans.de betreibt – eine Online-Community und ein überregionaler Fanclub der Krimi-Reihe. dpa

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