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Seit Jahrzehnten heißt es, Reisekataloge seien ein Auslaufmodell. Pustekuchen! Auch im Online-Zeitalter bleiben die bunten Werbeprospekte ein Renner.

Kataloge haben nicht mehr den Stellenwert wie vor 15 Jahren, aber überflüssig sind sie noch lange nicht", betont die Tui-Zentrale in Hannover. Alle großen Reiseveranstalter setzen in Deutschland beim Verkauf weiter auf Gedrucktes (Print). Tonnenweise liefern aktuell die Unternehme wieder Kataloge in die Agenturen, um für die Sommerangebote 2017 zu werben. Denn es naht die wichtigste Buchungszeit rund um die Festtage.

Immer noch gefragt

Marktführer Tui will in Großbritannien hingegen ab 2020 keine gedruckten Reisekataloge mehr ausgeben. Die Kunden auf der Insel sollen nur noch mit elektronischen Medien zur Urlaubsbuchung animiert werden. Doch das ist bisher kein Modell für den größten Touristikmarkt Europas. Hierzulande spielt die Beratung mittels Katalogen in den noch knapp 10.000 Reisebüros trotz des Internets weiter eine zentrale Rolle. Branchenkenner schätzen die Druckauflage der Reisekataloge und Prospekte pro Jahr auf mehr als 100 Millionen Stück allein in Deutschland. Bei einer Umfrage unserer Redaktion nennt kaum ein großer Anbieter dazu Zahlen. Laut Fachmedien schickte Marktführer Tui jährlich 29 Millionen Exemplare in die Reisebüros, bei der Nummer zwei DER Touristik (ITS, Jahn Reisen, Meier's Weltreisen) sollen es sogar 40 Millionen sein. Thomas Cook (Neckermann) gibt elf Millionen an.

Die Zahl der Katalogausgaben hat ebenfalls kaum abgenommen, im Gegenteil. Allein Tui hat für den Winter 2016/17 und die nächste Sommersaison unverändert 67 Kataloge aufgelegt. Bei DER Touristik waren es zuletzt sogar 78, Thomas Cook listet fürs Reisejahr 2016/17 immerhin 43 Druckwerke auf. Alltours hat die Zahl von 13 auf 15 erhöht. "Der Katalog bietet die einfachste Möglichkeit, schnell Zielorte und Hotels über den Reisepreis hinaus zu vergleichen", sagt Alltours-Vertriebsexperte Mike Hennig.

Trend geht zu Länderkatalogen

Der Trend geht dabei zu mehr Themen- und Länderkatalogen. "Die Inhalte werden spezieller auf Zielgruppen zugeschnitten", sagt Stefanie Berk, Chefin von Thomas Cook Deutschland. So hat Schauinsland die Auflage seines Familienkatalogs um 40 Prozent erhöht, Tui baut die USA-Kataloge aus, DER Touristik produziert mehr als 40 Themen- und Länderkataloge pro Saison. Die Branche beugt sich damit der Macht des Faktischen. Denn auch laut Umfragen stehen zur Inspiration und Information die Werbemedien aus Papier trotz des Internets ganz oben. 28 Prozent greifen gezielt danach, wie eine Studie der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen zeigte. Erst danach folgen die Beratung im Reisebüro (22 Prozent) sowie Websites von Reisezielen (21), Unterkünften (19) und Suchmaschinen. Reiseführer und -portale kommen auf 15 Prozent. Kataloge sind teuer und wenig umweltfreundlich. Die Kosten pro Exemplar werden auf einen Euro und mehr geschätzt. Übliche Werbekosten-Zuschüsse von Destinationen, Airlines und Hotels decken meist nur einen Teil der Ausgaben. Schutzgebühren werden immer wieder diskutiert, aber nicht verlangt, um Kunden nicht zu verprellen.

Aus Nachhaltigkeitsgründen wird versucht, den Papierverbrauch zu reduzieren. Laut Tui sank die Zahl der Katalogseiten zwischen 2012 und 2014 um 8,2 Milliarden, der Verbrauch von 354 Tonnen Papier sei in drei Jahren vermieden worden. Dies ist möglich durch mehr Ganzjahreskataloge.

Der Weg geht ins Web

Zudem findet sich ein wachsender Anteil der Hotelangebote nur noch im Netz. Dazu werden Online- und Offline-Urlaubswelten verzahnt. Bei Thomas Cook kann man Hotel-Katalogbilder mit dem Smartphone und der App "Travel Insight" scannen, um mehr Informationen zu bekommen. Auf Neckermann-Katalogen prangt inzwischen statt des gelben "N" das Herz-Logo der Dachmarke Thomas Cook. Das ist durchaus als Symbol zu verstehen. Viel stärker als früher sollen die Kataloge Emotionen schaffen und die Reiselust wecken, wie Geschäftsführerin Stefanie Berk betont. Bei der Tui-Tochter Robinson Club ließ Marketing-Chefin Stefanie Brandes dazu von der Werbeagentur Scholz & Friends gerade ein neues Format für die Sommerangebote 2017 schaffen. Der im November erschienene "Katazin" ist mit luftiger Optik, Reportagen, Interviews und Tipps ein Mix aus Katalog und Reisemagazin – und soll "das Robinson-Erlebnis spürbarer zu machen".

Thomas Wüpper

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