Strandkörbe – von wegen einer wie der andere

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Flinker Flechter: Silvio Riedel schraubt Fußteile für die Körbe zusammen.

Eine deutsche Tradition seit über 100 Jahren sind Strandkörbe, die immer noch von Hand gefertigt werden.

In Sekundenschnelle fädelt Ronny Sass weiße, meterlange Bänder im Wechsel um die runden Streben eines geschwungenen Holzgestells. Reihe um Reihe, immer höher – ein Flechter in Höchstform.

Seit 28 Jahren pendelt Sass zwischen Wolgast und Heringsdorf auf Usedom, um deutsche Sommerträume zu produzieren: Strandkörbe – und zwar in der ältesten Strandkorbmanufaktur Deutschlands, 1925 von Carl Martin Harder gegründet.

Dirk Mund, Chef des Korbwerks, kam 2011 nach Usedom, um das Unternehmen als Teilhaber wieder auf Vordermann zu bringen. Zu seinen 20 festen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zählen vor allem Tischler, Näher, Polsterer und sieben Flechter. Jeder Auftrag sei anders, und sowieso sei Strandkorb nicht gleich Strandkorb.

Modell Ostsee versus Modell Nordsee

Während Sass am runden Ostseemodell arbeitet, flicht sein Kollege an der etwas kantigeren Haube eines Nordseemodells. "Man unterscheidet sie an den Seitenteilen, wo man die Liegepositionen einstellt", erklärt Dirk Mund. "Beim Ostseemodell sind sie geschwungen wie eine Ostseewelle, beim Nordseemodell gerade und flach wie die Ebbe", so seine Eselsbrücke. "Das wiederum beeinflusst die Liegewinkel."

Heiko Stock kämpft mit störrischem Weidengeflecht. Seit fast 40 Jahren sei er schon dabei, schon zu DDR-Zeiten, als das Unternehmen als VEB Korb- und Flechtwaren verstaatlicht war und auch an anderen Standorten Möbel fertigte. "Aber mit Weide habe ich seit 30 Jahren nicht geflochten", erzählt Stock, während er den Naturstoff mit einem Hammer bearbeitet. "Nun baue ich gleich drei von dieser Sorte."

Nur noch rund 20 Zentimeter fehlen, dann ist der historische Prototyp fertig – der erste Strandkorb aus dem Jahre 1882. Ein Sonderauftrag. "Unter anderem hat ein Museum ein solches Original bestellt", sagt Mund. Das verwundert nicht, erzählt dieser Strandkorb doch auf schönste Weise vom Beginn einer Erfolgsstory: dem Badeurlaub.

Wie der erste Strandkorb entstand

Andere Länder gehen unsere Tradition einfach nicht mit und teils verbieten es im Ausland auch Gesetze, Körbe an den Strand zu stellen

Strandkorb-Hersteller

Die Spur führt zurück ins Rostock des 19. Jahrhunderts. Eine Dame betrat einst den Laden des Hof-Korbmachers Wilhelm Bartelmann. Von Rheuma geplagt, wollte sie dennoch nicht auf das Meer verzichten und beauftragte den Korbmacher mit einer Sitzgelegenheit für den Strand. Dies brachte den jungen Bartelmann auf die Idee: Würde man einen Wäschekorb hochkant stellen, böte dies hervorragenden Schutz gegen Sonne, Sand und Wind. So kreierte der Korbmacher 1882 den ersten Weiden-Strandstuhl, zunächst ein einfacher Einsitzer. Aus ersten Spöttern wurden Neider, die Nachfrage stieg.

Um die saisonalen Umsätze zu steigern, kam Bartelmanns Gattin Elisabeth auf die Idee, die Weidenstühle nicht nur zu verkaufen, sondern am Strand zu verleihen. Im Sommer 1883 war in Seebad Warnemünde die erste Strandkorbvermietung geboren. Bald darauf florierte das Geschäftsmodell in vielen weiteren Seebädern.

Was den Strandkorb so erfolgreich macht

"Ein Strandkorb bietet ja nicht nur Schutz vor Wind und Sonne, man mietet sich in Wirklichkeit ja ein Stück Erde, ein Stück Privatsphäre, das ist der psychologische Ursprung, warum es funktioniert", sagt Dirk Mund. Ein klassischer Familienstrandkorb erinnert bisweilen tatsächlich an eine Festung. Und manch einer behauptet, er sei die an den Strand verlegte Version des Schrebergartens – typisch deutsch eben. Positiv formuliert, ist es vielleicht Geborgenheit, die dieses Strandmöbel erzeugt.

Dass der Strandkorb bis heute ein deutsches Phänomen geblieben ist, kann Mund bestätigen. "Andere Länder gehen unsere Tradition einfach nicht mit und teils verbieten es auch Gesetze, Körbe an den Strand zu stellen. Es ist wohl kulturell nicht gewollt."

Ob blau-weiß, rot-weiß oder bunt, in Deutschland jedenfalls prägen Strandkörbe das Bild der Seebäder. Mund schätzt, dass sich von Norderney bis Usedom etwa 110 000 Körbe verteilen. In ihnen wird gelesen, geträumt und der Blick aufs Meer genossen. Und das wohl auch noch in 100 Jahren. dpa

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