Kampf ums heimische Holz ist voll entbrannt

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Im großen Stil Bäume zu fällen hat sich für Waldbesitzer lange Zeit nicht gerechnet.
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Weshalb Bauherren und Handwerker immer höhere Preise für Holz bezahlen müssen – und was das kühle und regnerische Frühjahr damit zu tun hat.

Ostwürttemberg Wer ein Haus baut, kann ein Lied davon singen: Holz ist kaum noch zu bekommen und wird immer teurer. Ausgerechnet der heimische Baustoff, der in den vergangenen Jahren wegen Sturm- und Käferschäden massenweise anfiel. Was die Ursachen, Folgen und mögliche Auswege aus der Holzkrise sind.

Um mehr als 50 Prozent sind die Bauholzpreise laut Handwerkskammer Ulm in den vergangenen Monaten gestiegen. Branchenkenner berichten, dass sich Fichten-Konstruktionsvollholz von 300 auf 700 Euro pro Kubikmeter verteuert hat. Ob OSB-Platten, Leimbinder oder Parkett: Alle Holzprodukte sind betroffen.

Preiskalkulation schwierig

Handwerker tun sich schwer, Preise für ihre Leistungen zu kalkulieren, weil die Rohstoffpreise verrückt spielen. „Soll ich dem Kunden sagen: Ich kann dir einen Preis machen, aber ob der noch gilt, wenn Du bestellst, kann ich nicht sagen?“ So umschrieb es Raumausstattungsunternehmer Rainer Kaufmann aus Oberkochen bei einer Diskussion zur Materialknappheit, die Bundestagsabgeordneter Roderich Kiesewetter anberaumt hatte (siehe oben). Manchmal erklären sich Bauherren bereit, nachträglich gestiegene Materialkosten mitzutragen: wohl auch aus Angst, sonst lange auf die Leistungen warten zu müssen. Oft sind Handwerksbetriebe aber auch an feste Preisvereinbarungen gebunden und schreiben im schlimmsten Fall Verluste.

Dass der Hunger nach Holz als nachhaltigem Baustoff größer wird – in einer Zeit, da viele ihr Geld lieber in den Bau investieren, als zu sparen – ist nur eine Seite: Wie bei anderen Materialien wie Stahl und Mikrochips ist die weltweite Nachfrage geradezu explodiert. Laut Statistischem Bundesamt verbuchten deutsche Säge-, Hobel- und Imprägnierwerke vergangenes Jahr einen Rekordumsatz von 6,5 Milliarden Euro. Ein knappes Drittel davon erzielen sie im Ausland. Jörn Kimmich, Präsident des Verbandes Deutsche Säge- und Holzindustrie, wehrt sich indes gegen Vorwürfe, vorrangig das Ausland zu bedienen. Vielmehr sinke die Exportquote derzeit sogar. Von rund sieben Millionen Kubikmetern Schnittholz, die im ersten Quartal vermarktet wurden, seien 5,8 Millionen in Deutschland verblieben – 20 Prozent mehr als im Vorjahr. „Wir arbeiten an der Kapazitätsgrenze und versuchen diese kontinuierlich zu steigern, um den Markt zu beruhigen“, so Kimmich. Anderseits sank die Zahl der deutschen Sägewerke und ähnlicher Betriebe von 2008 bis 2018 von 435 auf 324.

Aber auch Rohholz wird aus Deutschland exportiert. 12,7 Millionen Kubikmeter waren es im vergangenen Jahr – so viel wie nie zuvor. Ein großer Teil davon ist Schadholz, das aufgrund von Sturmschäden und Borkenkäfer-Plagen anfiel: Es machte mehr als die Hälfte der 80,4 Millionen Kubikmeter Holz aus, die 2020 insgesamt in Deutschland eingeschlagen wurden.

Nach wie vor werden in deutschen Wäldern Überseecontainer mit Schadholz beladen, die direkt nach China, Vietnam und in die USA gehen. Rufe, diesen Export zu stoppen, hält Helmut Stanzel, der als Geschäftsführer der Forstwirtschaftlichen Vereinigung Schwäbischer Limes für die privaten Waldbesitzer arbeitet, für verfehlt: „Diese Lieferketten sind in den vergangenen Jahren entstanden, um Übermengen am Markt unterzubringen, nun müssen Verträge eingehalten werden.“ Kurz gesagt: Chinesen kauften, was deutsche Sägewerke nicht haben wollten oder wegen Kapazitätsgrenzen nicht verarbeiten konnten. Einerseits drängt beim Schadholz die Zeit: „Mit dem Holz kommt der Käfer aus dem Wald“, so Stanzel. Zudem reist das Holz oft als Rückfracht nach Fernost, damit die Container die Seereise nicht leer antreten müssen.

Etwas anderes klingt absurd: Dass sich der deutsche Wald nach einem Winter ohne Stürme und einem kalten Frühjahr, das dem Borkenkäfer nicht gefiel, nun endlich erholt, führt dazu, dass billiges Schadholz rar wird. Die jetzigen Abnehmerpreise, so Stanzel, seien aber bereits im Herbst vereinbart worden: Sie lägen mit 60 bis 70 Euro pro Kubikmeter Fichtenholz so niedrig, dass private Waldbesitzer keinen Anreiz sahen, übermäßig Holz einzuschlagen. „Ein interessanter Holzpreis, mit dem sich Nachpflanzungen und Pflege finanzieren lassen, fängt bei 90 bis 100 Euro pro Kubikmeter an“, sagt er.

Neues Gesetz in der Kritik

Selbst, wenn die Sägewerke nun bei den Preisen nachbessern würden: Die Jahreszeit für den Holzeinschlag sei vorbei. Zusätzlich hat der Bund Ende März ein Forstschäden-Ausgleichsgesetz verabschiedet. Es begrenzt den Fichteneinschlag in dieser Saison auf 85 Prozent des Durchschnitts der Jahre 2013 bis 2017.

Tobias Mehlich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ulm, nennt das Gesetz eine „künstliche Verknappung“ und fordert seine Abschaffung. Diese, so Bundestagsabgeordneter Roderich Kiesewetter, werde derzeit tatsächlich politisch diskutiert. Ein komplettes Exportverbot für Rohholz, wie es etwa Russland ab dem kommenden Jahr plant, wird laut Kiesewetter jedoch keine Chancen auf eine Durchsetzung haben.

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