Luthers Drang nach Freiheit bewahren

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Ursula Richter
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Was bedeutet die Reformation heute, wofür steht Martin Luther heute? Antworten auf diese Fragen geben Vertreter des Christentums und des Islams.

Schwäbisch Gmünd

Der Verein Staufersaga und das Christliche Gästezentrum Schönblick zeigen im Oktober das Theaterstück "Höllenfeuer. Luther, der Rebell". Sie erzählen vom Leben Martin Luthers. Anlass ist das Reformationsjubiläum. Was ist die Reformation Angehörigen von Religionen? Was ist ihnen Luther heute? Kann die Reformation Vorbild für den Islam sein? Antworten geben Christen und Muslime.

"Ich bin froh, dass es Martin Luther gab und er den Mut hatte, zu seiner Überzeugung und Erkenntnis zu stehen", sagt die evangelische Dekanin Ursula Richter. Luther habe einen Schatz gefunden, die Freiheit – "durch die Wiederentdeckung des gnädigen Gottes". Freiheit sei ein hohes Gut, auch heute. "Dass man für seine Überzeugung mutig einsteht, das ist mir am Menschen Martin Luther das Bedeutendste", sagt die Dekanin. Sie ergänzt: "Aber auch die Liebe zum Wort Gottes, das mir Quelle, Kraft und Orientierung auch heute ist." Luther sei ein bedeutender Mensch mit mutigen Leistungen gewesen, "aber er hatte auch dunkle Schattenseiten". Dies gebe einen nüchternen und realistischen Blick auf den Menschen. Die Gedanken der Reformation bedeuten "mündiges Christsein, mündige Menschen", sagt Richter. Luther habe betont, dass der Mensch von Gott geliebt wird, bevor und ohne dass er etwas leistet. Den Geist der Freiheit wünsche sie sich heute besonders "angesichts der vielen antidemokratischen Kräfte und Entwicklungen in vielen Ländern, und auch bei uns". Das mache Sorge, aber auch Hoffnung, "dass die Freiheit und die Sehnsucht danach so stark sind, dass sie ihren Weg findet". "Ich möchte nicht den Anspruch erheben, dass eine Religion für die andere Vorbild sein kann", sagt die Dekanin weiter. Sie habe Respekt vor jeder Religion. Sie sei dankbar für die freundschaftlichen Begegnungen beim interreligiösen Dialog in der Stadt. Weltweit aber würde sie sich für den Islam wünschen, "dass die Vielgestaltigkeit auch innerhalb islamischer Theologie und islamischen Lebens wieder deutlicher und ausgewogener in Erscheinung tritt". Denn "derzeit erleben wir eine Dominanz einer bestimmten Richtung des Islams, die eine liberalere, das heißt freiheitlichere Auslegung immer mehr verdrängt oder kaum hochkommen lässt, die es doch auch gibt." "Höllenfeuer" wird sich Richter anschauen, sie hätte sich dabei auch eine Aufführung in der Stadt gewünscht, in "deren Mauern erst ab 1802 Evangelische leben durften".

"Mir ist das Reformationsjubiläum bewusst, ich nehme als Mitglied der AG Interreligiöser Dialog am Festgottesdienst am 31. Oktober teil", sagt Integrationsbeirätin Süheyla Torun, die Muslimin ist. Luther ist ihr "ein Freiheitskämpfer, der seine Vorstellungen in der katholischen Kirche nicht mehr wieder gefunden hat". Er habe sich "gegen Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen im Namen der Religion gewehrt". "Es besteht in jeder Religion die Gefahr, dass Personengruppen durch falsche Interpretation oder Darstellung die Religion missbrauchen", sagt Torun. Um dem entgegenzuwirken, sei eine Auseinandersetzung mit der eigenen und anderen Religionen wichtig. Luther könnte dadurch Vorbild für die Menschen sein, dass sie den friedliebenden Grundsatz, den jede Religion beinhaltet, in ihrem Leben anwenden, um Frieden auf der Welt zu schaffen", sagt Torun.

Ich bin froh, dass es Martin Luther gab.

Ursula Richter, Dekanin

"Höllenfeuer" besuchen möchte auch Moslem Cemal Yaman von der Gesellschaft für Dialog. Religiöse Texte seien vom Himmel gesandt, sagt er. Sie seien nicht verwerflich, dürften nicht ignoriert werden. Deshalb könne man im Islam nicht von Reformation sprechen, sondern von einer "zeitgerechten Erneuerung des islamischen Denkens". Dies aber müsse "von Islam-Gelehrten vorgenommen werden, die den Islam zu 100 Prozent kennen".

Er habe sich fürs Reformationsjahr vorgenommen, sich intensiver mit Luther zu beschäftigen, sagt Münsterpfarrer Robert Kloker. "Mir sagt Martin Luther heute, dass man von ihm lernen kann, wie man gerade als Christ seiner Überzeugung treu bleiben muss." Im letzten sei eine Gewissensentscheidung, die ein Mensch auch in religiöser Verantwortung vor Gott trifft, nicht hinterfragbar. Die Reformation habe aktuelle Bedeutung in verschiedener Hinsicht. "Religiös war sie ein Anstoß zur Erneuerung in allen christlichen Konfessionen, auch die katholische Kirche hat sich nach der Reformation entscheidend gewandelt." Er meine, dass der Grundsatz "Ecclesia semper reformanda", dass die Kirche sich immer erneuern muss, gerade durch die Erinnerung an die Reformation neue Schubkraft bekommen sollte. Erneuerung heiße aber nicht Anpassung an den Zeitgeist, sondern Besinnung auf die Wurzeln, wie auch Luther dies verstanden hat. Gerade kirchliche Organisationen müssten sich immer fragen lassen, ob sie in der Spur der Nachfolge Jesu seien. Betrachte man den Islam in seiner Gesamtheit, zeige er sehr vielfältige Erscheinungsbilder. Er wolle aber als "Außenstehender" doch darauf verweisen, "dass von verschiedenen Islamwissenschaftlern selbst auch eine innere Erneuerung angemahnt wird", sagt Kloker. Diese Dringlichkeit stellt sich für ihn besonders dort, wo der Islam sich in Kontexten bewegt, die durch die Errungenschaften der Aufklärung, zum Beispiel den Toleranzgedanken, geprägt sind, wie in westlichen Demokratien. Kloker: "Für mich müssen alle Religionen ein klares Bekenntnis zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ablegen." Zudem sei ihm wichtig, dass sich Islam-Vertreter hierzulande klar zur freiheitlich-rechtsstaatlichen Grundstruktur unserer Gesellschaftsordnung bekennen, damit friedliches Zusammenleben gewährleistet ist.

"Höllenfeuer" wird am 20. Oktober um 19 Uhr, 21. Oktober um 19 Uhr, 22. Oktober um 15 Uhr, 22. Oktober um 19.30 Uhr und 31. Oktober um 19.30 Uhr im Schönblick auf dem Rehnenhof aufgeführt, Karten gibt's beim i-Punkt in Schwäbisch Gmünd, (07171) 6034250, und im Schönblick.

Cemal Yaman
Robert Kloker
"Höllenfeuer. Luther, der Rebell" heißt ein Theaterstück, das der Verein Staufersaga und der Schönblick im Oktober zeigen. Benjamin Stoll spielt Luther. Was Luther und die Reformation heute sind, dazu hat die GT Vertreter von Religionen befragt.
Süheyla Torun

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