Stehen starke Inflation und steigende Zinsen bevor?

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Ente Geld Inflation
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Weil das Material knapp wird und die Lieferketten gestört sind, explodieren die Preise in vielen Bereichen – mit möglichen Auswirkungen auf Verbraucherpreise, Inflation und Zinsen

Vieles wird knapp und teurer: Mikrochips für Autohersteller, Stahl für die Industrie, Holz für Baustellen, Sprit für Autofahrer. Lieferengpässe und Materialknappheit schlagen sich auf die Preise nieder. Droht eine starke Inflation, die die Wirtschaft ausbremst? Und steigen die Zinsen?

Material wird teurer

Betriebe schlagen Alarm: Bauholz hat sich um bis zu 50 Prozent verteuert, Rohstoffe wie Aluminium teils um 100 Prozent. Das bleibt nicht folgenlos für die Endverbraucher: „Viele Unternehmen geben Preiserhöhungen auf der Beschaffungsseite weiter“, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der Umfragen beim Ifo-Institut. Laut dessen Mai-Konjunkturumfrage wollen Großhandel, aber auch Industrie, Bau, Einzelhandel und Dienstleistung gestiegene Beschaffungskosten weitergeben.

Das Geld ist da

Es gebe „teilweise Nachholeffekte aufgrund früherer Preissenkungen während der Coronakrise“, ergänzt Wohlrabe. Verbraucher hatten zuletzt kaum Gelegenheit, Geld auszugeben. „Staatliche Corona-Hilfen haben private Haushalte in der Pandemie mit ausreichend Liquidität versorgt, die bislang vielfach in eine höhere Sparquote gemündet ist und nun erst wieder nachfragewirksam werden kann“, sekundiert die Kreissparkasse (KSK) Ostalb als größtes regionales Kreditinstitut. Bürger holen Konsum nach, kaufen Kleidung, gehen ins Restaurant, buchen Pauschalreisen: „Das wird einen gewissen Druck auf die Verbraucherpreise ausüben, die vielleicht kurzfristig etwas überschießen“, glaubt Prof. Dr. Ingo Scheuermann, Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule Aalen. Für eine Teuerung spricht auch, dass die Geldmenge in Bargeld, auf Konten und in Geldmarktpapieren im Euroraum kontinuierlich ansteigt.

Inflationsrate

Im Mai lag die Inflationsrate in Deutschland bei 2,5, in der Eurozone bei 2,0 Prozent. Nach teils negativen Raten im vergangenen Jahr ist die Rate nun so hoch wie lange nicht mehr. Preistreiber sind neben den Baupreisen - hier wird von „Bauflation“ gesprochen - die Energiepreise. Der Aalener Ökonom Scheuermann geht davon aus, dass die Teuerung in einzelnen Monaten kurzfristig um die 4 Prozent liegen könnte. Ähnlich äußerte sich die Bundesbank. Auch Markus Frei, Vorstandsvorsitzender der KSK, erwartet „in diesem Jahr noch weiter steigende Inflationsraten, die im Vergleich zum Vorjahr auch schnell Richtung 4 Prozent klettern können“. Er fügt hinzu: „Dies wird unserer Ansicht nach jedoch im Großen und Ganzen ein vorübergehendes Phänomen sein, wobei die Auswirkungen auf einzelne Branchen und Warengruppen sehr unterschiedlich ausfallen.“

Was gegen Inflation spricht

Die KSK beobachtet auch gegenteilige Effekte: „So wird sich einerseits die erhöhte Nachfrage nach in der Pandemie kurzfristig bevorzugt nachgefragten Waren wie Möbel, Notebooks oder Gartenbedarf wieder reduzieren, andererseits werden auch strukturelle Themen wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz zu Produktivitätssteigerungen führen und somit inflationsdämpfend wirken.“ Stark steigende Löhne - die die Inflation im Normalfall begünstigen - waren in der Pandemie ausgeblieben. „Ich bin relativ entspannt, was das Inflationsgespenst angeht“, sagt Scheuermann. Auch Frei rechnet „nicht mit einer aus dem Ruder laufenden Inflation in der Breite“.

Droht Stagflation?

Steigen die Preise stark, während die Wirtschaftsleistung stagniert, sprechen Ökonomen von Stagflation. Trotz Materialknappheit und in einigen Branchen wie Logistik und Gastronomie auch Personalknappheit, erwarten Ökonomen aber eher Erholung statt Einbruch. „Die jüngsten Konjunkturumfragen sind sehr positiv“, sagt Scheuermann: „Es wird zudem daran gearbeitet, Materialengpässe zu beheben.“ Vieles hänge davon ab, ob neuerliche Corona-Einschränkungen in asiatischen Länder wie Vietnam, Thailand und Japan bald aufgehoben werden. Die Gefahr protektionistischer Maßnahmen wie Rohstoff-Ausfuhrverbote sieht Scheuermann unterdessen nicht.

Steigen die Zinsen?

Die Europäische Zentralbank (EZB), die den Leitzins für den Euroraum festlegt, verfolgt das Ziel einer Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent. Liegt sie langfristig darüber, so könnte sie den Leitzins anheben „Es könnte kurzfristig zu geringfügigen Zinsanpassungen kommen“, so Scheuermann: Er sehe aber keine Abkehr von der systematischen Linie. Die KSK schreibt: „Wir gehen von weiterhin sehr niedrigen beziehungsweise sogar negativen Zinssätzen, insbesondere in den kurzen Laufzeitbereichen, aus. Die EZB wird ein kurzfristiges Überschießen der Inflationszahlen über die Zielmarke von 2 Prozent durchaus tolerieren und den Kurs der ultralockeren Geldpolitik deshalb aktuell nicht ändern.“ Wer also einen Kredit braucht, muss sich nicht den Kopf zerbrechen - wer Geld anlegen möchte, dagegen schon.

Ich bin relativ entspannt, was das Inflationsgespenst angeht.“

Prof. Dr. Ingo Scheuermann, Hochschule Aalen

Die Preise steigen. Kommt es zu einer starken Inflation? F oto: ham

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