Zu viel Notbetreuung, zu wenig Tests

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Die Kindergartenkinder und ihre Erzieherin Isabell Bortsche zeigen dem Virus die Zähne, für die Einrichtungsleiterin und ihre Kolleginnen ist die aktuelle Situation schwierig.
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Warum sich die Leiterin des Kindergartens St. Johannes in Wißgoldingen von der Politik vergessen fühlt. Und wie Eltern sie und ihren Kolleginnen unterstützen können.

Waldstetten-Wißgoldingen

Isabell Burtsche fühlt sich alleingelassen. Die 46-Jährige leitet den Kindergarten in Wißgoldingen und wünscht sich für sich, ihre Kolleginnen und alle Kindergärten mehr Rückhalt. Vor allem von der Politik. Auch von den Eltern. Denn: „Man weiß, dass die Kindergärten große Pandemietreiber sind.“ Im Ostalbkreis seien, Stand Montag, 20 Kindergärten wegen Coronafällen geschlossen gewesen. Trotzdem gehe es beim Thema Schließungen aufgrund der Sieben-Tage-Inzidenz über der 200er-Marke zuvorderst um die Schulen. Die seien bereits am Montag, aktuellen Verordnungen vorauseilend, in den Distanzunterricht gegangen, während die Kindergärten erst ab diesen Mittwoch nur noch Notbetreuung anbieten.

Sowohl für Schulen als auch für Kindergärten hatte Landrat Dr. Joachim Bläse am Freitag angesichts der noch unklaren Rechtslage empfohlen, den jeweiligen Status quo beizubehalten. Für die Kindergärten hieß das: offen lassen. Nun müssen Schulen wie Kitas ab diesen Mittwoch schließen. Wobei das für Isabell Burtsche bedeutet: „Von 35 Kindern habe ich 20 da, das ist für mich keine Notbetreuung.“ Alle drei Gruppen seien damit zu je 60 Prozent belegt. Die Notbetreuung darf laut Landesverordnung unter anderem in Anspruch nehmen, wer in seiner Arbeit unabkömmlich ist. Zumindest zu überlegen, ob ihre Kinder möglicherweise nur zwei Tage pro Woche in die Notbetreuung müssen, erhofft sich Burtsche von den Eltern.

Wie Nasepopeln

Dazu kommt: Während Schüler, die gegebenenfalls am Präsenzunterricht teilnehmen wollen, nun zu Corona-Schnelltests verpflichtet sind, gebe es im Kindergarten auch die Möglichkeit zu testen, aber nur auf freiwilliger Basis. Weil das Land für Kita-Kinder keine Testpflicht vorsieht, haben sich der Ostalbkreis und seine 42 Kommunen auf freiwillige Testungen verständigt. Auf dieses Vorgehen habe der Landrat gedrängt, heißt es vom Landratsamt, um das Infektionsrisiko, das er in den Kitas sieht, zu reduzieren. Bereits Anfang der Woche war für Burtsche klar: Von 18 Familien machen vier nicht mit - „das ist für mich kein Schutz“. Dabei „geht es nicht nur um uns“. Burtsche und ihre Kolleginnen haben Familie, für die sie gesund bleiben möchten und die gesund bleiben sollen.

Das Kindergartenteam sei sehr bemüht, „viele Infos zu geben“. Unter anderem den Link zu einem Video der Augsburger Puppenkiste, das den Schnelltest kindgerecht erklärt. Und die Erzieherinnen sprechen mit den Kindern über den Test: „Es ist, als ob wir in der Nase popeln“, sagen sie. Und wenn ein Test positiv ausfällt, sei das kein Grund, sich bloßgestellt oder schuldig zu fühlen. „So denken Erwachsene, Kinder denken so nicht.“ Letztendlich gäben die Tests die Sicherheit, dass der Kindergarten offenbleiben kann, sagt Burtsche. Denn mit den Kindern arbeiten die Erzieherinnen ohne Maske und ohne Abstände.

Verständnis gefragt

Auch Elternbeiratsvorsitzende Jasmin Rosenbaum fände eine Testpflicht sinnvoll. Ihre Erstklässlerin bekomme das gut hin, ihr fünfjähriges Kindergartenkind schaue ab und wolle auch. Zwar gebe es verständnisvolle Eltern, sie habe jedoch auch dies gehört: „Wenn mein Kind positiv ist, habe ich ein Problem.“ Weil dann das Quarantäne-Prozedere losgeht. Darum ist sie überzeugt: „Freiwillig funktioniert das nicht.“ Sie appelliert, den Selbsttest wenigstens zu Hause zu machen und die Notbetreuung nur in Anspruch zu nehmen, wenn es nicht anders geht.

Burtsche bittet nicht nur um Verständnis bei den Eltern, sondern fordert auch eine klare Linie der Politik und, dass Landrat Dr. Joachim Bläse „Gespräche mit der Basis“ führen möge. Der Landrat tausche sich wöchentlich mit den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern aus, die vor Ort den Kontakt haben, und pflege persönliche Kontakte, heißt es dazu vom Landratsamt. Allerdings sei auch bei den Erziehenden das Meinungsbild nicht einheitlich. Burtsche, der ihr Beruf eigentlich Spaß macht, sagt: „Gern gehe ich gerade nicht in den Kindergarten.“

Dr. Kasperls Anleitung zum Coronatest der Augsburger Puppenkiste gibt's online auf https://m.YouTube.com/watch?v=A0EqaSBurX0

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