Digitale Vortragsreihe: Gesundheit/ Medizin

Krebs im Focus – vernetzte Wege der Krebstherapie

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Digitale Vortragsreihe
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Tumor, Brustkrebs, Krebsdiagnose – für Betroffene ein Schock. In einer digitalen Runde sprechen Mediziner über Krebstherapien und den gemeinsamen Kampf von Medizinern gegen den Krebs, unter anderem durch eine optimale Krebsvorsorge.

Bereits seit einigen Jahren haben es sich die vier Fachmediziner Dr. med. Sandra Röddiger, Dr. med. Ralf Kurek, Prof. Dr. med. Holger Hebart und Dr. med. Sebastian Hock zur Aufgabe gemacht, über die Behandlungsmöglichkeiten von Krebs zu informieren. Im Rahmen der digitalen Vortragsreihe der Schwäbischen Post spricht die Strahlentherapie Ostalb über die vernetzten Strukturen im Kampf gegen Krebs aus strahlentherapeutischer, internistischer und gynäkologischer Sicht.

Fortschritte in der Krebstherapie

Dr. med. Sebastian Hock ist Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und Vorsitzender der Kreisärzteschaft Aalen. Seit über 25 Jahren arbeitet er als Frauenarzt schwerpunktmäßig in der Betreuung von Frauen mit Brustkrebs und Krebserkrankungen des weiblichen Genitales. In diesem Zeitraum wurde in der Forschung und in der Behandlung von Krebs viel erreicht, sodass heutzutage eine Krebsdiagnose nicht zwingend mit einem Todesurteil oder großem Leiden gleichzusetzen ist. „Über 80 Prozent der Frauen mit Brustkrebs und sogar über 90 Prozent der Frauen in einem frühen Brustkrebsstadium können heute geheilt werden“, so Facharzt Dr. Sebastian Hock. Im Vergleich zu früher wird dies zudem mit immer schonenderen Methoden erreicht. So kann bei einer Operation beispielsweise die Brust zumeist erhalten werden und ein Großteil der betroffenen Lymphknoten kann in den Achselhöhlen verbleiben. Dadurch entsteht heutzutage ein deutlich vermindertes Risiko eines Lymphödem – eine Schwellung des Gewebes und Armes nach der OP.

Facharztkollege Prof. Dr. med. Holger Hebart verweist zudem auf weitere große Fortschritte im Bereich der Blut- und Tumorerkrankungen. Der Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin sowie Hämostaseologie sieht diese als einen der Schrittmacher der letzten Jahre, die medikamentöse Tumortherapie entscheidend voran zu bringen. So sind in der sogenannten personalisierten Medizin zum Beispiel durch die genetische Charakterisierung von Tumorerkrankungen zielgerichtete Ansätze möglich, um dem Patienten schneller zu einer geeigneten Therapie zu verhelfen.

Für einen faszinierenden Aspekt hält er auch die Immuntherapie. Hierbei können durch Eingriffe ins Immunsystem und durch dessen Aktivierung Tumorerkrankungen wie beispielsweise Lungenkrebs oder schwarzer Hautkrebs kontrolliert werden. Und auch das Bestrahlungsverfahren sowie die medikamentöse Nachbehandlung werden immer schonender. „Sollten Tumore nach einiger Zeit doch zurückkommen oder Mestastasen auftreten, haben wir mittlerweile ein ganzes Arsenal an guten und gut verträglichen Behandlungsmöglichkeiten, die diese Situation über lange Zeit stabil halten können“, erklärt Dr. Sebastian Hock.

Trends in der Strahlentherapie

Der Facharzt für Strahlentherapie Dr. med. Ralf Kurek weiß, dass die Strahlentherapie einen eher schlechten Ruf hat. „Es heißt immer, wir verstrahlen die Leute und die Therapie hat viele Nebenwirkungen“, berichtet Dr. Ralf Kurek. Doch im Bereich der Strahlentherapie gab es in den letzten Jahren einen enormen Zuwachs an Wissen und Technik. Vor allem getrieben durch Informationstechnologie und wie die immer besser werdenden Computer. So können beispielsweise Risikoorgane besser geschont werden, Tumore sehr viel feiner und kleinvolumiger mit höheren Dosen bestrahlt werden und trotzdem sind Nebenwirkungen geringer.

Grundsätzlich, so Dr. Ralf Kurek, gäbe es vier größere Trends oder Schlagworte in der Strahlentherapie, die dafür sorgen, dass Behandlungen effizienter und nebenwirkungsärmer werden. Die intensitätsmodulierte Radiotherapie, abgekürzt IMRT, ist ein Verfahren, bei dem mit vielen kleinen und feinen Bleilamellen (MLC) das Bestrahlungsfeld so geformt wird, dass jegliche Form eines Zielvolumens bestrahlt werden kann. „Normalerweise ist Strahlung linear“, erklärt Dr. Ralf Kurek, „und man kann sehr einfach Vierecke und Rechtecke bestrahlen. Aber sobald ich einen runden Tumor habe, wird es schwierig.“ Mit der IMRT sei dies durch Anpassung der Strahlung jedoch möglich.

Bei der Image-guided-Radation-Therapy, kurz auch IGRT genannt, kann durch die immer besser werdenden bildgebenden Verfahren noch während der Bestrahlung überprüft werden, wo sich Tumore befinden oder ob sich diese verändert haben. Auch kann sie beispielsweise an die Atemphase der Patient*innen gekoppelt werden. Dr. Ralf Kurek erklärt: „Wenn ein Patient speziell ein- oder ausatmet, ändert sich die Situation. Vielleicht verschiebt sich der Tumor. Doch dann können wir mit der Strahlung direkt eingreifen und auch direkt dorthin nachziehen.“

Als dritter Trend steht die Stereotaxie im Vordergrund. Diese ermöglicht eine hochpräzise Bestrahlung kleinvolumiger Tumore und kommt beispielsweise bei Hirntumoren oder kleineren Lungentumoren zur Anwendung. So kann auf eine OP verzichtet werden, wenn diese beispielsweise aufgrund verschiedener Vorerkrankungen des Patienten nicht durchführbar ist. Bei der Stereotaxie wird dann eine sehr hohe Bestrahlungsdosis pro Bestrahlungssitzung auf ein sehr kleines Volumen im Patienten abgestrahlt. „Für dieses Verfahren muss die Bildgebung perfekt sein“, sagt Facharzt Dr. Ralf Kurek. „Man muss sich 100 Prozent sicher sein, dass man trifft, was man will, da eine hohe Dosis in sehr kurzer Zeit abgestrahlt wird.“

Als letzten Trend nennt Dr. Ralf Kurek die Hypofraktionierung, die zu immer kürzeren und schonenderen Bestrahlungen führt. Es bedeutet, dass die Einzeldosis der Bestrahlung pro Sitzung erhöht wird, um die Anzahl der Bestrahlungen zu verringern. Dadurch verkürzt sich die Gesamtbehandlungsdauer, ohne Wirkungsverlust und ohne ein Mehr an Nebenwirkungen.

Vorsorge als wichtiger Faktor zur Krebsdiagnose

Generell gilt bei einer Krebserkrankung: Je früher diese festgestellt wird, desto besser kann sie behandelt und umso häufiger auch geheilt werden. Daher ist es Facharzt Dr. Sebastian Hock wichtig, Frauen und Männer zu motivieren, die vielfältigen Krebsfrüherkennungsprogramme wahrzunehmen. So gilt bei Männern: ab 35 Jahren die Hautkrebsvorsorge, ab 45 Jahren die Kontrolle beim Urologen und ab 50 Jahren die Darmkrebsvorsorge. Bei Frauen hingegen fängt eine erste Vorsorge für Gebärmutterhalskrebs bereits mit 20 Jahren an. Mit 30 Jahren beginnt die Vorsorge für Brustkrebs, ab 35 Jahren das Hautkrebsscreening und ab 50 Jahren sollte man regelmäßig zum Mammographie-Screening sowie zur Darmkrebsfrüherkennung.

Obwohl die meisten jungen Frauen bereits ab der Pubertät zwecks des Bedürfnisses zur Verhütung regelmäßig zum Frauenarzt gehen und der Einstieg in die Krebsfrüherkennung dadurch nahezu automatisch erfolgt, gehen weniger als 60 Prozent der Frauen jährlich zum Frauenarzt. Je älter sie werden, desto seltener gehen sie, obwohl das Risiko der Entstehung von Krebstumoren steigt. Bei den jungen Männern sind es noch weniger, die diese Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Dabei können durch Vorsorgeuntersuchungen wie eine Darmspiegelungen Polypen, Geschwülste im Inneren des Dickdarms, früh entdeckt und entfernt werden, sodass kein Darmkrebs entsteht. Oder Gebärmutterhalskrebs könnte sogar besiegt werden, wenn sich alle jungen Menschen gegen HPV (Humane Papillomviren) impfen lassen würden, wodurch nicht einmal Vorstufen dieser Krankheit entstehen.

Die Corona-Pandemie als Hemmer

In den letzten 1 ½ Jahren seien die Voruntersuchungen in Deutschland um über 20 Prozent zurückgegangen, sagt Dr. Sebastian Hock, was auf die Corona-Pandemie zurückzuführen sei. So gehen viele Menschen aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus nicht zum Arzt. Dadurch steigt das Risiko, Krebs erst in einem späten Stadium zu entdecken, was zu geringeren Erfolgsaussichten und aufwendigeren Behandlungsmethoden führen kann. Für Dr. Sebastian Hock ist es daher ein Anliegen, die Menschen dazu zu motivieren, zur Krebsfrüherkennung und den Nachuntersuchungen zu gehen. „Die Wenigsten in Deutschland stecken sich beim Arzt an“, versichert der Fachmediziner. „Wir wissen sehr gut, wie man Infektionen in Praxen und Krankenhäusern vorbeugt. Das Ansteckungsrisiko in privaten Räumen ist um ein Vielfaches größer.“

Eine gute Vernetzung ist unabdingbar

Neben der Prävention spielen bei der Behandlung von Krebs jedoch noch weitere Faktoren eine entscheidende Rolle. So auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Dazu gehört die enge Zusammenarbeit der Kliniken im Ostalbkreis. Die Vernetzung der Kliniken der verschiedenen Fachdisziplinen mit den niedergelassenen Fach- und Hausärzten sei eine der großen Stärken der Region, sagt Dr. Sebastian Hock.

Die Krebstherapie besteht aus drei Säulen: die operative Therapie, die Strahlentherapie sowie die Innere Medizin. Dazu gehören unter anderem Systemtherapie, Chemotherapie und die Immuntherapie. „Eine Krebserkrankung ist anders als zum Beispiel eine Blinddarmentzündung und benötigt viele Fachdisziplinen“, erklärt Dr. Sandra Röddiger, Fachärztin für Strahlentherapie. Daher sei dieses vernetzte Arbeiten so wichtig und auch Experten aus den Bereichen Diagnostik und der Pathologie werden hinzugezogen. In sogenannten Tumorboards sitzen diese Experten aus unterschiedlichen Fachdisziplinen zusammen, um eine ideale Behandlung für die Patient*innen zu gewährleisten.

Für Prof. Dr. Holger Hebart ist eine solche gute Vernetzung besonders wichtig, um den Fortschritt der Medizin allen Patienten zur Verfügung zu stellen. So arbeiten Organkrebszentren, Onkologische Zentren und Onkologische Spitzenzentren zusammen. Und das flächendeckend in Deutschland als Mehrstufenmodell der Deutschen Krebsgesellschaft. Die Digitalisierung bietet hier hervorragende Möglichkeiten für die Vernetzung. „So können wir Patienten in den virtuellen Tumorboards live vorstellen“, erklärt Prof. Dr. Holger Hebart. Ganz ohne die Notwendigkeit, dass Patienten quer durch Deutschland reisen müssen. Durch diese Vernetzung und Zusammenarbeit besteht zudem über Zentren der Personalisierten Medizin in Baden-Württemberg auch bei fortgeschrittenen Erkrankungen noch die Möglichkeit, Patient*innen ein Behandlungsangebot anzubieten, auch wenn die etablierten Verfahren ausgeschöpft sind. Das sei bei etwa 12 bis 13 Prozent der Patienten so, fügt Prof. Dr. Holger Hebart hinzu.

Onkologistik: Eine Netzwerkplattform zur Informationsbeschaffung

Dem gegenüber stünde, so Dr. Sandra Röddiger, das Praxensterben und der Nachwuchsmangel. „Es ist sehr schwierig, junge Mediziner für Onkologie zu begeistern“, sagt die Fachärztin für Strahlentherapie. Zusätzlich steigt die Anzahl an Tumorpatienten. Nicht nur wird die Bevölkerung generell immer älter, auch Patient*innen mit Krebs leben durch die Verbesserung der Therapien immer länger. Daher müssen die Mediziner sehr gut und vernetzt miteinander arbeiten. Weil die meisten zudem oft nicht wissen, an wen sie sich wenden müssen und um zu zeigen, dass man als Krebspatient kompetente Hilfe im Ostalbkreis erhalten kann, wollen Dr. Sandra Röddiger und ihre Kollegen diese Informationen Patient*innen und Angehörigen zur Verfügung stellen.

Das Projekt Onkologistik Ostalb soll hierbei helfen. Auf der Internetplattform soll die Logistik der Krebstherapien und vieles mehr zusammengeführt werden. Von onkologisch tätigen Ärzt*innen über Physiotherapie, Selbsthilfegruppen bis hin zu Friseuren, die Perücken herstellen, werden hier unterschiedliche Dienstleister und Informationen eingebunden – maßgeschneidert für den Ostalbkreis.

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