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Leserfragen zum Thema „Krebs im Focus“

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Inwieweit erschwert die Corona-Pandemie eine Krebspandemie?

Dr. Sebastian Hock: Sie macht es nicht einfacher. Wir müssen beachten, dass beim Besuch einer Praxis oder des Krankenhauses keine aktive Coronaerkankung vorliegt. Und wenn sie vorliegt, müssen wir entsprechende Schutzmaßnahmen ergreifen. Daher kann aber auch unter Coronabedingungen eine Behandlung gut und sicher stattfinden, auch zeitnah. Wenn es notwendig ist, finden wir eine Möglichkeit, zum Beispiel eine OP so einzurichten, dass keine wesentlichen Verzögerungen zustande kommen.

Vor allem im ersten und zweiten Lockdown hatten viele wegen der Ansteckungsgefahr Angst, zum Arzt zu gehen, und gingen deswegen seltener zur Vorsorge. Jetzt möchten viele diese Termine wieder wahrnehmen und wir müssen, trotz Terminmangel, das irgendwie aufholen. Mein Appell ist, dass jeder dennoch zur Vorsorge gehen sollte.

Macht eine Strahlentherapie vor einer Operation oder danach Sinn?

Dr. Sandra Röddiger: Es kommt immer darauf an, was für eine Krebserkrankung vorliegt. Es gibt internationale Richtlinien, nach denen behandelt wird und die das regeln. Auch, ob die Behandlung in Zusammenhang mit einer Chemo- oder Immuntherapie stattfindet. In den Tumorboards wird das Vorgehen besprochen, wann man die Strahlentherapie geschickterweise einsetzt.

Was ist der Unterschied zwischen einer Chemotherapie, einer Immuntherapie und einer Strahlentherapie?

Prof. Dr. Holger Hebart: Die Strahlentherapie ist ein hocheffektives Verfahren, um einen Tumor lokal zu behandeln und wirkt an der Stelle, die bestrahlt wird. Sie kann ergänzend im Rahmen einer Immuntherapie ein wichtiger Impuls sein, weil durch die Bestrahlung Eiweiße des Tumors freigesetzt werden, die die Aktivierung des Immunsystems nochmal verbessern. Im Gegensatz dazu wirken die Chemo- und die Immuntherapie im ganzen Körper. Die Effektivität ist dabei teilweise von Tumor zu Tumor unterschiedlich und eine Stärke liegt in der Kombination. Das führt beispielsweise bei Enddarmkrebs dazu, dass immer weniger Menschen den Enddarm durch eine Operation verlieren und diese wichtige Organfunktion dauerhaft behalten.

Es gibt mittlerweile so viele Krebsexperten. Wenn ich an Krebs erkrankt bin, wie weiß ich, an wen ich mich zu wenden habe?

Dr. Sandra Röddiger und Dr. Ralf Kurak: Schauen Sie auf unserer Internetplattform nach. Generell ist jedoch immer der Hausarzt der erste Ansprechpartner, dann natürlich die Fachärzte. Das Wichtigste ist das Vertrauen in die Ärzte und Ärztinnen der Region. Es herrscht hier ein hervorragendes Angebot.

Wir haben gesehen wie schnell wirksame Medikamente gegen Corona entwickelt werden können. Wieso gelingt uns das nicht beim Krebs?

Prof. Dr. Holger Hebart: Nehmen wir als Beispiel die chronische myeloische Leukämie (CML), eine bösartige Bluterkrankung mit langsamem Verlauf und mit einer Mortalität um die 25 bis 30 % sowie erheblichen Langzeitfolgen. Heutzutage nehmen Patient*innen ein bis zwei Tabletten am Tag ein und haben die gleiche Lebenserwartung wie Menschen, die nicht davon betroffen sind. Man kommt sogar soweit, dass man die Krankheit durch die Tabletten soweit zurückdrängt, dass etwa bei der Hälfte der Patient*innen diese Medikamente nach vielleicht vier oder fünf Jahren abgesetzt werden können. Das heißt, die Patient*innen sind durch Tabletten geheilt.

Diese Fortschritte gelingen insbesondere bei Erkrankungen, bei denen eine genetische Veränderung die gesamte Tumorerkrankung antreibt. Das ist bei anderen Krebsarten, die zum Beispiel durch Giftstoffe oder durch UV-Strahlung ausgelöst sind, leider nicht der Fall. Diese haben viele genetische Veränderungen und zentrale Gene in der Regulation von beispielsweise Zellteilung und Streuung die auch in anderen Zellprozessen eine wichtige Rolle spielen. Wenn man diese blockt, hat man wahrscheinlich relativ viele Nebenwirkungen. Das ist ein Feld, das gute Studien braucht. Aber die Entwicklung neuer Medikamente hat bei ganz vielen Erkrankungen in den letzten Jahren die Lebenserwartung im Sinne der Chronifizierung der Erkrankung dramatisch verbessert.

Dr. Sebastian Hock: Was Corona gezeigt hat ist, wenn man viel und schnell zusammenarbeitet und an vielen Stellen und Informationen und Forschungsergebnisse auch anderen schnell zugänglich macht, erreicht man auch in der Wissenschaft sehr schnell sehr viel. Im Bereich des Eierstockkrebs haben wir das gesehen, weil sich hier viele junge Forscher vor Jahren zusammengeschlossen und ihr Wissen gebündelt haben, um schneller voranzukommen. So kann auch Corona hier für uns eine Motivation sein. Wenn wir uns mehr vernetzen, mehr und schneller Forschungsergebnisse veröffentlichen und zusammenführen, dann werden wir auch im Bereich der Onkologie noch schneller vorankommen.

Müssen Ärzte besonders geschult sein, um einem Patienten zu sagen, dass er jetzt Krebs hat?

Dr. Sebastian Hock: Eine spannende Frage. Zu meiner Zeit im Studium hat dies nicht stattgefunden. Ich habe mich in Wahlkursen damit beschäftigt, wie man Patient*innen schwere Diagnosen mitteilt. Die heutigen Student*innen lernen sehr viel früher, wie sie mit Patient*innen kommunizieren. Bereits in den ersten Semestern. Dazu gehört auch ein großes Maß an Zuwendung zu den Patient*innen. Das gelingt umso besser, je mehr man diese kennt.

Früher hieß es, Krebspatienten müssen sich schonen, heute sagt man sehr oft Bewegung/Sport tut gut. Ist das abhängig von der Krebserkrankung?

Dr. Ralf Kurak: Es gibt sehr gute Studienergebnisse, die belegen, dass eine Sporttherapie oder viermal Ausdauersport á 30 Minuten in der Woche hervorragende Effekte haben. Für Brustkrebs ist das beispielsweise gezeigt worden. Oder dass Gewichtstraining bei Männern mit Prostatakrebs Einfluss hat. Sowohl in der Vorsorge als auch bei einer Erkrankung wird das empfohlen. Wichtig ist die Regelmäßigkeit. Die Empfehlung liegt hier bei beispielsweise einer Stunde Gehen am Tag oder ein leichtes Ausdauertraining.

Welche Abwehrkräfte gegen Krebs habe ich schon in meinem Körper und wie kann ich sie aktivieren?

Prof. Dr. Holger Hebart: Wir sind ständig mit Infektionen und anderen Einflüssen ausgesetzt und da kommt es zu starken Immunreaktionen. Der Körper hat Mechanismen entwickelt, damit diese Immunreaktionen sich nicht gegen die eigenen Körperzellen richten, also keine Autoimmunerkrankungen dadurch ausgelöst werden. Das kommt dem Krebsgeschwür zugute. Das sind körpereigene Zellen, sodass der Körper sich durch diesen Schutzmechanismus schwer tut, diese Zellen zu erkennen. Das sind die Aspekte, die mit der modernen Immuntherapie heutzutage angegangen werden. Sport und Ernährung spielen eine Rolle, weil sie das Immunsystem ankurbeln können. Es ist immer eine Frage der Dosis. Es gibt keine Krebsdiät, aber mediterrane Kost ist hier ein Schlagwort. Wir wissen, dass bestimmte Tumorarten in südlichen Ländern seltener sind und das hat auch was mit Ernährung zu tun. Genauso wissen wir, dass Japaner seltener an Magenkrebs erkranken, wenn sie nach Amerika umsiedeln, weil die Ernährung eine andere ist. Es gibt Faktoren, die eine Rolle spielen, aber die intertherapeutisch einzusetzen ist sehr schwierig. Ein wichtiger Aspekt ist auch die Kontrolle von Symptomen bei zum Beispiel Menschen mit chronischer Erkrankung. Durch frühe Einbindung von Spezialisten, die sehr gut die Kontrolle von Symptomen ermöglichen, können Menschen länger leben und eine bessere Lebensqualität haben. Daher ist auch ganz wichtig, dass in interdisziplinären Tumorboards die Palliativmedizin kompetent vertreten ist.

Vor einer OP muss es ja ein Aufklärungsgespräch geben. Halte ich dieses Gespräch auch mit dem Arzt, der mich hinterher auch operiert?

Dr. Ralf Kurak: Nicht zwangsläufig. Es muss ein fachärztlicher Standard bei der Aufklärung gewährleistet sein. Daher wird es meistens ein Facharzt sein, der diese Anforderungen erfüllt. Bei der Vielzahl an Kollegen und Patienten ließe sich das auch nicht immer koordinieren.

Dr. Sebastian Hock: Oft sind es auch mehrere Gespräche, die von unterschiedlichen Personen, die beteiligt sind, geführt werden. Die Aufklärung, um im Detail die Operation zu klären mit allen Risiken, wird oft an Ärzte delegiert, die dann nicht unbedingt im OP stehen, und der sich ausgiebig Zeit nimmt mit Patient*innen zu besprechen.

Überall wird gerade von leichter Sprache gesprochen. Warum ist die Ärztesprache so kompliziert? Wie oft müssen Sie übersetzen?

Prof. Dr. Holger Hebart: Wir versuchen immer so verständlich wie möglich zu erklären. Wir müssen aber auch unterscheiden zwischen Kommunikation zwischen Ärzten und Kommunikation mit Patienten. In Arztbriefen, die Patienten häufig mitgegeben werden, ist es sehr wichtig, dass Fachbegriffe angewendet werden, weil dann jeder Kollege weiß, was damit gemeint ist. Blumige Umschreibungen sind da wenig hilfreich. Im Gespräch mit den Patient*innen muss man hingegen gut überlegen, was diese aufnehmen können. Aufklärungsgespräche sind sehr schwierig, weil Patienten häufig geschockt sind über die Diagnose und gar nicht aufnahmefähig sind. Uns ist es daher ein großes Anliegen, dass Angehörige dabei sind, um das gemeinsam zu besprechen. Oft reicht ein einzelnes Gespräch nicht aus und man greift lieber auf mehrere, dafür kürzere, zurück. Häufig ist das auch ein Prozess, während man in Behandlung ist. Da kommen oft neue Fragen auf, weil sich auch viel in kurzer Zeit ändern kann. Ganz wichtig ist es auch, Selbsthilfegruppen in die Arbeit mit einbinden. Hier können die Leute ebenfalls nochmal Fragen stellen und sich mit Betroffenen austauschen, was ein wichtiger Aspekt ist.

Dr. Sandra Röddiger: Es macht einen Unterschied, mit wem man spricht. Empathie ist da natürlich auch wichtig. Da hilft es auch, vorweg bereits darauf hinzuweisen, dass die Patient*innen uns unterbrechen können, wenn sie etwas nicht verstanden haben und nachzufragen. Dafür sind wir da. Auch wenn eine Frage erst im Nachhinein auftritt.

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