Ende einer Dienstzeit: Blick zurück mit Stolz und einem Hauch Enttäuschung

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Oberbürgermeister Thilo Rentschler im Interview zum Ende seiner Amtszeit vor wenigen Tagen.

Im Gespräch mit Bea Wiese zieht Thilo Rentschler eine sehr persönliche Bilanz seiner Amtszeit: über kommunale Projekte, überraschende Wendungen und den „Turbo Thilo“, der für ihn mehr ist als ein Spitzname.

Acht Jahre Oberbürgermeister. Vergleichsweise eine kurze Amtszeit. Und doch hat sich Aalen in den vergangenen acht Jahren stark verändert. Wie blickt Thilo Rentschler auf seine Amtszeit zurück?

Herr Rentschler, bevor Sie nach Aalen kamen, waren Sie tätig als Unternehmer, als Vorstandschef - und dann wurden Sie zum ersten Mal Oberbürgermeister. Was hat Sie am meisten überrascht im Amt?

Thilo Rentschler: Dass man als Oberbürgermeister jeden Tag eine Besonderheit, etwas Ungewöhnliches, mindestens ein völlig unvorhergesehenes Ereignis hat, auf das man dann sofort und adäquat reagieren muss. Wenn ich das mit meiner Zeit in Mariaberg vergleiche, war so etwas vielleicht einmal in der Woche der Fall. Diese Frequenz hat sich erhöht, nicht nur durch Corona.

Das eindrücklichste Beispiel ist der Abend des 26. März 2014: Bürgerbeteiligung in der ehemaligen Hofackerschule in der Gartenstraße stand auf der Agenda. Es ging um die Einrichtung einer Asylunterkunft. Wir waren mitten in einer spannenden Diskussion, da kamen mehrere Anrufe auf meinem Handy an. Feuerwehrkommandant Niedziella versuchte, mich zu erreichen. Eine sogenannte Großschadenslage: das Bahnausbesserungswerk, also der jetzige KubAA, stand in Vollbrand. Wir haben die Versammlung vertagt. Dem Feuerwehrkommandanten habe ich gesagt, Sie müssen das Gebäude irgendwie retten und nicht kontrolliert abbrennen lassen.

Was würden Sie rückblickend nach acht Jahren als Oberbürgermeister anders machen?

Kommunale Entscheidungen betreffen immer die eigene Bürgerschaft, Nachbarn, Menschen, denen ich täglich begegne. Man muss mit dem ständigen Feedback aller Beteiligten leben. Meine Haltung war, mit viel Fleiß, mit ganzheitlichem Denken, lösungsorientiert an die Dinge ranzugehen – mit klarer Strategie. Kommunale Projekte sind oft hochkomplex, haben eine lange Vorlauf- und Realisierungszeit. Rückblickend würde ich die Dinge noch häufiger erklären, begründen, Hintergründe darlegen, wie Entscheidungen zustande kommen - übrigens auch gegenüber den Medien. Ein früheres Einbinden und vertrauensvolles Miteinander kann helfen. Manchmal hätte ich aber auch schneller und eindeutig entscheiden sollen.

Bei welchen Projekten zum Beispiel?

Beispiel Schätteretrasse Unterkochen: Was ich nicht erkannt habe, war, dass der Konflikt schon 30 Jahre alt war, dass da andere Muster dahinter ablaufen. Da wurde Jahrzehnte gestritten, ohne dass das Hauptorgan, der Gemeinderat entscheidet. Es wurde von mir versucht, an Runden Tischen Lösungen zu erzielen. Dann hätte man zwingend eine Entscheidung im Gemeinderat herbeiführen müssen – mit den Lösungen vom Runden Tisch.

Viele Aalener haben erwartet, dass Sie als OB noch einmal antreten. Warum wollen Sie jetzt zur IHK wechseln?

Es waren sehr arbeitsintensive acht Jahre, ich habe das Amt mit Herzblut und Leidenschaft und mit vollem Zeiteinsatz ausgefüllt. Dann stand das Angebot der IHK im Raum, ich habe mich nicht aktiv beworben, ich bin angesprochen worden. Privat kam im Herbst 2020 dazu, dass ich zum ersten Mal Großvater geworden bin, außerdem die Demenzerkrankung meines Vaters. Leben und Schicksal also eng beieinander, zudem sind Siegfried Lingel und Alfons Wiedemann zu Grabe getragen worden, beide Macher und Freunde, bei denen ich Trauerreden hielt. Und nach Reflektieren der besonderen Situation hier in Aalen habe ich mich im Austausch mit meiner Frau entschieden, auf das Angebot der IHK einzugehen und mich der Wahl in der IHK-Hauptversammlung zu stellen.

Worauf spielen Sie an mit „der besonderen Situation hier in Aalen“? Welche Rolle spielt der Aalener Gemeinderat?

Bereits meine beiden Vorgänger im Amt mussten spüren, dass ein Miteinander bei der Entscheidungsfindung häufig gestört wurde. Gemeinsames Gestalten war mein Ansatz, den ich im Wahlkampf 2013 postuliert hatte. »

Es hat sich herauskristallisiert, dass die Lösungsvorschläge der Verwaltung mit ihren kompetenten Fachleuten und deren Abstimmung mit den politischen Akteuren zunehmend schwieriger wurde.

Was hinzukommt: Bei meinem Besuch der Fraktionen im Herbst 2020 habe ich praktisch keine Reaktion von den beiden größten Fraktionen bekommen, wie es gemeinsam weitergehen könnte oder sollte. Möglicherweise war es der Pandemie geschuldet, vielleicht auch anderen Dingen.

Ich hätte es auf jeden Fall für vernünftig gehalten, wenn ich nicht nur von der SPD, den Freien Wählern und den Linken eine Rückmeldung über eine mögliche weitere Zusammenarbeit erhalten hätte.

Wenn Sie Bilanz Ihrer Amtszeit ziehen, auf welche Projekte sind Sie stolz?

Zentral war das Thema Bildung und Betreuung. Vor allem der Abbau des Sanierungsstaus in den Schulen und der Ausbau der Kitaplätze. Insgesamt sind in diese beiden Bereiche seit 2013 weit mehr als 100 Millionen Euro geflossen, zum Teil sind sie noch mit weiteren hohen Millionenbeträgen abzuarbeiten.

Der zweite Bereich war der konsequente Ausbau der Hochschule als Bildungseinrichtung, Partner für die Wirtschaft, als Zukunftssicherung für die ganze Region. Das dritte große Thema ist der Wohnungsbau, die Schaffung bezahlbaren Wohnraums.

Stadtoval, Rötenberg, Maiergasse Wasseralfingen, Pelzwasen, auch Schlatäcker wird nach und nach bebaut, am Tannenwäldle ist erst begonnen worden; eine ganze Menge neuer Wohnungen kommt in den nächsten zwei Jahren noch auf den Markt.

Viele Projekte der Wohnungsbau Aalen und vieler privater Investoren wurden in den vergangenen acht Jahren verwirklicht oder aufgegleist. Das wird einen enormen Entlastungseffekt haben. Und wirkt letztlich mietpreisdämpfend, ganz einfach, weil dann das Mietangebot größer ist.

Und welche Projekte haben nicht geklappt, was ist liegengeblieben?

Die Jugendkunstschule deutlich früher an den Start zu bringen, ein Herzensprojekt von mir. Es gibt einen einstimmigen Gemeinderatsbeschluss, und ohne die Pandemie hätten wir das Projekt ein Jahr früher auf den Weg bekommen. Dann das Jahrhundertbauwerk Bahnunterführung Walkstraße. Das ist nicht liegengeblieben, aber in die Planung sind Bund, Bahn, Eisenbahnbundesamt, Stuttgart und wir involviert. Ich hoffe noch vor der Bundestagswahl auf den erlösenden Anruf von der Bahn, um das Projekt endlich starten zu können. Dort hängt die Unterzeichnung der Kreuzungsbeseitigungsvereinbarung. Bahn und Bundesverkehrsministerium sind sich bezüglich der Kostenteilung nicht einig. Seitens der Stadt sind alle vorab möglichen Arbeiten erledigt.

Turbo Thilo - wann hat der Spitzname angefangen, Sie zu nerven?

Gar nicht. Geschwindigkeit spielt bei der Stadtentwicklung insofern eine Rolle, da die Stadt in ständigem Wettbewerb mit anderen Kommunen und Regionen steht. Eine gut ausgebaute Infrastruktur ist Voraussetzung, damit Unternehmer investieren und eine Gesellschaft sich entfalten kann. Ich stehe dazu: Geschwindigkeit und Gründlichkeit sind wichtig – und zwar gemeinsam!

Sie haben regiert in einer Zeit der stetigen Zuwächse fürs Stadtsäckel. Dann kam Corona mit den Einnahmeausfällen. Wie sicher sind Sie, dass Millionenprojekte wie das Kombibad tatsächlich noch gebaut werden?

Dank des Rettungsschirms des Bundes ist der städtische Haushalt 2020 gesichert worden. 2021 fließen auch noch Hilfen in vermindertem Umfang. Die Ausfälle bei Umsatz-, Einkommens- und Gewerbesteuer sind nicht so groß wie ursprünglich angenommen, eigentlich nur bei der Vergnügungssteuer, und das wirkt sich kaum aus.

Die Wirtschaft läuft wieder gut an, ich bin sicher, wir werden sogar mit einem positiven Effekt aus der Krise rauskommen. Die Eckdaten des Haushalts schauen gut aus. Der Schuldenstand, der Ende 2020 bei niedrigen 33 Millionen Euro lag, wird bis Ende 2021 nur moderat, vielleicht sogar überhaupt nicht ansteigen.

Für das Kombibad haben Stadt und Stadtwerke über Bausparverträge eine solide langfristige Finanzierung mit Zinsbindung gesichert. Bei den Baukosten haben wir einen Puffer bereits eingepreist. Die Zusicherung, dass die Stadt über die nächsten vier Jahre elf Millionen Euro Zuschuss gibt, steht. In der mittelfristigen Finanzplanung ist das verankert.

Worauf freuen Sie sich am meisten an Tag eins nach Ihrer Oberbürgermeister-Zeit?

Ich freue mich auf die Zukunftsoffensive Ostwürttemberg, bei der die IHK maßgebliche Akzente setzt. Wir starten am 8. November unter Schirmherrschaft der Wirtschaftsministerin konkret in die Umsetzungsphase. Digitalisierung, Wandel in der Automobilindustrie, Maschinenbau, Nachhaltigkeit, Klima - wir stehen vor einem riesen Transformationsprozess, da wird die IHK gemeinsam mit vielen weiteren Akteuren ihren Beitrag leisten.

Und auf was freuen sie sich nach Ihrer Amtszeit als Oberbürgermeister ganz privat?

Privat freue ich mich, dass mich nicht mehr alle Themen Tag und Nacht, zum Teil bis hinein in eine schlaflose Nacht, begleiten werden.

Ich freue mich auf eine andere Art von Lebensqualität nach acht sehr intensiven Jahren.

Beste Laune hatte der Oberbürgermeister bei der Einweihung des neuen Rathauses in Dewangen vor zwei Jahren.
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