2017 war ein Jahr der Konsolidierung

Anlässlich des Kalten Marktes in Ellwangen blickt Helmut Hessenauer, der Leiter des Geschäftsbereichs Landwirtschaft beim Landratsamt Ostalbkreis, auf das abgelaufene Landwirtschaftsjahr zurück. Sein Fazit: Für die Landwirte auf der Ostalb war 2017 ein gutes Jahr.
  • Kälte, Schnee und Frostnächte machen der Landwirtschaft zu Anfang des Jahres Probleme. Vor allem beim Obst und Grünfutter mussten die Bauern mit Einbußen rechnen. Doch dann zeigte sich das Wetter noch bedeutend freundlicher. Foto: gek
  • Als das Getreide reif war, kam der Regen. Es kam zu Qualitätseinbußen, doch insgesamt konnten die Landwirte auf der Ostalb eine leicht überdurchschnittliche Getreideernte einfahren. Foto: opo

Ellwangen. Ganz im Gegensatz zu 2016 war der Witterungsverlauf nicht durch Extremereignisse geprägt – mit einer Ausnahme: Mitte April kam es zu starken Spätfrösten, die im Obstanbau erhebliche Schäden anrichteten. Der wirtschaftliche Schaden hier im Ostalbkreis war begrenzt, denn hier überwiegt der Streuobstanbau. Anders in den Gebieten mit Erwerbsobstbau: Dort fiel in vielen Fällen die komplette Ernte aus.

Günstiges Wetter insbesondere für Grünfutter

Für die Kulturarten auf der Ostalb war das Wetter günstig. Zwar war es im Frühjahr sehr trocken. Die Niederschläge kamen aber zunächst zur rechten Zeit. Lediglich kurz vor der Ernte litten dann die Bestände auf schlechten Standorten unter der Trockenheit. Als dann das Getreide reif war, regnete es. Es kam zwar zu Qualitätseinbußen, doch insgesamt konnten die Landwirte auf der Ostalb eine leicht überdurchschnittliche Getreideernte einfahren. Sehr gute Erträge gab es bei der Grünfutterernte und beim Silomais. Die Futterbaubetriebe konnten daher mit hohen Grundfuttervorräten in den Winter gehen.

Anstiegende Milchpreise seit Mitte 2016

Auch bei den Preisen gab es Entspannung. Die Milchpreise waren von 2014 bis Mitte 2016 sehr niedrig. Ab Mitte 2016 stiegen die Milchpreise dann deutlich an. Dieser Anstieg hat sich 2017 fortgesetzt, da die erzeugte Milch knapp war. Insbesondere das Butterfett war gefragt und Mitte des Jahres war die Rede von Versorgungsengpässen zur Weihnachtszeit. Dies hat sich nicht bewahrheitet. Vielmehr sind seit dem Herbst die Preise für Butterfett rückläufig.

Die Trendwende an den Milchmärkten war auch für den Verbraucher wahrnehmbar. Sie spürten die Aufschläge bei Butter am deutlichsten. So kostet die 250-Gramm-Butterpackung selbst beim Discounter zeitweise fast zwei Euro. Mittlerweile sind die Preise im Lebensmitteleinzelhandel wieder rückläufig. Bei anderen Milchprodukten stiegen die Verbraucherpreise deutlich moderater. Dies ist auch ein Grund dafür, dass die Erzeugerpreise weit weniger stiegen als die Verbraucherpreise.

Milchmenge wieder deutlich über dem Vorjahresniveau

Die Milchbauern brauchen die höheren Preise. Das lange Preistal hat auf den Betrieben die Liquidität belastet. Die entstandenen Lücken müssen nunmehr geschlossen werden. Es gilt auch, Vorsorge für neuerliche Preisrückgänge zu treffen. Denn viele Milchviehhalter haben reagiert und die erzeugte Milchmenge liegt bereits jetzt wieder deutlich über dem Vorjahresniveau. Zwar ist die weltweite Nachfrage immer noch hoch. Eine Trendumkehr ist aber nicht ausgeschlossen. Auch die hiesigen Milchpreise werden heute weitgehend vom Weltmarkt bestimmt. Große Preisschwankungen sind dort die Regel.

Große Verunsicherung bei den Schweinezüchtern

Neben der Milchviehhaltung spielt im Ostalbkreis die Schweinehaltung eine wichtige Rolle. Auch dort waren die Preise bis in den Frühsommer 2016 niedrig. Die Trendwende setzte dort früher ein, war aber dafür weniger nachhaltig. Etwa seit Jahresmitte 2017 sind die Preise wieder rückläufig. In der Schweinehaltung ist nach wie vor eine große Verunsicherung zu spüren.

Für das vorgesehene betäubungslose Kastrationsverbot ab 2019 gibt es immer noch kein praxisreifes Verfahren, welches das gängige Kastrieren ersetzen könnte und aufgrund eines Gerichtsurteils sind neue Anforderungen an die Haltung der Sauen zu erwarten. Letztere sind voraussichtlich abermals mit größeren Investitionen verbunden. Bis wann die Ställe umgerüstet sein müssen, ist derzeit nicht absehbar. Es ist daher leider zu erwarten, dass die Zahl der Schweinehalter auf der Ostalb noch weiter zurückgeht. Derzeit gibt es im Ostalbkreis weniger als 100 Betriebe, die noch Zuchtsauen halten. Vor zehn Jahren waren es noch weit über 200 Betriebe.

Hohe Anforderungen werden zum Dilemma der Landwirte

Am Beispiel der Schweinehaltung zeigt sich ein Dilemma, das Landwirten zu schaffen macht. Nicht nur der Gesetzgeber stellt höhere Anforderungen an die Tierhaltung. Auch der Lebensmitteleinzelhandel fordert hohe, über das gesetzliche Maß hin- ausgehende Tierwohlstandards, weil er sich dadurch Vermarktungsvorteile verspricht.

Allerdings müssen die Verbraucher dann auch bereit sein, Mehraufwendungen der Landwirte zu honorieren. Wenn der Aufwand nicht bezahlt wird, geht es zulasten der Wettbewerbsfähigkeit und beschleunigt nur den Strukturwandel. Die Erzeugung wandert dann dorthin, wo die Anforderungen nicht so hoch sind.

Schärfere Regulierungen in der Pflanzenproduktion

Die Milchbauern brauchen die höheren Preise. Das lange Preistal hat auf den Betrieben die Liquidität belastet.

Helmut Hessenauer

Auch in der Pflanzenproduktion kam es 2017 zu schärferen Regulierungen. Nach langem Hin und Her einigten sich der Bund und die Länder auf ein neues Düngepaket. So trat ab 1. Juli 2017 die neue Düngeverordnung in Kraft. Sie enthält eine Reihe neuer Vorgaben zur Ausbringtechnik und schränkt die Düngung insbesondere nach der Ernte von Ackerfrüchten ein. Unter anderem wurde das Ausbringverbot für flüssige Wirtschaftsdünger in der vegetationsfreien Zeit ausgedehnt.

Neu sind auch zusätzliche Dokumentationspflichten. So müssen zu allen Kulturen Düngebedarfsrechnungen erstellt werden. Die schon bisher geforderte Nährstoffbilanzierung wurde präzisiert. Im Ergebnis müssen zunächst die viehstarken und zukünftig alle größeren Betriebe ihre Nährstoffe gleich zweimal bilanzieren.

In der Praxis sind solche Anforderungen nicht nachvollziehbar und zu Recht wird dies als ein Übermaß an Bürokratie empfunden. Die Anforderungen an die bessere Ausbringtechnik und die notwendig gewordenen höheren Lagerkapazitäten erfordern erhebliche Investitionen und erhöhen die Kosten. Es ist zu befürchten, dass dies den Strukturwandel beschleunigt. Andererseits trägt die zukünftig geforderte bodennahe Ausbringung ganz erheblich dazu bei, dass die Ammoniakemissionen deutlich reduziert werden.

Hohe Bürokratielasten für die Landwirte

Die hohen Bürokratielasten werden in der Landwirtschaft oft der EU und ihren Gremien angelastet. Ob dies in allen Fällen so ist, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass die gemeinsame Agrarpolitik von der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft an ein zentrales Politikfeld war. Die Landwirtschaft hat, wie auch alle anderen Wirtschaftsbereiche, ungemein vom gemeinsamen Markt und der gemeinsamen Agrarpolitik profitiert. Die Produktivität in der Landwirtschaft ist wahrscheinlich in den vergangenen Jahrzehnten so stark gestiegen wie nur in wenigen Wirtschaftszweigen und die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist zumindest hier in Europa sichergestellt.

Einkommen der Landwirte steht nicht zur Disposition

Andere Ziele sind nach wie vor aktuell, wenn auch mit anderen Schwerpunkten und vor einem anderen Hintergrund. Neue Handlungsfelder sind hinzugekommen. So kümmert sich die EU heute auch um die Standards im Tier- und Umweltschutz; sie legt großen Wert auf den Klimaschutz und die Entwicklung des ländlichen Raumes. Doch die Stabilisierung der Einkommen der Landwirte ist nach wie vor ein wichtiges Ziel. Sie ist in den Verträgen festgeschrieben und steht nicht zur Disposition.

Weil die festgeschriebenen und neu hinzugekommenen Ziele in unterschiedlichem Maße erreicht wurden, musste die EU ihre Förderinstrumente immer wieder neu ausrichten. Das mag den Eindruck erwecken, dass die EU-Agrarpolitik nicht sehr konstant war. Man sollte sich aber vergegenwärtigen, mit welchen Herausforderungen die EU mit derzeit 28 Mitgliedstaaten zu kämpfen hatte und hat.

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wie es gekommen wäre, wenn Agrarpolitik Sache der Nationalstaaten geblieben wäre. Vielleicht hat die Landwirtschaft hierzulande davon profitiert, dass Landwirtschaft in anderen EU-Ländern noch einen höheren Stellenwert als bei uns hier in Deutschland hat.

Allein in den Ostalbkreis fließen Jahr für Jahr mehr als 18 Millionen Euro in Form von Direktzahlungen. Dazu kommen rund 5 Millionen Euro über weitere Förderprogramme, die von der EU mitfinanziert werden. Diese Mittel sind nicht nur für die Existenzsicherung unserer Landwirte von Bedeutung. Sie gewährleisten auch, dass unsere Kulturlandschaft erhalten bleibt und sie verbleiben als Wertschöpfung in der Region.

EU-Fördermittel sollen neu verteilt werden

Derzeit gibt es erste Überlegungen, wie es mit der EU-Agrarpolitik weitergehen soll. Die derzeitige Förderperiode läuft bis 2020. Eine eindeutige Richtung ist jedoch noch nicht zu erkennen. Klar ist, dass die Fördermittel anders verteilt werden sollen. Die Tierhaltung soll bei den EU-Direktzahlungen wieder eine größere Rolle spielen. Derzeit ist allein die bewirtschaftete Fläche für die Höhe der Direktzahlungen entscheidend. Flächenstarke Betriebe erhalten daher vergleichsweise viel Direktzahlungen. Dagegen profitieren kleinere Betriebe, die ihr Einkommen eher aus der Tierhaltung erwirtschaften, weniger.

Einig ist man sich derzeit darüber, dass die zukünftige Agrarförderung weniger bürokratisch ablaufen soll. Es gibt auch den Vorschlag, dass die EU nur die Ziele vorgibt und die Mitgliedstaaten darin „frei“ sind, wie diese Ziele erreicht werden. Es bleibt zu hoffen, dass der Bürokratieabbau bei den geforderten Änderungen, die nicht alle in die gleiche Richtung gehen, auch gelingt.

© Schwäbische Post 03.01.2018 16:58
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