URAUFFÜHRUNG

Empörende Wahrheiten: „In the Name of“ an den Münchner Kammerspielen

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Künstlerisch reizvoll, inhaltlich brisant, bitter ironisch, aber nie moralisierend ist „In the Name of“ (hier Lisa Marie Stojčev).
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Mindestens eine Millionen Kinder wurden in den 1860er- bis 1970er Jahren zwangsadoptiert. Liat Fassbergs „In the Name of“ beschäftigt sich mit dem Schmerz der Angehörigen, den Ausflüchten der Diebe und dem Recht des Menschen auf das Wissen um die eigene Biografie.

Entführt, gestohlen, verschleppt. In fünf Sprachen gehören diese Wörter ins Vokabular der 1860er- bis 1970er-Jahre und wurden damals doch nicht ausgesprochen. Die Rede ist von mindestens einer Million zwangsadoptierter Kinder: die ihre Heimat niemals wiedergesehen haben; die ihre leiblichen Mütter niemals kennengelernt haben; die, verschenkt oder versklavt, ihrem natürlichen Umfeld unrechtmäßig entwendet wurden von einem staatlichen System im Namen des ... ja, was eigentlich? Des Gesetzes? Der Wahrheit, Mehrheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit? Wohl kaum.

„In the Name of“ bringt empörende Wahrheiten ans Licht

„In the Name of“: Für dieses Dokumentarstück wurde Liat Fassberg (geboren 1985 in Jerusalem) im Rahmen von „Neue Zeit, neue Dramatik“ 2021 mit dem Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik ausgezeichnet. Nun schaut das Publikum gemeinsam mit Fassberg nach England und in die USA, nach Belgien und in die DDR, nach Spanien, Australien, Israel, Kanada. Und es stockt ihm der Atem angesichts der empörenden Wahrheiten, die da ausgerollt werden zwischen hautfarbenem Tuch und grauem Filz. Im Bühnenbild von Leonard Mandl scheinen Wortspiele einfach direkt in Bilder übersetzt: Vergangenheit, verschluckt vom Schlund der Vergessenheit, auf einem Flickenteppich aus Erinnerungsfetzen.

Auf DIN-A3-Papier versammelte Fassberg Geschichts- und Gedächtnisschnipsel zu einer Theatertext-Collage voller kommentierender Referenzen – Erzählmaterial, welches, unvollendet, zur Diskussion auffordert. Der Charakter der 90-minütigen Uraufführung im Werkraum der Kammerspiele spiegelt die Verschwiegenheit eines skandalösen Themas und seine lückenhafte Dokumentation – künstlerisch reizvoll, inhaltlich brisant, dabei bitter ironisch, nie aber sentimental oder moralisierend.

„In the Name of“ an den Münchner Kammerspielen

Schon im Foyer beginnt die Inszenierung

Der Inszenierung von Joël-Conrad Hieronymus gelingt, adäquat zu Fassbergs experimenteller Poesie, das spannende Konzentrat einer Polyphonie. Dies beginnt bereits im Foyer des Werkraums beim Knüpfen eines roten Fadens durch die Figur einer trauernden Mutter, die wie im Wahn nach ihrem zur angeblichen Impfung abtransportierten, geklauten, fortgegebenen, doch ihr für tot erklärten Baby sucht. Es setzt sich fort im exakten, effektiven Einsatz reduzierter Mittel, etwa dem Zelebrieren von Stimme und Sprachrhythmen zur Komposition von Max Mahlert als Ausdruck von Gefühl und Haltung.

Lisa Marie Stojčev, Bernardo Arias Porras, Svetlana Belesova, Edmund Telgenkämper sowie, von der Otto-Falckenberg-Schule, Isabell Antonia Höckel und Anton Nürnberg beleuchten das Unglaubliche aus vielen Perspektiven: den Schmerz von Betroffenen und Angehörigen, die Feigheit und Ausflüchte der Diebe, vor allem aber das Recht des Menschen auf das Wissen um die eigene Biografie.

Ebenfalls an den Münchner Kammerspielen: „Pigs“ - dreht sich nicht nur um Schweine, sondern stellt die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Unsere Premierenkritik.

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